ESCH/BELVAL
MARA KROTH

Gedanken über eine der schlimmsten und besten Erfahrung, die ich jemals gemacht habe - Teil 1

Alles begann damit, dass meine Mutter bei einer befreundeten Heilpraktikerin zum Termin war und ab sofort ihre Ernährung umgestellt hatte. Das Ganze nannte sich „Candida- Diät“- jegliche Arten Getreide, Zucker und Alkohol wurden aus der Küche verbannt. Außerdem verzichtete sie ebenfalls auf Histamin-haltige Lebensmittel wie zum Beispiel Tomaten, Käse, Avocados und noch viel mehr.

Nichts Ungewöhnliches, da sie schon seit längerem auf gewisse Lebensmittel allergisch reagierte. Ich hatte mich mit dieser ganzen Thematik nicht wirklich auseinander gesetzt. Da sich ja seit circa fünf Jahren eine Epidemie der Gluten- und Histamin - Unverträglichkeit in den westlichen Industrienationen ausbreitete, hatte ich mich über diesen neuen Hype eher lustig gemacht, als dass ich mich ernsthaft mit ihm beschäftigte.

Auf Heimatbesuch in Deutschland wurde ich neugierig: Selbstgemachtes Getreide-freies Brot und Suppe aus dem Thermomix: worum geht es hier nochmal, Mama?, hakte ich nach und Mama erklärte: Bei besagter Diät wurde die „Candidamykose“ bekämpft, also die Infektion des Darmtrakts mit dem Hefepilz der Gattung Candida. Bei schlechter Ernährung, Stress und Immunschwäche vermehrt sich der Candida- Pilz und sorgt für all die unschönen Dinge im Leben. Verstopfungen, aufgeblähter Bauch, Sodbrennen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, und weitere Beschwerden.

Wahnsinn oder Wahrheit?

Ich dachte nach, schaute runter auf meinen runden Bauch, schaute Mama an, die seit dem letzten Wiedersehen schon mindestens drei Kilo verloren hatte. Die vergangenen Sommermonate, gezeichnet von Bier und Barbecue im Garten, Süßigkeiten hier und da, Zigaretten und der ein oder anderen Party hatten auch bei mir Spuren hinterlassen: In meinem Gesicht, auf meiner Haut, in meinem Bauch und an Beinen und Po.

Ob ich auch einen Termin bei besagter befreundeter Heilpraktikerin haben könnte, fragte ich. Konnte ja nicht schaden, zudem waren meine Mutter und ich aus demselben Holz geschnitzt, was das Körperliche anging.

Zehn Tage später fand ich mich auf der Liege in der Praxis der besagten Heilpraktikerin wieder und auch in meinem ersten inneren Konflikt, auf den noch viele weitere folgen sollten. Ich habe ein wissenschaftliches Studium der Psychologie abgeschlossen und zu den ersten Regeln, die man dort lernte, zählten die Gütekriterien der wissenschaftlichen Testung: Objektivität, Verlässlichkeit und Validität. Wieso fielen mir diese Gütekriterien ein, während die Heilpraktikerin an meinen Armen und Beinen rumfummelte?

Um den Candida- Befall in meinem Darm zu testen wurde der sogenannte „kinesiologische Muskeltest“ verwendet. Ich musste meinen rechten Arm ausstrecken, sie drückte und ich sollte dem Druck standhalten. Danach gab sie mir ein kleines Fläschchen in die linke Hand, dessen Inhalt einer Candida- Probe entsprach, und wie durch ein Wunder konnte sie meinen rechten ausgestreckten Arm mühelos nach unten drücken. Ich lag also auf der Liege und stellte fest, dass diese Art von Testungen weder objektiv noch messgenau waren. Des Weiteren zweifelte ich daran, dass das Ergebnis bei späterer Wiederholung genauso reproduziert werden könnte.

Die ungewisse Ruhe vor dem Sturm

Ich wollte nicht aufmüpfig sein, also sagte ich nichts. Das Ergebnis lautete: Ganz eindeutig Candidamykose. Selbe Diät, 4 Wochen lang kein Zucker, keine Süßungsmittel und auch kein Obst. Kein Alkohol und auf gar keinen Fall Getreide. Ein oder zwei Knäckebrote seien mal erlaubt. Ein ganz saurer Apfel und Blaubeeren, aber hier handle es sich schon um die „light“ Version. Erlaubt war alles, was ich als Vegetarierin schon kannte. Gemüse in allen Formen und Farben, pflanzliche Öle, Nüsse, Kerne und Samen sowie Milchprodukte von Kuh, Schaf und Ziege.

Ich wurde also mit Mappe, Infoblättern und Rezepten ausgestattet. Mama hatte schon einen Nachschub „Nystatin“ bestellt, dem Medikament, welches dem Candida den Kampf ansagen sollte.

Ausgestattet mit Tablettendöschen, sauren Äpfeln aus dem Garten unserer Nachbarin, fünf verschiedenen Nuss- und Samensorten und dem ermutigenden Blick meiner Mutter machte ich mich wieder auf den Nachhauseweg. In Luxemburg angekommen rief ich meine Freundin Lisa an und erzählte ihr von meinem abenteuerlichen Vorhaben und den fragwürdigen Methoden der Heilpraktikerin. Als Kind wäre sie auch immer zum Homöopathen geschickt worden, antwortete sie. Schon als Kind habe sie gemerkt, dass da was nicht stimmte.

„Ich lag da dann immer und habe gedacht: Das wird schon irgendwie alles seine Richtigkeit haben“. Mit diesen Worten im Hinterkopf startete ich in meine erste Woche Candida- Diät.

Zur Person: Mara Kroth

Mara Kroth, 23, hat ihren Bachelor in Psychologie an der Uni.lu abgeschlossen und ist nun Masterstudentin in Management und Coaching. Offen für Neues, jedoch kritisch gegenüber dem Unwissenschaftlichen lässt sie sich auf ein Ernährungsexperiment ein. Seitdem hat sich ihre Meinung über die süßen Dinge im Leben geändert. In der Vergangenheit hat sie sich bereits mit der veganen Ernährung auseinander gesetzt und isst seit
fünf Jahren vegetarisch.