MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Isabelle Kocher, Symbolfigur der französischen Industrie, muss ihr Büro räumen

Nach dreieinhalb Jahren ist Schluss. Isabelle Kocher, einzige Frau in der Landschaft der 40 französischen Großkonzerne, die den Pariser Börsenindex bestimmen, ist in Ungnade gefallen. Der Verwaltungsrat des Energiekonzerns Engie beendete ihre Arbeit. Eine Nachfolge gibt es allerdings nicht. Ein Triumvirat, bestehend aus einem Mann und zwei Frauen, leitet nun das Unternehmen, begleitet vom Vorsitzenden des Verwaltungsrates. Die französische Männergesellschaft hat sich durchgesetzt.

Eine echte Chance hatte die 53-jährige Mutter von fünf Kindern nie wirklich. Der frühere Wirtschaftsminister Emmanuel Macron war der Meinung, dass sie nicht gut genug sei für die Spitze eines Unternehmens. Die Meinung nahm er mit in das Amt des französischen Staatspräsidenten. Eine nicht unwichtige Meinung. Denn Frankreich hält 24 Prozent am Kapital des Unternehmens und spielt die entscheidende Rolle bei der Besetzung der Position.

Kämpferin

Isabelle Kocher hat stets kämpfen müssen, um an die Spitze zu kommen und dort zumindest dreieinhalb Jahre zu bleiben. Ihr Vorgänger, Gérard Mestrallet, einer der großen Namen der französischen Industrie, förderte seine Stellvertreterin nicht wirklich, ließ aber immerhin zu, dass sie seine Nachfolge übernahm. Allerdings machte sie auch einen entscheidenden Fehler. In der Tradition französischer Unternehmen wollte sie sowohl das Amt der operativen Generaldirektorin als auch das der Vorsitzenden des Verwaltungsrates übernehmen.

Sie scheiterte, denn die Staatsgewalt unter Macron entschied sich eher für ein angelsächsisches und germanisches System. Frankreich trennt seit einigen Jahren die Aufgaben der Aufsicht und der operativen Führung. Isabelle Kocher konnte ihren Machtanspruch nicht durchsetzen.

Der Weg an die Spitze des Konzerns Engie war bereits ein Machtspiel. Gérard Mestrallet, Chef des Unternehmens, sagte ihr: „Sie sind nicht gemacht für die Spitze des Unternehmens. Sie werden es in Gefahr bringen“. Dann setzte er sie durch gegen den Chef von Black Rock Frankreich … und übernahm bis 2018 den Vorsitz im Verwaltungsrat. Isabelle Kocher als Puppe im Machtspiel der Herren der französischen Industrie. Der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron formulierte es so: „Sie ist nicht dafür geeignet, eine Gruppe mit 165.000 Menschen zu führen. Sie ist zu kühl, zu distanziert, zu intellektuell.“ Jean-Pierre Jouyet, Generalsekretär im Elyséepalast unter Staatspräsident Hollande, setzt sie durch als Chefin des Konzerns.

Brillante Physikerin

Was aber war eigentlich geschehen? Isabelle Kocher ist eine brillante Physikerin. Sie ist Ingenieurin, hat den Parcours der französischen Elite-Hochschulen durchlaufen. Sie hat im Wirtschaftsministerium gearbeitet, ist dann in die Direktion des Unternehmens Lyonnaise des Eaux gewechselt. Nach der Fusion der Firmen Gaz de France (GDF) und Suez, übernahm sie dort die Finanzen.

Engie – mit einem Umsatz von 60 Milliarden Euro weltweit – ist ein Energieunternehmen vor dem Umbruch. Es ist von ihrem Vorgänger nicht vorbereitet auf die energetische Evolution, auf den Umstieg auf nachhaltige Energiewirtschaft. Die Schwächen, die Macron bei ihr zu diagnostizieren glaubte, erweisen sich als Stärken. Die Physikerin und Ingenieurin umreißt die Probleme des Konzerns 2017 vor der Vereinigung der Finanz- und Wirtschaftsjournalisten. „Wir stehen in einem Konkurrenzkampf um den Kunden, den wir mit Gas und Strom beliefern. Wir müssen uns von fossiler Energie trennen. Wir müssen ganze Bereiche sanieren. Wir müssen neue Geschäftsfelder entwickeln, wir müssen in den Umbau der Energiewirtschaft investieren.“

Trennung von Kohlekraftwerken

Was sie nicht erzählt: Die letzte Errungenschaft ihres Vorgängers, der Kauf eines britischen Energieunternehmens, erweist sich als folgenreiche Fehlentscheidung. Notwendige Abschreibungen führen Engie in die roten Zahlen. Kocher investiert in den Servicebereich. Vereinbart die Totalversorgung der Universität von Ohio, übernimmt eine Gaspipeline in Brasilien und verärgert die belgische Regierung, als sie versucht, die belgischen Kernkraftwerke EDF anzudienen. Sie trennt sich von Kohlekraftwerken. Diese Entwicklungen will nun der Verwaltungsrat weiterführen, sogar ausbauen.

Vorgeworfen wird ihr, dass sie den Bereich Flüssiggas verkauft hat, dass es ihr nicht gelungen ist, den Energie Discounter „Direct Energie“ zu übernehmen, um ein echter Konkurrent des Giganten EDF zu werden. Und sie beherrscht die Gerüchte nicht, dass sie den Gasbereich abspalten will. Vorgeworfen wird ihr weiter, dass sich der Aktienkurs nur um 16 Prozent erhöht, während ihre internationalen Konkurrenten wie etwa RWE 35 prozentige Steigerungen aufweisen. Dabei wird wohlweislich verschwiegen, dass sich die deutsche Bundesregierung den Energieumbau Milliardenzahlungen an die Unternehmen kosten lässt. Geld, dass Frau Kocher gut gebrauchen könnte, aber nicht hat.

„Einer muss gehen“

Hinzu kommt, dass das sich das Verhältnis mit dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates Jean-Pierre Clamadieu verschlechtert. Vermittlungsversuche scheitern. „Einer muss gehen“, heißt es sehr bald, wobei klar ist, dass es „eine“ sein wird, die geht. Clamadieu erklärt nach der Entscheidung, des Verwaltungsrates, dass Isabelle Kocher eigentlich gute Arbeit geleistet hat. Und dann erzählt er, dass man nun die Arbeit im Gas- und im Servicebereich intensivieren müsse, mithin in den Bereichen die sie restrukturiert und neu gebildet hat.

Woran scheiterte sie letztlich? Isabelle Kocher war die Symbolfrau der französischen börsennotierten Konzerne. Die Männerwelt mochte sie nie wirklich. Die Aufgabe, die sie zu bewältigen hatte, lag darin, ein Unternehmen neu aufzustellen, alte Äste abzusägen, neue Bäume zu pflanzen und dann das daraus entstehende Bild des Durcheinanders zu ordnen, um die neuen Wege zu beschreiten. Sie durfte sägen und pflanzen. Die Aufgabe hätte manchen männlichen Manager zur Verzweiflung gebracht. Die neuen, angelegten, Wege darf eine andere beschreiten. Denn der Zynismus ist da: „Man muss nur sehen, wo man jetzt eine Frau als Nachfolgerin findet“, wird ein nicht genannter Manager eines anderen Konzerns aus der CAC 40 Börsen Elite erwähnt.