Patricia W. studiert zurzeit in Oxford Social Entrepreneurship. Zuvor hat sie schon innovative Techniken studiert. Danach will die Südafrikanerin in Afrika oder Indien arbeiten. Natürlich käme sie mit ihrem Oxford-Abschluss auch bei McKinsey oder einem anderen großen Namen unter. „Aber Geld ist auf meiner Agenda nicht ganz oben“, meint die Studentin cool. In Südafrika hat sie schon eine Nichtregierungsorganisation mitbegründet, die unter anderem von Bill Clinton unterstützt wird.
Patricia gehört zur Generation Y, jenen unter 35, die anders ticken als die karrieregeil und ellbogenwußt bekannte Generation vor ihr. Selbst wenn es sich um Vorurteile handelt, weil eine so große Gruppe von Menschen nicht homogen ist, bemerken vor allem Personalabteilungen, dass die alten Incentives nicht mehr ziehen.
Die Universität Sankt Gallen wollte es ganz genau wissen und gab bei der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) eine Untersuchung in Auftrag, deren Ergebnisse nun auf dem St. Gallen Symposium vorgestellt wurden. Sankt Gallen veranstaltet seit 45 Jahren dieses renommiertes Symposium, zu dem auch immer internationale Ausnahmestudenten eingeladen sind, die sich durch Teilnahme an einem Aufsatzwettbewerb qualifizieren. Befragt wurden 876 Teilnehmer, die noch studieren oder gerade fertig sind, ein Interesse an globalen Themen zeigen und unter 35 Jahre alt sind. Kurz: Die Elite von morgen.
Wovon träumt eine zukünftige Führungskraft? Wie wirkt sich globale Vernetzung aus? Werden diese Leute Lebensbedingungen und Arbeitsweisen grundlegend verändern? Es wurde ein langer Fragebogen, den die „Leaders of Tomorrow“ ausfüllten. 58 Prozent waren Männer, 41 Prozent Frauen - und ein Prozent wollte keine Angaben machen. 74 Prozent studierten noch. Die Befragen kamen aus 107 Ländern.
Die erste Überraschung: Schluss mit Null Bock. 63 Prozent zeigen sich politisch sehr interessiert, 32 Prozent immerhin noch einigermaßen interessiert. Das macht sie nicht unkritisch, im Gegenteil, 61 Prozent finden, dass die Regierung ihrer Heimat oft falsche Entscheidungen getroffen hat.
Bildung muss verbessert werden
Viel größer war da schon das Vertrauen in Universitäten und Schulen (73 Prozent). Bemerkenswerterweise halten 47 Prozent von ihnen das Internet für vertrauenswürdiger als etablierte Medien mit 32 Prozent. So schlecht schneiden bei der Elite von morgen sonst nur die Kirchen ab. Dennoch sind sie sich der digitalen Gefahren bewusst. 70 Prozent wissen, das Daten auf sozialen Netzwerken und dem Internet in die falschen Hände fallen können.
Ganz schlecht schneidet die Bildung ab, die doch die Leaders of Tomorrow auf ihre Aufgaben vorbereiten soll. Auf die Frage, welche Herausforderungen die Bildung am dringendsten meistern müsste, antworteten sie: Die generelle Qualität des Bildungssystems, die Kosten für ein Studium, veraltete Lehrpläne und Unterrichtsmethoden.
Wo will die Elite von morgen arbeiten? Erstaunlicherweise sind sie trotz ihres sozialen Engagements nicht sehr interessiert an diesem Bereich. Der Finanzsektor gilt als besonders vielversprechend. Aber auch IT und Telekommunikation, Energie und Wasser gelten als zukunftsträchtig - noch vor den Bereichen Industrie und Automobil.
Die Generation, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurde, ist auch die erste, die nie wirklich eine offline-Welt gekannt hat. Sie ist mit der digitalen Nabelschnur groß geworden. Unter Personalern gelten sie als teamorientierter, skeptisch gegenüber einer Hierarchie, bereit, den Arbeitsplatz wegen eigener Interessen zu wechseln. Das scheint wichtiger als ein großes Büro mit Dienstwagen. Damit sind viele alte Belohnungen und Anreizsysteme in Konzernen veraltet. Sie wollen eine abwechslungsreiche Arbeit, Karriereaussichten, Autonomie gepaart mit persönlicher Verantwortung, einen internationalen Fokus und sozialen Impakt. Titel und Karriereattribute landen auf den hinteren Plätzen. 64 Prozent der befragen Nachwuchsmanager wollen im Team einen Verantwortlichen Entscheider. Aber nur 25 Prozent wollen später ins Topmanagement aufsteigen. Mehr als die Hälfte will sich selbständig machen. Sie sind zwar einsatzbereit. Aber es gibt auch ein klares Gespür für das Private. Die Freizeit gehört Familie und Freunden. Experten warnen schon, dass diese Elite nicht in den aktuellen Strukturen führen will. Für kleinere Unternehmen wird es so leichter, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.
Die Millennium-Elite ist sich der Unterschiede durchaus bewusst. Sie wissen, dass sie bereit sind, mehr Risiko einzugehen, entspannter und weniger statusorientiert sind. Dabei vereinen sie oft Gegensätze wie einen altruistischen Anspruch, sind laut eigener Aussage idealistischer und empfinden sich als zuverlässiger.
Patricia, die Südafrikanerin von der Uni Oxford, nimmt ihre Berufswahl sehr ernst. So ernst, dass sie auch eine Trennung von ihrem Mann akzeptiert.


