MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

In Italien steht der Stahlmagnat nun mit Ilva vor seinem ersten wirklichen Misserfolg

Lakshmi Mittal hat in der Stahlwelt rund um den Globus einen Konzern aufgebaut, der überall dort vertreten ist, wo Stahl benötigt wird: Im Bau, im Automobilbereich, bei Metallwaren, in der Konservenindustrie oder beim Stahl für Kühlschränke. Mittal hat seinem ursprünglichen Stahlimperium als zweites Standbein mit Eisenerzindustrie die Versorgungssicherheit gegeben. Restrukturiert hat er immer. In der Ukraine hat er einen Staatskonzern fit gemacht. In Polen hat er mit Nova Huta eines der größten europäischen Stahlkombinate übernommen und restrukturiert. In den USA zeigte er Geduld. Die US Stahlindustrie restrukturierte sich durch Übernahmen. Als sie am Schlusspunkt angekommen war, übernahm er die restrukturierte Industrie.

Seinen größten Kampf lieferte er, als sein Unternehmen den europäischen Marktführer, Arcelor, übernahm. Der luxemburgische Stahlkonzern, selbst bereits weltweit tätig, war die gelungene Ergänzung für den Mittal Konzern und trug ihm überdies Eisenerzminen in Brasilien ein. Seinen weltweiten Konzern organisierte Mittal regional. Europa, USA, Asien, Brasilien. Die Kontinente verknüpfte er, beispielsweise durch Eisenerz-Lieferungen aus Brasilien in die USA, aus dem afrikanischen Liberia nach Europa oder durch Verarbeitung von Vorprodukten aus Brasilien im modernsten Walzwerk der Welt, in Alabama (USA), das er von Thyssen Krupp übernommen hatte.

Ilva passte in die Strategie

Aber ausgerechnet dort, wo er seine härtesten Kämpfe ausfechten musste, in Europa, läuft es nun nicht. Lakshmi Mittal hat sich mit der politischen und gesellschaftlichen Struktur eines Landes verschätzt. Im italienischen Tarent steht mit dem Ilva-Werk Europas größte Stahl-Dreckschleuder. Die italienische Regierung hatte es verstaatlicht, suchte dann zur privatisieren. In der Stahlwelt rund um den Globus traute man das nur einem Konzern und einem Mann zu: ArcelorMittal mit Lakshmi Mittal.

Ilva passte in die Philosophie des Konzerns. Arcelor Mittal hat in Europa Stahl-Produktionszentren eingerichtet: Dünkirchen und Fos in Frankreich, Genk in Belgien, Eisenhüttenstadt, Hamburg, Bremen und Duisburg in Deutschland, Kattowicze in Polen. Dazu kommen Verarbeitungszentren wie zum Beispiel in Lothringen, wo Walzstraßen die Vorprodukte aus den Produktionsorten mit hohem Mehrwert verarbeiten. In diesem System fahren zum Beipiel Güterzüge aus Duisburg im Taktverkehr nach Lothringen, um die Walzstraßen zu versorgen.

Ilva in solch ein System einzubauen, zu einem hochmodernen und – so weit das bei Stahl möglich ist – in einen umweltfreundlichen Produktionsstandort zu verwandeln, funktionierte nicht. Die Lokalpolitik mit der politischen „5 Sterne“ Bewegung war grundsätzlich gegen Ilva eingestellt. Die Gewerkschaften wandten sich gegen den Abbau von Arbeitsplätzen. Die Justiz urteilte, dass der zweite Hochofen am 13. Dezember 2019 stillzulegen sei, wenn er bis dahin nicht den heutigen Normen angepasst würde. Letztlich waren da aber auch über 11.500 Tote, die im Laufe der Jahre wegen der Umweltverschmutzung Ilva angelastet wurden.

Zwei Millionen Euro Verlust täglich

ArcelorMittal sah sich gesichert. Der Vertrag, so das Unternehmen, sieht vor, dass es gegen alle Klagen aus Ereignissen von vor der Ilva Übernahme 2018 geschützt war. Im Vertrauen darauf investierte der Konzern nach unbestätigten Schätzungen etwa 900 Millionen Euro zunächst in den Bau riesiger Hallen rund um die Material-Lagerplätze, um zu verhindern, dass der Wind weiter Industriestäube in die Stadt Tarent wehte. Insgesamt sind Investitionen in Höhe von 4,2 Milliarden Euro geplant. Allerdings: Statt zehn Millionen Tonnen Stahl waren es etwa vier Millionen, die produziert werden. Unbestätigten Meldungen zufolge soll ArcelorMittal bisher etwa 300 Millionen Euro Verlust produziert haben. Pro Tag, so die Schätzungen, macht Ilva einen Verlust von zwei Millionen Euro.

In der nationalen italienischen Politik setzte die Bewegung „5 Sterne“.im Parlament durch, die Immunitätsklausel aus dem Vertrag für ungültig zu erklären. Was als elegante Lösung schien, mögliche Milliarden Kosten für eine vorherige katastrophale Industriepolitik vom Staat auf einen privaten Konzern verlagern, erwies sich als Bumerang. ArcelorMittal hatte gewarnt. Nach der Parlamentsentscheidung kündigte der Konzern die Verträge.

In einem sechsseitigen Brief an die Staatskommissare, die das Unternehmen überwachen, heißt es, dass ArcelorMittal sich nicht in der Lage befinde, den Vertrag zu erfüllen.

„Klima der Feindseligkeit“

Dafür gäbe es drei Gründe. Die Aufhebung Ende Oktober der Immunität der Führungskräfte. Die Führungskräfte der Flüssigphase weigerte sich, ohne diesen Schutz weiter zu arbeiten. Das Risiko den zweiten Hochofen auf Anordnung der Justiz ausblasen zu müssen. Und schließlich „ein Klima der Feindseligkeit, ein juristischer und operationeller Unsicherheitszustand, der die Möglichkeit die Anlage zu führen, kompromittierten“

Die Eigentumsverhältnisse in Tarent sind kompliziert. Arcelor Mittal hat Ilva bis Ende Februar 2020 gemietet. Das Unternehmen ist nur der Betreiber von Ilva. Erst nach Ablauf des Mietvertrages sollte Ilva in den Besitz des Unternehmens übergehen. ArcelorMittal war eine riskante Operation eingegangen, aus der sich das Unternehmen nun mit einem Befreiungsschlag zu lösen sucht.

Die Regierung wirft ArcelorMittal genau das vor. Andererseits befindet sich Italien in einer Klemme. Schließt Ilva, muss das Land Stahl importieren. Schließt Ilva, dann fallen 10.000 Arbeitsplätze weg. Der Vorwurf gegen Arcelor Mittal kommt aus dieser Situation heraus: Der Konzern wolle Italien erpressen. Nach Gesprächen mit der Regierung, sagte Regierungschef Conte,. Dass der Konzern den Abbau von 5.000 Mitarbeitern verlangt habe. Die Gewerkschaft der Metallarbeiter zeigt sich realistisch. Man solle sofort die Immunität wieder herstellen, verlangt sie. Stimmen aus dem Stahlwerk zeigen teilweise Verständnis. Pasquale (41): „ Mittal rennt hier weg, weil dieses Unternehmen sehr, sehr schlecht geführt worden ist. Die Leute hier sind müde, haben Sorgen, weil es Probleme ohne Ende gibt, die zum Teil seit Jahrzehnten andauern. Es wird Zeit, dass der Staat sich der Probleme annimmt, die er selber geschaffen hat.“

Mailänder Gericht hat das letzte Wort

Emmanuele (45) aus der Minderheitsgewerkschaft USB wirft Lakshmi Mittal vor, seine Zusagen nicht eingehalten zu haben. Pasquale hingegen analysiert den kulturellen Unterschied: „Ilva spiegelt die Art und Weise des Denkens in Italien wider. Man löst die Probleme nicht, man legt einen Schleier darüber“. Das passt nun nicht zu Lakshmi Mittal, dem von seinen Mitarbeitern menschliches Verständnis einerseits, stets Versuche zur Konflikt- und Problemlösung nachgesagt werden, andererseits aber auch Deutlichkeit zu seiner Position. Das letzte Wort in Sachen Ilva wird ein Mailänder Gericht haben, das die Gültigkeit der Vertragskündigung zu prüfen hat.