CLAUDE KARGER

Langweilig, öde, leidenschaftslos - Deutschland döst. Das sind so Einschätzungen, die immer wieder in dem nun zu Ende gehenden deutschen Bundestagswahlkampf gefallen sind. Der Eindruck mag entstanden sein, das Spiel sei gelaufen und die politischen Verhältnisse würden unverändert bleiben, doch ist dem wirklich so?.

Es mag zwar sein, dass die CDU mit der Landesmutter an ihrer Spitze, die laut letzten Umfragen - nicht zu verwechseln mit Wahlresultaten und mit einer Fehlermarge von drei Prozent versehen - mit 36 Prozent der Wahlabsichten weit vorne liegt, vor dem bisherigen Junior-Partner SPD, und doch unter dem Wahlresultat von 41,5 Prozent in 2013.

Auf den Martin Schulz-Zug würden laut dem gestern veröffentlichten ZDF-„Politbarometer“ noch 21,5 Prozent der Wähler aufspringen, deutlich weniger also als bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 (25,7 Prozent).

Nach einem kurzen Hoch im Februar, als der Mann aus Straßburg zum Boss der Sozialdemokraten bestimmt wurde, ging es wieder rasant bergab. Drei Landtagswahlen gingen verloren, darunter in Nordrhein-Westfalen, „rotes“ Stammland, wo die SPD aus der Regierung flog. Ob es diesmal für den Einzug ins Bundeskabinett reicht? Das hängt vor allem auch davon ab, welche Optionen sich der stärksten politischen Kraft bieten. Die FDP, der ehemalige Juniorpartner der CDU zwischen 2009 und 2013, damals sogar dermaßen abgestraft, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde für den Bundestag nicht mehr schaffte, hat sich wieder aufgebaut und bekäme laut Umfragen rund zehn Prozent der Wählerstimmen, etwa gleichauf mit der Linke. Die Grünen stagnieren bei acht Prozent. Die CDU müsste schon FDP und Grüne ins Boot nehmen, will sie ohne Sozialdemokraten weiter regieren. Wobei die Frage, wie hoch die Christdemokraten wirklich abschneiden werden äußerst interessant ist. Sollte die CDU - CDU/CSU, muss man eigentlich schreiben - deutlich unter den Umfragen bleiben, gäbe es sicher so manchen Parteifreund, der die Chefin umgehend in Frage stellen würde, deren Flüchtlingspolitik und „Heirat für Alle“-Entscheidung in den eigenen Reihen scharf kritisiert wurden.

Nicht zuletzt diese enttäuschten Konservativen umgarnt die „Alternative für Deutschland“, die an diesem Sonntag nicht nur ziemlich sicher den Sprung in den Bundestag schaffen wird: Die rechtsextremen Anti-„Parteienkartell“-Europaskeptiker, bei denen Hass, Provokation, und Pöbeleien mit einem Ideenkatalog und Vokabular aus düstersten Zeiten Programm sind, könnten dort auch noch die drittstärkste Kraft werden.

Während in den Niederlanden und in Frankreich Rechtsextreme dieses Jahr bei Wahlen deutliche Dämpfer erlitten, und sich die Parteien zunehmend selbst zerlegen, würde die Afd, die längst mehr Sitze in Parlamenten von Bundesländern zählt als etwa die FDP, also ausgerechnet in einem Deutschland einen beträchtlichen Erfolg feiern, das doch wirtschaftlich so gut gestellt ist? Man muss sich schaudern ob der Perspektive, dass im Bundestag bald mit Nazi-Parolen rumgeworfen werden könnte. Aber Entrüstung allein reicht nicht. Die Afd muss vor ihre Verantwortung gestellt werden, auf dass sie sich selbst „entzaubert“. Und die Bundespolitik muss wieder viel näher an die Bürger ran. Halten, was man verspricht, hilft da schon mal sehr.