NIC. DICKEN

... wählen sich ihre Metzger selber: Das was sich am vergangenen Mittwoch Vertreter von CDU und FDP im deutschen Bundesland Thüringen geleistet haben, war kein „Dammbruch“, wie tagelang PolitikerInnen und JournalistInnen einander nachplappern zu müssen glaubten, sondern die Ausuferung von Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Missachtung jeglichen politischen und moralischen Anstands, die die Entfremdung von (schlecht) gewählten Mandatären gegenüber ihrem Wahlvolk bestätigte.

Weder der Liberale Kemmerich noch der Christdemokrat Mohring und auch nicht Rechtsextreme Höcke waren die Sieger der Landeswahl in Thüringen, sondern Sieger war eindeutig Bodo Ramelow, der Spitzenkandidat der zu dem Zeitpunkt gemeinsam mit der SPD regierenden Linken, der als Ministerpräsident die klare Zustimmung der Wähler für eine Fortführung seiner Mandatszeit erhielt, wenn auch mit der Verpflichtung, dies in einer neu zu bestimmenden Koalitionskonstellation zu tun.

Es mag tief in der deutschen Volksseele verankert sein, dass Die Linke weiterhin als Nachfolgerin der ehemals in der DDR federführenden SED gilt und insofern weiterhin als nicht wählbar und schon gar nicht koalierbar empfunden wird. Allerdings lehrt und die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auch, wohin der geschlossene Kampf gegen den Kommunismus und die politische Duldung von Hitlers Nazi-Schergen geführt hatte. Ramelow radikal abzulehnen und sich von Faschisten wählen zu lassen, passt einfach nicht ins Bild einer sich liberal gebenden Gesellschaft. Nebenbei bemerkt: Ramelows Regierungsstil war alles andere als radikal, eher bürgerorientiert und weltoffen. Nicht die Wähler aus Thüringen, nicht einmal die Thüringer CDU selbst, mochten sich an einen Parteitagsbeschluss der CDU gebunden fühlen, der vor Jahren Zusammenarbeit und Koalitionen, ja sogar Gespräche mit der Linken untersagte. Verschämterweise wurde dieser Ausschlussentscheid auch auf die AfD ausgeweitet, die sich immer mehr als rechtsextreme Gruppierung outet mit immer unverhohlener gezeigter Annährung an den Faschismus der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

In dieser Hinsicht hat die CDU in der Vergangenheit ohnehin nicht alles richtig gemacht: Bis 1978 durfte ein gewisser Hans Filbinger als ehemaliger NS-Marinestabsrichter, der noch Tage vor dem Kriegsende Todesurteile gegen angebliche Deserteure gesprochen hatte, das Land Baden-Württemberg regieren und als stellvertretender Vorsitzender der CDU amtieren. Also bitte, woher jetzt auf einmal dieser strenge Purismus?

Sowohl FDP-Chef Lindner als auch die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer eierten in ersten Stellungnahmen nach der bereits erfolgten Vereidigung von 5%-Mann Kemmerich unbeholfen herum und gaben damit sich selbst und ihre Parteien der Lächerlichkeit und dem Zweifel preis, derweil die AFD-Fatzkes sich die Hände rieben ob des gelungenen Streichs zur vorgeblichen Stärkung des „bürgerlichen Lagers“. Brecht wusste es schon viel früher: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“