CLAUDE KARGER

111 Stunden - und voraussichtlich noch viel mehr - wird das Gericht ab Montag darauf verwenden, heraus zu finden, ob die beiden Angeklagten im „Bommeleeër“-Prozess Schuld tragen an den 20 Sprengstoff-Anschlägen, die vor 29 Jahren das Land erschütterten.

Gegen die beiden Ex-Polizisten liegen keine materiellen Beweise vor; lediglich ihre Aussagen, respektive ihr Verhalten bei den Verhören - die zumindest einer von ihnen nicht sehr ernst genommen zu haben scheint - haben sie in die Zwickmühle gebracht. Das erleichtert zum einen die Verteidigung... und erschwert sie zugleich. Denn wären die 125 Beweisstücke, die einmal an den Tatorten gesammelt wurden und von denen drei Viertel irgendwo verschwunden sind, ordentlich ausgewertet worden, es würde wahrscheinlich längst keinen Zweifel mehr über die Identität der „Bommeleeër“ geben.

Wären die vielen Spuren, die damals schon in Richtung der Sicherheitskräfte oder der Armee deuteten, konsequent verfolgt worden, die Schuldigen wären wahrscheinlich längst gefasst.

War es bloß eine Häufung von ermittlungstechnischen Schlampereien und unglücklichen Zufällen mit einem Schuss persönlichen Zwisten, die dazu führten, dass die Affäre noch nicht aufgeklärt ist? Oder wurde gezielt versteckt, verloren, behindert und in die Irre geführt?

Das sind Fragen, die beim Prozess ebenfalls restlos zu klären sein werden. Niemand glaubt heute daran, dass die Antwort auf Frage eins positiv sein wird. Die heute vorliegenden Indizien unterstützen eher die zweite Hypothese. Das hätten nur Personen fertig bringen können, die an Schlüsselstellen im Sicherheitsapparat, in der Politik saßen.

Die quasi den Autoren der Attentate - schwer vorstellbar, dass sie die aus reinem Spaß an der Sache verübten - den Rücken freihielten. Dass die „Bommeleeër“ allein die „chape de plomb“ über die Sache halten konnten, von der Generalstaatsanwalt Robert Biever einmal sprach oder über Jahrzehnte die „Omerta“ aufrecht erhalten konnten, die Me Gaston Vogel erwähnt, ist in der Tat äußerst schwer vorstellbar.

Wer aber hatte die Macht und den Einfluss, die Attentäter zu schützen? Die waren übrigens damals nicht allein in Europa: Während der „bleiernen Jahre“ knallte es in vielen Ländern, mussten Unschuldige dabei ihr Leben lassen, ohne dass bis heute geklärt ist, wer die Unerbittlichen waren, die mit militärischer Präzision sprengten und eiskalt killten. Eine Präzision, die in den westlichen Armeen und in den Sicherheitskräften ständig mit großem Aufwand trainiert wurde - mit dem vorrangigen Ziel, im Falle eines Einfalls des sowjetischen „Ennemi“ möglichst effizient Widerstand zu leisten.

Ein Leserbriefschreiber warnt in dieser Ausgabe (S. 20), es sei nicht an der Justiz, über die Geschichte zu urteilen. Aber in diesem Fall ist die Geschichte, das Verständnis der Spannungen in der letzten heißen Phase des Kalten Krieges, von kapitaler Bedeutung, damit sie ein angemessenes Urteil fällen kann.