COLETTE MART

In den amerikanischen Südstaaten, welche durch ihre Baumwollplantagen und die damit verbundene Sklavengesellschaft auf traurige Weise weltberühmt wurden, ist ein junger schwarzer Mann erschossen worden. Der Ort, Ferguson, rührt auf Anhieb an all jene rassistischen Ungerechtigkeiten, die nie an die Weltöffentlichkeit gelangen, weil eben keine städtischen Demonstrationen mit ihnen verbunden waren. Diesmal begehrte eine Stadt auf, und erinnert an den amerikanischen „Civil Rights Act“, der im Juli 1964 verabschiedet wurde, und allen Amerikanern gleiche Rechte zusichern sollte.

Die Wirklichkeit ist aber auch heute noch eine ganze andere, an die sich lediglich die Literatur und der Film in den letzten Jahrzehnten herantrauen, während die Politik ungenügend handelt und auch das Problem der rassischen Ungleichheiten nicht ausreichend erforscht.Fakt bleibt, dass insbesondere in den amerikanischen Südstaaten Schwarze weniger gut ausgebildet sind und weniger gut verdienen, deswegen prinzipiell auch eher ins Visier der Polizei geraten, obwohl, wie interessanterweise „Die Zeit“ diese Woche berichtet, über 90% der Durchsuchungen und Verhaftungen Schwarze betreffen, derweil verbotene Substanzen eher bei Weißen als bei Schwarzen gefunden werden. Noch immer halten sich also die Vorurteile gegen Schwarze, noch immer bleiben die realen sozialen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß unwahrscheinlich groß, und hier lohnt sich ein Blick zurück in die Geschichte.

Letztere wurde ausgezeichnet in dem eher wenig bekannten Roman „Where did you sleep last night?“ von Danzy Senna, der Tochter einer Mischlingsehe aus dem Jahre 1968, dargestellt. In einer Gesellschaft, die erst gegen Ende der 19. Jahrhunderts die Sklaverei wirklich ablegte, in der die Rassentrennung bis in die 60iger Jahre grassierte, in der über Generationen schwarze Kinder von ihren Eltern getrennt und weiterverkauft wurden, in der schwarze Frauen von weißen Männern vergewaltigt und dann mit ihren Kindern sitzen gelassen wurden, in der viele dieser Kinder in heruntergekommenen Heimen aufwuchsen, ist es absolut schwierig für die neuen Generationen, Selbstvertrauen aufzubauen, Studien abzuschließen, sein Leben ordentlich zu verdienen und seine Kinder verantwortungsvoll zu erziehen. Traumata und Gewalterfahrungen werden oft durch Alkohol verdrängt, und so ziehen sich durch viele arme schwarze Familien des amerikanischen Südens die psychologischen Folgen von Missbrauch und Gewalt durch die Generationen.

Die Spuren der Sklavengesellschaft sind also bis heute nicht ausgewischt, der „Civil Rights Act“ ist auch erst 50 Jahre alt, und für ihn sind zahlreiche engagierte Bürgerrechtler gestorben.Wie aktuell die Sklavengeschichte immer noch ist, offenbart der Film „The Butler“ von Lee Daniels, in dem ein Mann innerhalb seines Lebens sowohl die Ausläufer der Sklavengesellschaft als auch die Wahl Barack Obamas miterlebt.

Die Schwarzen von heute sind die Enkelkinder der Sklaven, einer wurde jetzt in Ferguson erschossen, und ihre Geschichte ist nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet.