LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Von griechischen Schifffahrern und Kryptowährungen

Eine griechische Legende berichtet vom Schiff des Theseus‘. Dem guten Theseus lag viel an seinem Schiff, mit dem er lange Strecken auf See zurückzulegen vermochte. Nach und nach mussten die alten und morschen Planken und andere Teile ersetzt werden. Brett um Brett, Schraube um Schraube, jedes Mal war ein weiteres Teil dran. Der Tag kam, an dem das Schiff mit keinem einzigen Originalteil mehr ausgestattet war. Theseus bemerkte diesen Wendepunkt natürlich nicht einmal und stach, wie gewohnt, mit seinem Schiff in See.

Der Philosoph reibt sich die Hände. Ist es denn wirklich noch das gleiche Schiff des Theseus‘, mit dem er all seine legendären Seefahrten bestritten hat? Obschon das materielle Substrat, als das Zugrundeliegende der Substanz und Träger deren Veränderungen, nicht mehr mit demjenigen identisch ist, welches es am Anfang war? Wann war der Moment erreicht, in dem das materielle ‚Neue‘ dem eigentlichen Ursprünglichen überwog? Oder ist es viel eher der Glaube an den Wert eines Objekts oder eines Umstandes, an dem das Konzept des Besitzes seinen Nährboden findet? Das Paradoxon mit Theseus‘ Schiff lässt sich noch weiterspinnen. Nehmen wir nun an, der Werfteigner, der sich der Reparatur des legendären Schiffes annahm, war bekennender Ressourcenschoner und hat die alten Planken, die noch seetauglich, aber eben nicht mehr völlig intakt waren, gesammelt. Als er dann schlussendlich alle Planken und Teile des eigentlichen Schiffes ersetzt hatte, hatte er genügend Secondhand-Material, um ein ganzes Schiff aus diesen zu bauen. Das Schiff des Werfteigners war nun physisch gesehen wirklich identisch zu dem, mit dem Theseus zu Beginn seiner Schifffahrtszeiten in See stach. Ist denn nun nicht das Schiff des Werfteigners das wirkliche Schiff von Theseus, und das, mit dem er sich mittlerweile auf dem Meer tummelt, ein ganz anders?

Die Frage ist nicht absolut zu beantworten, sondern lässt sich aus diversen Perspektiven behandeln. So stellt sich zunächst das Problem, woran das Wesen von etwas gemessen wird? Ist es die Materie, aus der es zusammengesetzt ist? Dann würde jede Veränderung an dieser eine Veränderung der Sache an sich bedeuten? Macht Sie ein bloßer Haarschnitt zu einem anderen Menschen? Oder ist es viel eher noch etwas, das über die bloße Körperlichkeit hinausgeht, welches den eigentlichen Wert der Sache ausmacht? Es wird schwierig, stellt sich nun doch die Frage, ob wir dieses unkörperliche Plus in die Sache hineinlegen, oder ob es der Sache selbst inhärent ist.

Illustrierend dazu gibt es die Geschichte von Paddington dem Bären, der sich von der Bank seine fünf Euro holen wollte, die er vor einiger Zeit dort hinterlegt hatte. Er war sichtlich überrascht, als er den Schein in der Hand hielt. Das war doch gar nicht sein Schein, es war ein anderer als derjenige, den er zuvor abgegeben hatte. Hier ergibt sich die Kontersituation zu der vorher beschriebenen. Der Wert eines Dinges hängt nicht am Typus - Schein ist Schein, Schiff ist Schiff - sondern am Einzelding. Paddingtons Geschichte ruft ein Schmunzeln hervor, offensichtlich hat er die Sache mit dem Wert des Geldes ein wenig missverstanden. Wirklich?

Unsere Gesellschaft ist dabei, sich vom Materiellen loszulösen, und beschwört den Wert einer Sache verstärkt durch den Glauben an eben diesen hervor. Begonnen am Beispiel der Banknoten. Ein Stück Papier ist uns einmal fünf Euro wert, dann hundert, und so weiter. Auf einer anderen Ebene verhält es sich noch etwas abstrakter. Kryptowährungen, wie zum Beispiel Bitcoin oder Líf, hieven die Währungseinheit ins rein Digitale. Etwas zum Anfassen gibt es also nicht, der Wert entwickelt sich ausschließlich in einer von der sinnlichen abgetrennten Welt. Wir müssen an die Erzeugung ihres Werts glauben, dem Aufbau und der Struktur der Währung vertrauen, da ihr selbst kein intrinsischer Wert zugesprochen werden kann. Gleichermaßen verhält es sich beim Streamen von Bild und Ton, oder beim Leben in der Cloud. Das Materielle fehlt demnach zu hundert Prozent ok und wir definieren Reichtum und Eigentum durch den abstrakten Wert.

Ergibt sich das Wesen einer Sache, eines Sachverhalts, demnach nur durch unseren Glauben daran? Oder hat die Materie schlussendlich doch einen Eigenwert, sodass diese dem bloß Abstrakten und Digitalen doch stets überlegen bleiben wird? Dies gibt Anlass zum Grübeln, kann man doch Paddingtons, Theseus‘ und Nakamotos, dem Gründer der Bitcoins, Positionen gleichermaßen nachvollziehen. So wird zum einen der Wert an der Materie festgemacht, im zweiten Falle wird die Identität durch die Veränderung des Physischen ambivalent, wobei bei letzterem das Wesen des Wertes nicht einmal eines materiellen Substrats bedarf.