CLAUDE KARGER

Eine Meldung hat diese Woche eine Problematik in den Fokus gerückt, über die wir uns im hektischen Alltag wenig Gedanken machen: Die britische Regierung hat einen Posten gegen Einsamkeit geschaffen. Tracey Crouch, die Staatssekretärin für Sport und Zivilgesellschaft, übernimmt nun die Leitung im Kampf gegen das Alleinsein. „Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens“, sagte Premierministerin Theresa May bei der Vorstellung des neuen Postens, der immer auch eine Herzensangelegenheit der im Juni 2016 ermordeten Labour-Abgeordneten Jo Cox war. „Et pour cause“.

Denn von Einsamkeit sind laut Rotem Kreuz rund neun der 65,6 Millionen Briten betroffen. Eine Umfrage hat ergeben, dass rund 200.000 ältere Briten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit Freunden und Verwandten haben. Aber das Gefühl der Isolation betreffe sämtliche Altersschichten. Nicht nur Krankheit oder Autonomieverlust kann eine Person in eine solche Situation bringen, sondern auch etwa eine aufreibende Trennung, ein schwerer persönlicher Verlust oder ein Jobverlust mit anschließender langer Arbeitslosigkeit, die oft einhergeht mit finanziellen Schwierigkeiten, die eine Hürde für die Beteiligung an der Gesellschaft darstellen. Das britische Rote Kreuz spricht gar von einer „Epidemie im Verborgenen“.

Die Wortwahl passt, denn Vereinsamung ist Gift für die Gesundheit, allen voran die psychische. Betroffene leiden stärker an Depression und Suizidgedanken. Wer wenig Gelegenheit für Interaktion mit anderen hat und etwa an einer neurodegenerativen Krankheit leidet, läuft Gefahr, dass diese sich viel schneller verschlimmert. Alleinsein ist für das „soziale Tier“ Mensch purer Stress, der auf die Dauer Herz-Kreislauf-Krankheiten begünstigt.

Und wer auf niemanden zählen kann, der regelmäßig nach einem sieht, hat zwangsläufig ein höheres Risiko, dass im Falle des Falles - ein schlimmer Sturz zuhause, ein Anfall oder dergleichen - Hilfe viel zu spät kommt. Wer denkt, das Phänomen der Vereinsamung sei vor allem auf dem Land verbreitet, irrt. Auch in Ballungsgebieten und Großstädten greift die Einsamkeit um sich. Die Entscheidung der britischen Regierung hat auch in anderen Ländern eine Diskussion über die Vermeidung der sozialen Isolation ausgelöst.

In Deutschland etwa, wo sich die Koalitionsverhandlungen hinziehen, wird Druck aufgebaut, einen ähnlichen Verantwortungsposten auf Regierungsniveau zu schaffen. Auch in Luxemburg sollten wir uns nicht zuletzt vor dem Hintergrund der demographischen Alterung verstärkt Gedanken über das Phänomen Vereinsamung machen. Denn es braucht nicht nur die Bemühungen von Regierung, Gemeinden, Seniorenvereinigungen, Betreuungsdiensten und anderen Organisationen, die viel tun, um Isolation zu vermeiden: Jede(r) müsste sich die Frage stellen, was er oder sie dazu beitragen kann. Mehr miteinander zu reden wäre schon ein wichtiger Ansatz. So richtig von Mensch zu Mensch. Und nicht über soziale Medien und dergleichen digitale Kanäle, die offensichtlich immer mehr mit dem wahren Leben verwechselt werden.