PATRICK WELTER

Was ist Wahrheit? Ist Wahrheit mit Realität gleichzusetzen? Ist Realität unverrückbar oder kann sie frei interpretiert werden? Ist ein Tisch ein Tisch oder haben wir nur eine Vorstellung von einem Tisch? Keine Angst, diese Zeilen sollen sich nicht zu einem Pro-Seminar für Philosophie auswachsen. Allerdings werden seit dem 20. Januar die Grenzen dessen, was Wahrheit sein soll, täglich ausgetestet. Die Beziehungen des neuen US-Präsidenten zum Rest der Welt kann man in einem Satz beschreiben: Er hat immer recht, alle anderen haben keine Ahnung.

Wäre in den letzten 25 Jahren ein FBI-Chef vor den Kongress getreten und hätte ohne falsche Rücksicht gesagt „der Präsident erzählt Mist, de facto lügt er“ hätten die Republikaner Clinton oder Obama binnen Tagen durch ein Impeachment-Verfahren gejagt und die Demokraten hätten es mit den beiden Bushs nicht anders gehalten. 2017 gilt das nicht mehr.

Trump wird von seinem obersten Polizeichef völlig bloß gestellt und was passiert? Nichts. Es passiert Schlimmeres als nur nichts - der Präsident ignoriert die Realität und twittert fröhlich, dass das FBI seine Sicht der Dinge unterstützt. Sorry, das wird langsam pathologisch. Dabei ist gestörte Wahrnehmung heilbar, man muss nur die richtigen Tabletten nehmen und sie auch nehmen wollen. Aber Donald T. kommt offenbar durch damit. Ohne einen ganzen Berufsstand beleidigen zu wollen - aber er benimmt sich wirklich wie ein Immobilienmakler - was er ja auch ist - der eine völlig marode Bude als gepflegt und sofort bewohnbar bezeichnet, auch wenn die Dachziegel im Vorgarten liegen und die Regenrinne schon lange geklaut wurde. „Sehen sie her! Ein tolles Haus“. Er glaubt was er sagt..

Auch wenn die Kollegen von BILD gestern schon fragten „Stürzt Trump?“ muss man diese Hoffnung zumindest bis zu den Midterm-Wahlen begraben. Dann könnte es eine republikanische Revolte geben. Trump kommt bis dahin durch mit seiner Tour. Nicht zuletzt weil seine Anhänger davon überzeugt sind, dass das Establishment (Washington, FBI, Kongress, Demokraten, Republikaner etc. ) und die Mainstream-Medien rund um die Uhr damit beschäftigt sind, ihren Präsidenten nieder zu machen und Fake-News zu verbreiten. Schließlich wissen doch alle guten Amerikaner, dass die NASA nie auf dem Mond war und die Erde am 23. Oktober im Jahr 4004 vor Christus um 9.00 morgens erschaffen wurde und Trump die Regierung der Männer in den schwarzen Helikoptern gestürzt hat. Nein, den letzten Abschnitt hat sich kein beschwipster „Journal“-Redakteur ausgedacht. Es handelt sich um gängige Überzeugungen vieler Kernland-Amerikaner, die dem Küstenestablishment misstrauen. Warum sollten sie einem Kongress-Untersuchungsausschuss trauen, der nur aus Washingtoner Bonzen besteht und ihrem Donald ans Leder will? Angesichts dieses Wahnsinns backt die Welt kleine Brötchen und hofft auf die „Vernünftigen“ in der Trump-Administration: Auf einen bigotten homophoben Vizepräsidenten und einen Verteidigungsminister mit dem programmatischen Beinamen „Mad Dog“. Prima.