LUXEMBURG
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Denkmal zur Erinnerung an die Holocaustopfer eingeweiht - Gedenktafel im Bahnhof erinnert an letzten Deportationszug vor 75 Jahren

Die Erinnerung für kommende Generationen wachhalten: In Anwesenheit von Großherzog Henri und Großherzogin Maria Teresa ist gestern das Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Shoah enthüllt worden. Am Standort der ersten Synagoge in Luxemburg - auf dem kleinen Platz zwischen Kathedrale und Staatskantine gelegen -, die ab 1823 eine noch kleine jüdische Gemeinde empfing, befindet sich die vom französisch-israelischen Bildhauer Shlomo Selinger entworfene Skulptur mit der Aufschrift „Kaddisch. Fir d’Judde vu Lëtzebuerg, déi vun den Nazien ëmbruecht goufen 1940-1945“. Kaddisch ist, wie Albert Aflalo, Präsident des israelitischen Konsistoriums, ausführte, ein Gebet zur Lobpreisung Gottes, das häufig am Grabe gesprochen wird - etwas, das den Menschen, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen, vorenthalten blieb. Vor weit über 100 Gästen mahnte Aflalo, dass der Antisemitismus auch heute noch Opfer fordere. Angesichts der Entwicklungen in unseren Nachbarländern und zunehmendem Populismus müsse man auch in Luxemburg wachsam bleiben.

Auch Staatsminister Xavier Bettel mahnte zur Wachsamkeit. „Wir müssen alles machen, damit es definitiv Taten der Vergangenheit bleiben“, betonte er. Die Regierung hatte sich nach dem Bericht des Historikers Vincent Artuso am 9. Juni 2015 im Parlament offiziell bei der jüdischen Gemeinschaft entschuldigt. Die Entscheidung zur Errichtung eines Denkmals und die Gründung einer Stiftung fiel ebenfalls in diesem Kontext.

Der Bahnhof als Ort der Erinnerung

Enthüllt wurde gestern ebenfalls eine Plakette im Hauptbahnhof (vom Haupteingang aus gesehen rechts in der überdachten Galerie), die Reisende darauf aufmerksam machen soll, dass von hier aus 658 jüdische Männer, Frauen und Kinder zwischen 1941 und 1943 in Lager und Ghettos deportiert wurden - aus dem alleinigen Grund, nach der Definition der Nazis jüdisch zu sein. „Dieser Ort, von dem aus Hunderte Menschen eine Reise ohne Rückkehr antraten, ist auch ein Ort der Erinnerung“, bemerkte Laurent Moyse, Präsident des „Comité pour la mémoire de la Deuxième Guerre Mondiale“. Er erinnerte in seiner Rede daran, dass der Gauleiter schon nach Abfahrt des erstens Konvois mit dem Ghetto von Lodz als Ziel, in den Zeitungen erklären ließ, Luxemburg sei jetzt „judenrein“. In der Folge hätten die Nazis alles daran gesetzt, alle Spuren des jüdischen Lebens im Land zu zerstören. Darunter auch die 1893 errichtete zweite Synagoge in der Hauptstadt.

Von allen aus Luxemburg deportierten Juden überlebten lediglich 44. Viele jüdische Mitbürger flohen vor dem Einmarsch der Nazis Richtung Belgien oder Frankreich, wo sie dann aber häufig das gleiche Schicksal erwartete. Im Wortlaut steht - in luxemburgischer und in französischer Sprache - auf der Tafel: „Erënner dech beim Laanschtgoen drun, datt vun 1941 bis 1943 vun dëser Gare 658 jiddesch Männer, Fraen a Kanner an d’Nazi Ghettoen a Lager deportéiert goufen, wou si kalbliddeg ëmbruecht gi sinn“. Vor 75 Jahren, am 17. Juni 1943, fuhr der letzte von sieben Deportationszügen von der „Gare“ aus ab.

Das „Monument aux Justes parmi les Nations“ in Yad Vashem, Jerusalem. Foto: Bodo Bost - Lëtzebuerger Journal
Das „Monument aux Justes parmi les Nations“ in Yad Vashem, Jerusalem. Foto: Bodo Bost

Der Künstler Shlomo Selinger hat 1980 bereits am Bostalsee im Saarland eine Skulptur für das Andenken an die ermordeten Juden geschaffen

Der Künstler hinter dem Shoah-Denkmal am Boulevard Roosevelt zwischen der Kathedrale und dem Convent „St. Sophie“ (Staatskantine) wurde von der jüdischen Gemeinde vorgeschlagen. Es handelt sich um den Bildhauer Shlomo (Shelomo) Selinger. Selinger wurde 1928 in einer jüdischen Familie in der polnischen Stadt Jaworzno-Szczakowa in der Nähe von Auschwitz geboren. Im Jahr 1943 wurden er und sein Vater in das Ghetto Krenau deportiert. Nachdem sein Vater dort ums Leben kam wurde Selinger in verschiedene Konzentrationslager deportiert, zuletzt nach Theresienstadt. Zweimal nahm er an Todesmärschen teil. 1945 wurde er von einem jüdischen Militärarzt der Roten Armee aufgefunden, der ihm das Leben rettete. Seine Mutter und seine beiden Schwestern verloren in der Shoah ihr Leben. Während der nächsten sieben Jahre litt Selinger an Amnesie und konnte sich an nichts erinnern, was seinen Leidensweg betraf.

Shlomo Selinger -  Jahrgang 1928 - hat das Denkmal am Boulevard Roosevelt geschaffen. 
Foto: Editpress/Tania Feller
 - Lëtzebuerger Journal
Shlomo Selinger - Jahrgang 1928 - hat das Denkmal am Boulevard Roosevelt geschaffen. Foto: Editpress/Tania Feller

1946 ging Selinger mit Hilfe der Jüdischen Brigade der britischen Armee in der französischen Hafenstadt La Ciotat an Bord der „Tel Hai“. Heimlich steuerte eine Gruppe von jungen KZ-Überlebenden aus Deutschland, Belgien und Frankreich das Schiff in Richtung Palästina. Die Tel Hai wurde von der britischen Marine bei ihrer Ankunft in Palästina geentert und nach Haifa gebracht. Selinger kam mit den anderen in das britische Internierungslager Atlit bei Haifa. Nach seiner Freilassung ging er in den Kibbuz Beit-Haarava in der Nähe von Jericho am Toten Meer. Nach dessen Zerstörung während des Unabhängigkeitskrieges 1948 durch die jordanische Armee half Selinger wie viele seiner Chaverim aus Beit-Haarava beim Aufbau des Kibbuz Cabri in Galiläa. Im Jahr 1953 begann er, nachdem sich sein Gedächtnis allmählich wieder einstellte, mit der Bildhauerei.

Studium der Bildhauerei in Paris

Bereits 1955 erhielt Selinger den Preis der „America-Israel Cultural Foundation“. Im folgenden Jahr entschied sich Selinger, mit seiner Frau nach Paris zu gehen, wo er bis 1958 Bildhauerei bei Marcel Gimond an der Pariser „École nationale supérieure des Beaux-Arts“ studierte. Von Gimond lernte Selinger das klassische Arbeiten mit Ton. Gleichzeitig setzte Selinger jedoch auch seine in Israel begonnene Arbeit am Stein fort, die heute zu seinem Markenzeichen geworden ist. Sein Material suchte er in Paris, da er zu arm war, den Transport von Steinen zu finanzieren. Sein bevorzugter Stein war Granit. Im Atelier des Bildhauers Constantin Brancusi lernte er erstmals den roten Sandstein aus den Vogesen kennen, heute sein Lieblingsstein. Am meisten beeinflusst haben ihn, nach seinen eigenen Worten, die Bildhauer Ossip Zadkine, Jean Arp, Alberto Giacometti und Joseph Constantinovsky (bekannt als Joseph Constant).

Obwohl bereits 1960 im Jewish Museum in New York sieben Bilder von Shlomo Selinger ausgestellt wurden, kam die offizielle Anerkennung erst 1973, als er den ersten Preis im Wettbewerb für eine Gedenkstätte im ehemaligen französischen jüdischen Sammellager Drancy gewann. Auch in der Gedenkstätte für die Opfer der Shoah, Yad Vashem in Jerusalem, hat Shlomo Selinger eine der zentralen Gedenksteine in der „Allee der Gerechten“ entworfen. 1993 wurde Selinger vom französischen Präsidenten François Mitterrand zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, seit 2006 ist er Offizier der Ehrenlegion.

„Requiem für die ermordeten Juden“ am Bostalsee. Foto: Bodo Bost - Lëtzebuerger Journal
„Requiem für die ermordeten Juden“ am Bostalsee. Foto: Bodo Bost

„El Male Rachamim“-Skulptur von Shlomo Selinger am Bostalsee im Saarland

1980 schuf Selinger auch im Rahmen der „Straße der Skulpturen“, die von St. Wendel an den Bostalsee im Saarland führt, eine Skulptur zur Erinnerung an die Shoah, die er „Requiem für die ermordeten Juden“ nannte. Initiiert wurde diese Straße von dem saarländischen Künstler Leo Kornbrust, die Idee stammt jedoch von dem jüdischen Bildhauer und Maler Otto Freundlich (1878-1943); der aus Pommern stammte, aber seit 1908 in Paris lebte, und der schon in den 1930er Jahren, als das Saargebiet vom Völkerbund verwaltet wurde, die Vision einer völkerverbindenden Straße, „une voie de la fraternité et solidarité humaine“ hatte. Freundlich wurde 1943 von Drancy aus in den Osten deportiert und im Konzentrationslager Majdanek ermordet. Die Skulpturenstraße ist deshalb auch ein Denkmal für Otto Freundlich.

Selinger beschreibt die Gliederung seiner Skulptur folgendermaßen: „Links ein Mensch, der sich die Augen zuhält, um sein letztes Gebet zu sprechen. Unten links ein Cello, das ‚Requiem für die Juden‘ spielend. Rechts ein beobachtendes Auge. In der Mitte der Form ist ein hebräischer Buchstabe ‚lamed‘ zu sehen; er ist in der Kabbala das Zeichen für das menschliche Herz, welches die allumfassende Verständigung der Menschen ermöglicht. Zwei Kopfformen (ganz unten) bedeuten ‚Tod‘. Oben ist der Anfang eines Gebets eingraviert als Antwortgesang. Auf der anderen Seite sind die Flammen der Erinnerung zu sehen. Eine das Volk segnende Hand - als Zeichen - befindet sich ganz oben.“ Die hebräische Inschrift „El Male Rachamim“ („Gott, du bist erfüllt mit Barmherzigkeit“), ist der Anfang eines Gebetes für die Verstorbenen im Judentum. BODO BOST