LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

250 Schüler aus vier Ländern treffen drei der Schlüsselakteure der Europäischen Union

Die Simultandolmetscher haben ihre Plätze in den großen verglasten Kabinen an beiden Seiten des Saales bezogen, noch richten sie ihre Mikrofone aus und scherzen mit ihren Kollegen.

Auch die 250 Schüler haben es sich auf den Stühlen des großen Saales bequem gemacht, ihre Winterjacken hängen über der Rückenlehne, ihre Taschen liegen vor ihren Füßen auf den Boden. Sie sitzen dicht an dicht und stellen an den Kopfhörern ihre Sprache ein. Etwas Aufregung schwingt doch mit, schließlich sind sie an diesem Freitag zum ersten Mal im Europäischen Gerichtshof.

Hier werden die Schüler aus Luxemburg, Deutschland, Frankreich und Belgien in ein paar Minuten auf drei hochrangige Politiker der Europäischen Union treffen. Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, Martin Schulz, Präsident des EU-Parlamentes, und Koen Lenaerts, Präsident des Europäischen Gerichtshofes (EuGH), werden zu ihnen sprechen. Danach dürfen die Schüler Fragen stellen, erst im Saal vor allen, später am Buffet im Privaten. Die EU für die Jugend, mal ganz direkt und ganz persönlich.

Fehler der EU lassen sich ausbessern

Die drei Präsidenten werden in vier verschiedenen Sprachen reden, in Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch. Nach dem Mikrofontest schließen die Saaldiener die Türen und es wird klar, dass es jede Minute losgeht. Für einige Augenblicke ist es ganz still in dem großen Saal.

Den Anfang macht der deutsche EU-Parlamentspräsident Schulz. Nach einer Episode aus seiner französischen Schulzeit bricht er vor den Schülern eine Lanze für Europa als großer Friedensgarant. Zumal man sich ja am Jahrestag des „Armistice“ zusammengefunden hat. „Was wir hier heute in Europa haben, dass hier Schüler aus vier Ländern sitzen und vier Sprachen sprechen und keiner von euch gezwungen wird, über eine Grenze zu gehen und auf jemand anders zu schießen, das ist Europa.“ Im gleichen Atemzug warnt Schulz die Jugend vor Populisten. „Wenn wir uns das nicht bewahren, wenn diejeinigen, die für alles einen Sündenbock haben, aber für nix eine Lösung, wenn diejenigen, die sagen ’Meine Nation ist besser als eine andere’, wenn wir denen wieder Macht geben, bedeutet das nicht zwangsläufig Krieg, aber auch nicht das Gegenteil. “ Exterminatorische Wut existiere immer, auch in Europa. „Aber hier haben sie keine Macht, noch nicht.“

In diesem Zusammenhang legt Schulz den Jugendlichen dar, dass Europa nicht in Stein gemeißelt ist, sondern ein Projekt im Wandel. „Wir machen viel falsch, aber das kann man beseitigen. Was nicht demokratisch genug ist, kann man demokratischer machen, was nicht transparent genug ist, kann man transparenter machen. Aber was zerstört ist, das bleibt zerstört. Das sollte man sich an einem 11. November in Erinnerung rufen.“

Juncker, der seine Rede auf Luxemburgisch beginnt, legt ebenfalls seine Sicht auf das Europa von heute dar. „Europa ist ein kleiner Kontinent, wir sind überhaupt nix in der Welt“, erklärt er. Der Anteil Europas an der globalen Wirtschaft werde von derzeit 25 Prozent auf 15 Prozent in 15 Jahren schrumpfen. „Wir werden nicht ärmer, aber wirtschaftlich weniger einflussreich“, beruhigt der luxemburgische Kommissionspräsident. Für Juncker sind die Aufgaben der EU klar. Auch das Vorsorgen für die Jugend, ebenso in Ländern mit Wirtschaftskrise wie Spanien oder Griechenland, gehört dazu. „Europa muss sozialer werden, wir können keine neue verlorene Generation heranwachsen lassen.“ Man müsse gegen soziales Dumping kämpfen und arbeitende Menschen dürften sich nicht weiter von Europa entfernen. Wichtig sei Lehren aus den jüngsten Ereignissen zu ziehen, sagt Juncker mit Blick auf den Brexit und die US-Wahl.

Warum eine gemeinsame Politik heute wichtig ist, veranschaulichte der belgische EuGH-Präsident. „Die EU ist kein Staat und versucht auch nicht, es zu werden. Man macht gemeinsam Politik, die man nicht so wirksam auf Ebene des Einzelstaates regeln kann“, sagt Lenaerts.

Jede Stimme zählt

Angesichts des Brexits und der US-Wahl haben die Schüler viele Fragen. Ein Junge vom „Lycée Aline Mayrisch“ will wissen, ob die ältere Generation gerade dabei sei, „unsere Zukunft zu ruinieren.“ Schulz antwortet, dass es auf den ersten Blick vielleicht danach aussieht, aber dass beim Brexit viele junge Leute nicht abgestimmt haben. „Wer glaubt, dass seine Stimme nicht zählt, begeht einen großen Fehler.“ Zudem schafft Schulz Verständnis für die Älteren: „Viele Junge ziehen in die Großstädte, die Alten werden vom städtischen Bereich abgekoppelt und bei ihnen entsteht ein Gefühl der Verlorenheit, wenn nur noch der urbane Lebensstil zu zählen scheint.“

Sophie, Schülerin an einem anderen luxemburgischen Gymnasium, fragt nach den Folgen von Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Juncker räumt ein, dass dies ein „Risiko“ für das internationale Gleichgewicht bergen könne. Allerdings erinnert er an das alte ungeschriebene Gesetz: „Realpolitik unterscheidet sich von Kampagnen und die Amerikaner interessieren sich grundsätzlich nicht für Europa.“ Man müsse dem designierten Präsidenten beibringen, auf welchen Grundsätzen Europa basiert, sagt Juncker.

An diesem Tag haben 250 Schüler die vermeintlich ferne EU nah erlebt, damit werden sie daheim sicher auch zum Multiplikator.