LUXEMBURG
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Lëtzebuerger Journal

Anselm Neft | Die bessere Geschichte

Tilman Weber ist sensibler als seine Altersgenossen. Nachdem seine Mutter sich das Leben genommen hat, wächst er allein bei seinem Vater auf, der sich zwar um seine Bildung kümmert, aber wenig um seine Ängste und Nöte. Als eine neue Frau in sein Leben tritt, reift der Entschluss, den dreizehnjährigen Tilman in der „Freien Schule Schwanhagen“ unterzubringen – einem reformpädagogischen Internat. Der Unterricht wird frei gestaltet, die Schüler sollen sich ausprobieren. Für Tilman ist diese neue Art des Lernens und Zusammenlebens aufregend, insbesondere als ihm angeboten wird, in die berüchtigte Gruppe der „Wielandkinder“ - unter der Leitung Salvador und Valerie Wielands - aufgenommen zu werden. Der 1973 in Bonn geborene Autor Anselm Neft, selbst ein ehemaliger Schüler des Bonner Aloisiuskollegs, zeichnet mit präzisem Blick subtile Strukturen des Machtmissbrauchs nach. Lange begreift Tilman nicht, dass ihm Gewalt geschieht. Der Roman macht die inneren Verdrehungen so schmerzlich spürbar, dass man erahnt, wie die Antwort auf die oft gestellte Frage „Und warum redet ihr erst jetzt?“ lauten könnte. Die bessere Geschichte ist ein hervorragend erzähltes und beklemmendes Buch. Es handelt von Manipulation, Ausbeutung, Gewalt und Selbstbetrug. Es handelt von Dingen, die täglich passieren. (VON SOPHIE WEIGAND)

Rowohlt, 480 Seiten, 22 Euro

Christophe Prince et Nathalie Prince | Nietzsche au Paraguay

A  vec Nietzsche au Paraguay, Christophe et Nathalie Prince cosignent un étonnant roman mêlant documentation historique, enquête philosophique et récit d’aventure. Après une longue expédition dans la forêt amazonienne, scellée par l’attaque sanglante d’une tribu indigène, le capitaine Virginio Miramontes, protagoniste ambigu dans un monde de violence et de détestation de l’autre, se réveille dans une colonie enfouie au fin fond de la jungle: Nueva Germania, lubie aryenne de Bernhard Förster et de son épouse, Elisabeth Nietzsche, dont le frère philosophe fustige l’antisémitisme. Captif et captivé, Miramontes découvre le quotidien boueux de cette communauté dont l’idéologique délirante camoufle l’inéluctable débandade. Son récit haletant est ponctué des lettres que Friedrich Nietzsche, qui tente d’achever son œuvre, sombrant dans la folie, adresse à sa sœur. Au fil des pages, le lecteur découvre aussi des extraits de carnets, des notes et des fiches caractérologiques, ainsi que, à la fin du roman, des photos, des cartes, une bibliographie… Les auteurs tissent ainsi une dense toile dans laquelle se brouillent l’histoire et la fiction. Le livre se clôt par la belle postface de Nathalie Prince qui éclaircit la genèse du roman tout en rendant un émouvant hommage à son mari et coauteur disparu en 2017.    (PAR SÉBASTIAN THILTGES)

Flammarion, 380 pages, 19,90 euros

Juli Zeh | Gebrauchsanweisung für Pferde

Während in Frankreich unter anderem Jérôme Garcin mit Werken wie „La chute de cheval“ und „Bartabas, roman“ die Literatur über und zu Pferden aus dem „Wendy“-Klischee befreien konnte, verbleibt die deutschsprachige Literatur in vorurteilsbeladener Abwehrhaltung. Nun hat Juli Zeh den Versuch gewagt, Nicht-Reitern die „Faszination Pferd“ zu erklären. Denn Reiter wissen: Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Juli Zeh erzählt den Verlauf ihrer Reiterkarriere von einem kleinen pferdeverrückten Mädchen zur Pferdetrainerin. Der Umgang mit Pferden wird zur Lebensschule: Hier lernt man aus Misserfolgen, nicht alles auf einmal zu wollen und „das aggressive Naturbild vom Recht des Stärkeren durch ein Verständnis zu ersetzen, das vor allem Kooperation und Vernetzung zwischen den Organismen in den Mittelpunkt stellt“. Unterhaltsam sind vor allem die Versuche des Lebenspartners, die Leidenschaft seiner Frau mithilfe von Star-Wars-Gleichnissen zu verstehen. Dabei erscheinen die Worte der Jedi-Meister als durchaus passend auf so manche Situation im Reiterleben. Doch klären sie nicht die Frage nach dem Warum. Dabei ist die Antwort einleuchtend, so Juli Zeh: „Das Pferd ist ein Glücksversprechen. Nicht weniger als das.“ Wer das nicht versteht, sollte das Buch lesen. (VON SARAH LIPPERT)

Piper Taschenbuch, 224 Seiten, 15 Euro

Lëtzebuerger Journal

William Shakespeare | Macbeth

Why only talk about Macbeth when there’s a Lady Macbeth? Of course he is a fascinating character with all his ambitions, his hesitations, his weaknesses, his desperate yet cold-blooded ruthlessness. But Lady Macbeth – hers is a completely different story. And such an intriguing story, too. Who is she? What is she? The submissive loving wife who tries to read her husband’s every thought, who implores the dark spirits to ‘unsex’ her (1,5), to remove her humanity so as to better serve her husband’s evil desires, who gives up her soul for his kingship? Or is she hiding behind the wifely facade and deep-down just as ambitious? A woman who wants to be queen? These characters’ developments are so tightly interwoven it doesn’t make sense to consider them separately. They are a unit – ‘dearest love’ (2,5) to each other – and Shakespeare shows us the deepest recesses of their souls. How well we can sympathise with Macbeth’s fear of Banquo and Fleance, his most threatening rivals! How utterly shaking Lady Macbeth’s loss of sanity is! Listening to her belief that ‘a little water clears us of this deed’ (II, 2), i.e. the murder of King Duncan, and then, later on, to her realisation that ‘all the perfumes of Arabia will not sweeten this little hand’ (V,1), the audience takes the plunge with her into an abyss of guilt and despair. We follow her sleepwalking, her rambling, and feel at once horrified and relieved when the announcement of her death comes. Finally peace for her. Unless she ends up in hell. But by then her life is hell anyway.  Macbeth’s inability to mourn his wife’s death, as the enemy is approaching, provides another example of Shakespeare’s ingenious plotting. With his extraordinary, powerful language he holds us enthralled. Our hearts bleed for and with the Macbeths. Yes, they are greedy, reckless, they commit horrible deeds, but in the end they are also punished and justice prevails. The Macbeths are a couple from hell. And we love them for it.  (BY ANNE-MARIE REUTER)

Bloomsbury Academic, 190 pages, 9 euros

LESEZEICHEN

Verlegt, verworfen, verloren

Wann Bücher verloren gehen? Wenn du umziehst. Erst sind sie im Karton, dann sind sie weg. Ich spreche da aus Erfahrung. Und wenn du die Dinger verleihst. Verleihen ist wie verschenken, nur unabsichtlich. Oder wenn du auf der Bahnhoftoilette schmökerst und dein Zug fährt gerade ein.
Beim Thema „Zugreisen und Bücherverlust“ muss ich immer an den jungen Hemingway denken, dessen frühe Short Stories auf einer Bahnfahrt gestohlen wurden. Sie sind bis heute vom Winde verweht. Auch die Manuskripte von Frankenstein-Autorin Mary Shelley, die ein verpeilter Verleger „verlegt“ hat, gelten nach wie vor als verschollen. Für sie ist noch nicht alle Hoffnung verloren, für verbrannte Schriften aber sehr wohl. Verbrannt – bei dem Wort tut sich ein Assoziationsraum des Schreckens auf:
Da ist die Bibliothek von Alexandria mit der größten Papyrusrollensammlung der Antike. Unwillkürlich von Caesar abgefackelt oder willkürlich von den Arabern. Wer weiß das schon? So oder so wurde alles vernichtet.
Und da sind die barbarischen Bücherverbrennungen in deutschen Universitätsstädten am 10. Mai 1933. Eine Schandtat von ideologisch verblendeten Intellektuellen gegen angeblich „undeutsche“ Intellektuelle. Vieles wurde neu aufgelegt, vieles ist unwiderbringlich verloren.
Manche Schriftsteller haben Teile ihres Werks sogar selbst vernichtet. Kafka beispielsweise und Thomas Mann. Sie haben Worte, die wir nie werden lesen können, in den Flammen tanzen lassen.
Eine skurrile Anekdote erzählt Wayne Wang in seinem Film „Smoke“ von 1995. Michail Bachtin, der russische Literaturtheoretiker, soll sich das einzige Exemplar seiner Studie über den Bildungsroman auf die Lunge gezogen haben. Er hat das Manuskript, an dem er ein Jahrzehnt lang gearbeitet hat, einfach weggeraucht. Während der Nazi-Besetzung von Leningrad im Jahr 1941 hat er sich in einer Klause verbarrikadiert. Er war ein Süchtiger mit Tabak, aber ohne Zigarettenpapier. Also benutzte er sein Buch. Und so blieb am Ende nur Schall und Rauch. (VON JEROME JAMINET)