LUXEMBURG
LJ
Fotos: Verlag - Lëtzebuerger Journal
Fotos: Verlag

Elisabeth Reichart

Mein Geliebter, der Wind

Für jeden Augenblick gilt: alles oder nichts. Drum muss man ihn leben, ihn vollends wahrnehmen, bevor das zu erlebende schon längst vergangen ist. Vom Wälzen eines Hundes im Schnee folgt ein lyrisches Ich dem „Gesang der Kristalle“, zwischen Baulärm vernimmt es noch den Sound des Frühlings im Park und im Windhauch begibt es sich in die Hand des Geliebten. Elisabeth Reicharts Dichtung ist Rettung im Angesicht barocker Vergänglichkeit. Denn so schwungvoll ihre Texte vom Glück erzählen, so düster geben sie ebenfalls kund von ertrinkenden Engeln und Tränen, die mit einem Mal sämtliche Farben verschlucken. Im Ausgleich der Kräfte findet sich das Trotzdem, das Aufbegehren der Herzen gegen die „Dunkelheit“, die „sich / ins Unterholz / legt“. Am Ende fast jeden Poems siegt das Schwarze, das Feuer, der Tod. Und doch beginnt mit jedem neuen der nie endende Kampf um Bestehen und Schönheit. Obgleich man in ihrem aktuellen Band „Mein Geliebter, der Wind“ so manche Manierismen und schwülstige Wendung wie „Ich bin ein Mund / für immer / zur Sprachlust verdammt“ entdeckt, sind Elisabeth Reicharts sprachlich stets waghalsigen, kompromisslos überschwänglichen Miniaturen ein Genuss. Denn hier ist pure Sprachliebe am Werk: verführerisch, bittersüß, und grundsätzlich entropisch!VON BJÖRN HAYER

Otto Müller, 120 Seiten, 20,00 Euro

Tomas Bjørnstad

Die Tanzenden

In Luxemburg scheint es gerade en vogue zu sein, Bücher unter einem Pseudonym zu publizieren. Für den Literaturdiskurs ergibt sich dadurch ein Problem: Man redet dann häufig mehr über den Autor selbst als über die Qualität der Texte. Nehmen wir also einfach an, Tomas Bjørnstad ist kein Pseudonym, er ist tatsächlich der Sohn einer luxemburgischen Mutter und eines norwegischen Vaters, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Luxemburg lebt - und er hat nach dem Gedichtband „Fjorde nun sein zweites Buch veröffentlicht: den autofiktionalen Roman „Die Tanzenden“. Tatsächlich hat man den Eindruck, zumindest in Bezug auf die sprachlich virtuos dargestellte Intensität der - vor allem nächtlichen - Eskapaden des Ich-Erzählers, Luxemburg sei eine Großstadt. Ständig vermischen sich Rausch und Wirklichkeit in expressionistischer Manier. Bjørnstads Protagonisten sind keine Gesellschaftstänzer mehr, deren Schritte festgelegten Regeln folgen, sondern sich in orgiastischen Tänzen auflösende Individuen, die ihr Leben allenfalls nur noch bruchstückhaft wahrnehmen können. Die Clubs und Kneipen der Stadt sind die Orte, in denen über die gesellschaftliche Verkommenheit und Dummheit diskutiert und verzweifelt wird und in denen man sich gewollt im Rausch verliert, damit man der eigenen Unzulänglichkeit entkommt.von SARAH LIPPERT

Éditions Guy Binsfeld, 272 Seiten, 22,00 Euro

Saša Stanišic

Herkunft

Saša Stanišics aktueller Roman, jüngst für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert, legt auf virtuose Weise die Kontingenz von Geburt und Biographie offen. „Herkunft“ ist der Versuch, sich selbst zu erzählen, zu verorten, zu verwurzeln. Die Erzählung des eigenen Lebensweges ist immer eine Konstruktionsleistung, gewöhnlich wird damit aber weniger offen umgegangen als es Stanišic tut. Was für ein Zufall es ist, wo wir geboren werden. Was für Geschichten wir uns erzählen (müssen), um uns zusammenzuhalten. Was für Geschichten uns erzählt werden, um uns zu spalten. Stanišic ist vierzehn, als er mit seinen Eltern 1992 aus Bosnien nach Deutschland kommt. Jugoslawien zerfällt und mit ihm eine Großerzählung, die keinen Wert mehr hat. „Herkunft“ verfährt selbstreferentiell, indem es immer wieder Bezug auf sein Entstehen nimmt und es stellt dem Autor Stanišic seine Großmutter gegenüber. Der eine versucht, aus den Erinnerungen eine Geschichte zu formen, die ihre Brüche nicht erzählerisch verschleiert. Die andere verliert ihre Erinnerungen. „Herkunft“ ist kein Roman und will keiner sein, „Herkunft“ ist work in progress, ein Projekt, das man beim Entstehen beobachten kann. Ganz nebenbei führt es die neurechten Herkunftserzählungen ad absurdum. Ein fantastisches Buch! VON SOPHIE WEIGAND

Luchterhand, 368 Seiten, 22,00 Euro

Foto: verlag - Lëtzebuerger Journal
Foto: verlag

Franz Kafka

Die Verwandlung

Sicher, viele Erzählungen wirken wie kaltes Wasser, man muss sich erst warmlesen und herausfinden, was da los ist. Meist hat man dann den Bogen raus und erfahrene Leser erkennen, was da gebaut und gespannt ist. Man ahnt und versteht die Gleichnisse, die Fallen, Hinweise – und ist gar manchmal amüsiert über absichtliche Brüche in der Erwartungshaltung, die der schelmische Autor da legen wollte. „Alles klar, darauf falle ich nicht rein“, denkt man.

Es sei denn, der Autor hat ein derart feines Werkzeug, dass man nicht erklären kann, wie er es macht. Kafkas „Verwandlung“, die er 1912 schrieb, wird Schülern von Japan bis Argentinien noch heute gezeigt als eine der eindrucksvollsten Erzählungen der Literaturgeschichte. Wenn man für den Stil und die Themen keine Schublade mehr findet, wenn ein Autor selbst zur Marke wird – dann weiß man, hier ist jemand, der weit über das Erwartbare hinaus schreibt.

An der „Verwandlung“ hat Kafka vermutlich nicht lange gearbeitet, er hat manchmal die Kerne seiner Geschichten wie „Das Urteil“ in einer Nacht geschrieben und später poliert. Nur, was ist der Kern? Dass Gregor Samsa zum „Ungeziefer“ wird? Oder wie freindselig die Umwelt darauf reagiert? Anders als bei Fantasiegeschichten wie „Alice im Wunderland“ bleibt hier alles normal und trocken, nüchtern, ernst und staubig – bis auf Gregor Samsa.

Kafka gab nicht viele Hinweise, wie man die Geschichte zu verstehen habe. Nur dass es eine Idee, eine „Kopfgeburt“ sein soll und er auf keinen Fall auf dem Buchcover einen Käfer wollte, das wissen wir. Es bleibt ein unauflösbarer Tagtraum mit schockierendem Anfang, szenisch perfektem Stil und sanft und klug geführter Perspektive, auch nach 107 Jahren.

von CARSTEN SCHMIDT

Suhrkamp, 144 Seiten, 4,50 Euro