LUXEMBURG
Lëtzebuerger Journal

Matthias Brandt

Blackbird

Morten Schumacher, genannt Motte, erfährt am Telefon von der schweren Krankheit seines besten Freundes. Eben haben sie noch über den „ohne Stiele und Stengel“ gekelterten Amselfelder gesprochen, jetzt liegt Manfred Schnellstieg, den alle nur Bogi nennen, mit Lymphdrüsenkrebs im Krankenhaus. Für den 15-jährigen Motte verändert sich die Welt schlagartig. Das Verhältnis zu seinen Eltern, insbesondere zu seinem Vater, ist höflich distanziert, also muss er allein mit der Trauer, Wut und Unsicherheit umgehen, die ihn befällt, wenn er seinen Freund im Krankenhaus besucht. Und während Bogi im Hospital um sein Leben kämpft, verguckt sich Motte auch noch in Jacqueline Schmiedebach, die mit ihrem Fahrrad jeden Tag an seiner Schule vorbeifährt. Matthias Brandt hat mit Blackbird einen immens charmanten und warmherzigen Roman über Freundschaft und Erwachsenwerden geschrieben. Geschmückt mit allerlei Zeitkolorit der 70er-Jahre (Nogger-Eis, „Bilitis“ im Kino) gelingt es ihm, das Schwere doch mit viel Leichtigkeit und Empathie zu erzählen. Blackbird hat Witz, liebenswürdiges Personal, skurrile Szenen und eine Geschichte, die, trotz aller sicherlich autobiographisch geprägten Bilder der alten Bundesrepublik, zeitlos ist. (VON SOPHIE WEIGAND)

Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro

 

Brigitte Giraud

Jour de courage

Livio Caproni a toujours caché son homosexualité. Même Camille, sa meilleure amie, n’a jamais été mise dans la confidence. Prenant son courage à deux mains, le jeune homme décide un jour de révéler son secret. Mais de façon indirecte, lors d’un exposé en cours d’histoire durant lequel il évoque l’itinéraire de Magnus Hirschfeld (1868-1935). Ce médecin juif allemand de l’entre-deux guerres est le premier homme à étudier «la sexualité humaine sur des bases scientifiques». En 1919, il fonde à Berlin «le premier Institut de sexologie au monde». Son but: démontrer le caractère inné de l’amour entre hommes ou femmes et s’attaquer aux consciences conservatrices de l’époque. Pour faire abroger le paragraphe 175 du Code Pénal allemand criminalisant les relations entre deux personnes de même sexe, l’audacieux praticien fait circuler une pétition. Cinq mille personnes la signent dont Einstein, Rilke, Tolstoï ou encore Zola. Hirschfeld va même jusqu’à co-écrire le scénario d’une fiction homosexuelle: Anders als die Andern. Quatorze ans après sa sortie, les nazis arrivent au pouvoir et détruisent les travaux du docteur «Courage». La version courte du film, elle, a heureusement échappé aux flammes de l’ordre noir. (PAR WILLIAM IRIGOYEN)

Flammarion, 160 pages, 17 euros

 

David Wagner

Der vergessliche Riese

David Wagners Roman beginnt ganz unscheinbar. Der Sohn der Erzählung holt seinen Vater vom Hamburger Hauptbahnhof ab, um mit ihm in sein altes Zuhause zu reisen: in die Kleinstadt Andernach im tiefsten Westen der Republik. Der Vater ist an Altersdemenz erkrankt. Er kann sich an sein Geburtsjahr 1943 erinnern, manchmal sogar an seine erste Ehefrau, aber nicht an das, was vor fünf Minuten passiert ist. Von diesem Schicksal erzählt David Wagners autobiografische Fiktion. Der Sohn macht sich also nach Jahrzehnten der Entfremdung auf Spurensuche, jetzt, da der Vater wieder Kind ist. Das Buch liest sich ungeheuer leicht. Aber zugegeben: Der vergessliche Riese geht dem Leser anfangs kräftig auf die Nerven. Ständig wiederholen sich die Fragen, ständig muss der Sohn das gleiche antworten. Langsam lernt man allerdings immer mehr Details über diesen Riesen, versteht seine Verletzlichkeit, seine Gutmütigkeit, fühlt sich gerührt von dem Vater-Sohn-Verhältnis. Plötzlich begleitet man den Vater auf seine kleinen Expeditionen so verständnisvoll wie der Sohn: auf eine Beerdigung seiner Schwester Hilde, ins Schwimmbad oder bei seinem Umzug in ein Altersheim direkt am Rhein. Es ist ein ganz unauffälliges, poetisches und sehr berührendes Buch geworden. Absolute Leseempfehlung! (VON TOMASZ KURIANOWICZ)

Rowohlt, 272 Seiten, 22 Euro

Lëtzebuerger Journal

Rafik Schami

Eine Hand voller Sterne

Damaskus, Rafik Schamis Geburtsstadt. Anders als in den Medien, die das kriegszerstörte Syrien zeigen, erlebt der durch die Buchseiten reisende Leser hier eine pulsierende Stadt, in deren Gassen es nach gefüllten Auberginen und nach Yasmin duftet. Salin, Ismat, Habib, Mariam und Sami leben dort, Palästinenser, Ägypter, Syrer, Muslime und Christen – alle in einem verwobenen friedlichen Miteinander. Es geht die Rede von Moscheen, Libanon, Putsch, Verhaftungswellen, vom Arabischen mit seinen dreißig Synonymen für Löwe und seinen achtzig Synonymen für Hund. Da ist Nadia, die den „Flugkuss“ des jungen Erzählers an die Lippen und unter ihr Hemdchen führt. „Leck mich mal“ und „du Hund“, in den Augen des Pfarrers Flüche, sind in denen des Bäckerjungen und Geschichtenerzählers ein Angebot, der Hund ein Geschöpf Gottes. „Schule, wozu?“, fragt der Vater seinen Sohn, der Journalist werden will in einem Land, in dem die Regierung kritische Journalisten ins Gefängnis steckt. Wegen der Auseinandersetzungen mit seinem Vater will er sich selbstständig machen und nach Aleppo abhauen. Salim, sein Onkel und bester Freund, spürt im Herzen, dass der Fünfzehnjährige das Zeug zu einem guten Journalisten hat. Er rät ihm, noch eine Weile in Damaskus zu bleiben, wo der Junge alle Gassen, wo er viele Menschen kennt. Er bleibt und schreibt, auch über die Verhaftung seines Freundes, den mutigsten Journalisten Syriens. Ohne sich von den Militärs oder von der Regierung abschrecken zu lassen, stachelt sein Schreiben und seine Zivilcourage ihn zu lebensgefährlichen Taten an. Wie zu der Herausgabe regierungsfeindlicher Aufklärungsgeschichten, die er gemeinsam mit Freunden als Zettelchen, in Socken versteckt, als Sockenzeitung im Basar, in Kinos und Cafés unter die Damaszener schmuggelt. (VON LINDA GRAF)

Gulliver von Beltz & Gelberg, 256 Seiten, 8,95 Euro