LUXEMBURG/NIEDERANVEN
CORDELIA CHATON

Christian (55) und Guill (59) haben viele Erinnerungen an Familiengeschichten. Fast immer haben sie etwas mit Essen zu tun. Beispielsweise an die Erfindung der Rieslingspastete durch ihren Großvater und Firmengründer Pierre Kaempff-Kohler. Der trank in den 1920er Jahren gern ein Glas Wein mit seinen Freunden. Aber ohne eine handfeste Unterlage wirkte der Rebensaft sehr schnell. „Da hat er Rind- und Schweinefleisch 48 Stunden lang eingelegt, in Brisée-Teig gepackt und nach dem Backen die Pastete mit Gelée aufgefüllt“, erklärt Christian.

Die „Rieslingspaschtéit“ - bis heute der Renner

Die „Rieslingspaschtéit“ ist bis heute ein Renner im Feinkostgeschäft von Kaempff-Kohler. Nicht nur Premier Xavier Bettel nennt sie als Lieblingsgericht. Auch zahlreiche Touristen entdecken diese und andere Köstlichkeiten wie die „Macarons Mous“ oder die „Médaillons de Luxembourg“ aus Mandelteig mit Ganache-Füllung. Kaempff-Kohler ist längst eine Einrichtung. In diesem Jahr gibt es das Traditions- und Familienunternehmen seit 95 Jahren.

Kein Wunder, dass viele Touristen in den Laden am Knuedler strömen. „Sie machen jetzt im Sommer bis zu 90 Prozent der Kunden aus“, erzählt Guill. Längst hat er die Terrasse auf 50 Plätze aufgestockt und serviert auch schon mal selbst. „Mit den Jahren kenne ich sehr viele Kunden, man schätzt sich“, lächelt er. Aber bei Kaempff-Kohler gibt es noch mehr. Käse, Weine, Wild und Luxusprodukte. Auch die Poularden, die Vater Marc früher in Brüssel besorgte. „Damals stand er einmal in der Woche um ein Uhr auf, um auf dem Großmarkt in Brüssel einzukaufen. Das Geflügel war am Folgetag sehr gefragt und bis heute gibt es Edelweiß-Poularden“, erinnert sich Christian. Solche Anekdoten gibt es viele. Sie haben fast immer mit Feinkost und Familie zu tun.

Kunden Gutes tun

Für seinen Bruder Guill war immer klar, dass er einmal ins elterliche Unternehmen gehen würde. „Ich habe hier oft nach der Schule gearbeitet. Das habe ich damals gern gemacht und mache es heute noch gern“, sinniert er. „Vielleicht bin ich Idealist, vielleicht habe ich es auch so empfunden, dass es meine Aufgabe ist und dass ich gern Kundenkontakt habe.“ Schon seine Großmutter und Mutter haben ihm vermittelt, dass man den Kunden Gutes tun solle - dann kommen sie wieder.

Für Christian war die Situation anders. „Ich habe zwar in Diekirch und Lausanne die Hotelfachschule besucht, war bei Feinkost Dallmayr in München und im Londoner Hilton. Aber dann haben sich die Dinge anders entwickelt.“ Das lag zum einen daran, dass der ältere Bruder Jean-Marc damals schon im Betrieb arbeitete, andererseits Christian sich in London sein eigenes Leben aufbaute. „Ich aß gern und kannte gute Adressen von Restaurants. Das war bei den Luxemburger Bankern in London sehr gefragt“, erinnert er sich. Doch die Banker suchten nicht nur Tipps, sondern auch einen EDV-Fachmann. Genau das aber war das Hobby des Luxemburgers - und wurde für die nächsten 15 Jahre sein Beruf. Christian war Softwareberater- bis seine Mutter ihn in den Betrieb zurückrief. Dort war durch den Tod des älteren Bruders eine Lücke entstanden. „So ist das in Familienunternehmen“, sagt er.

„Gutes Essen macht nicht dick!“

Christian blickt über das Restaurant mit 250 Plätzen und Konferenzsaal, das er im Gewerbegebiet von Niederanven-Munsbach 2004 eröffnet hat. Graue Fliesen, Holzstühle, grüne Akzente und ausgestellte moderne Politikerporträts. Hier arbeiten er und seine Frau Anne. Ob die 18-jährige Tochter und der 17-jährige Sohn einmal einsteigen, steht noch nicht fest.

Ganz anders sieht es in der Stadt aus, wo Guill den Laden leitet. Seine Söhne Jean-Paul (30) und Philippe (22) arbeiten schon mit, ihre 28-jährige Schwester dagegen hat sich für den Beruf der Lehrerin entschieden. Guill kann das verstehen. „Ich fange um 7.00 oder 8.00 an und dann geht es bis 19.00 oder später, das Ganze sechs Tage die Woche, seit 1982. Es ist viel Arbeit“, sagt er. Arbeit, an der Beziehungen zerbrechen können, Arbeit, die die derzeit aktuelle Work-Life-Balance nicht zulässt.

Sein Sohn Jean-Paul nickt. Er hat seinen Vater schon als kleiner Junge schuften sehen, damals half er selbst mit. Seine Entscheidung für das Unternehmen war nicht selbstverständlich. „Als Jugendlicher habe ich rebelliert, ich wollte weg“, sagt er. Der Älteste ging sieben Winter lang nach Indonesien, kam aber stets wieder zurück in das Haus, in dem er im fünften Stock über Küche und Backstube geboren ist. „Es zog mich immer wieder hierher. Jetzt habe ich so viele Ideen“, sagt er. Jean-Paul sieht sich nicht als Bäcker oder Koch. „Aber ich koche gern.“ Genau wie sein Vater und sein Bruder Philippe ist er gertenschlank. Die drei verraten ihr Geheimnis: „Gutes Essen macht nicht dick!“

„Wir liefern für fünf bis 2.000 Personen“

In Niederanven arbeitet sein Onkel Christian an Neuerungen. Er ist gleichzeitig der Präsident der Munsbacher Entente, bei der 45 der 60 Inhaberbetriebe Mitglied sind. „Wir haben den gemeinsamen Strom- und Gaseinkauf koordiniert. Jetzt wollen wir auch die Müllentsorgung gemeinsam ausschreiben. Das ist kostengünstiger und nachhaltiger“, sagt er. Daneben nutzt er seine EDV-Kenntnisse für einen Feinkost-Dienst. „Ab 2018 soll das Projekt als Pick-up-Delivery stehen“, erklärt er. Bis dahin geht das Geschäft weiter; vor allem das Traiteur-Geschäft.

„Wir liefern für fünf bis 2.000 Personen“, versichert Guill. Der Service wird regelmäßig gebucht, Essen für 4.000 Leute am Wochenende sind keine Ausnahme. „Es zahlt sich aus, dass wir immer das Beste heraussuchen“, ist Guill sich sicher. Die Brüder sind sich in ihrer Hingabe für die Aufgabe einig. „Ich bin immer noch mit Leidenschaft dabei“, versichert Christian. Guill meint: „Ich habe es nie bereut, dass ich hier bin. Und ich würde es wieder machen.“ Nur eines hat das Feinkost-Duo vor lauter Arbeit bislang nicht gemacht: Das 95. Unternehmens-Jubiläum gebührend gefeiert. Dabei wäre fürs leibliche Wohl schon gesorgt.