COLETTE MART

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf geht in Richtung Diversität. Nach dem ersten schwarzen Mann in dem wohl strategisch wichtigsten politischen Amt der Welt kandidiert jetzt eine Frau für den gleichen Posten. Ein genauerer Blick auf die amerikanische Geschichte offenbart allerdings, dass Hillary Clinton keineswegs die erste Frau ist, die um das höchste Amt in Amerika wirbt. Vor ihr waren im Laufe der Geschichte bereits 30 Frauen Präsidentschaftskandidatinnen, vorwiegend in kleineren Parteien.

Die allererste Bewerberin war eine gewisse Victoria Woodhull, die im Jahre 1872, fast 50 Jahre vor der Einführung des Frauenwahlrechts, bereits Präsidentin werden wollte. Sie war eine Abenteurerin, die sich für Arbeiter- und Frauenrechte, sowie ebenfalls für die freie Liebe einsetzte. Einer ihrer Mitstreiter war damals Frederick Douglass, ein ehemaliger schwarzer Sklave, der als Schriftsteller gegen Sklaverei mobilisierte und Woodhulls Vizepräsident werden sollte. Die Diversität sowie der Wunsch, Ungerechtigkeiten und Rassismus auszubügeln, existieren also schon länger in der amerikanischen Gesellschaft.

Hillarys Pionierleistung besteht darin, von einer großen Partei als Kandidatin gekürt worden zu sein, und von dem unkonventionellen Sprungbrett der ehemaligen First Lady aus selbst eine Chance bekommen zu haben, die erste amerikanische Präsidentin zu werden. Eine Analyse des amerikanischen Wahlkampfs offenbart, dass eine eher unsachliche politische Debatte abgeht, dass es schwierig ist für politische Beobachter, im Dickicht vom Klatsch und übler Nachrede die wirklich handfesten politischen Argumente festzumachen, die auf jeden Fall für Hillary Clinton und gegen Donald Trump sprechen. Jedenfalls scheint es offensichtlich, dass hier eine Frau beurteilt, fertiggemacht und mit Dreck beworfen wird. Eine vermutliche lesbische Affäre der Kandidatin aus den 1970er Jahren musste herhalten, um Hillary zu diskreditieren, der allerdings auch das Image der betrogenen Ehefrau anhaftet, das sie durch die Lewinsky-Affäre ihres Mannes erhielt.

Hillary Clinton wird Härte nachgesagt, aber die Frage stellt sich hier, wie man denn ohne Härte, respektive emotionale Abhärtung, Präsidentschaftskandidatin der Vereinigten Staaten wird. Hillary Clinton wird im öffentliche Diskurs an den Maßstäben der Weiblichkeit gemessen, wobei ihr sicherlich handfeste politische Fehler nachzuweisen wären, wie die Unterstützung des Irakkrieges, der auf einer Lüge beruhte.

Barack Obama wurde auch als schwarzer Mann nach seinen Verdiensten im Interesse der schwarzen Bevölkerung und der Rassenprobleme in Amerika beurteilt, und wie „Die Zeit“ diese Woche berichtet, habe er die historisch tiefverwurzelten Rassenungleichheiten nicht entscheidend ausbügeln können. Trotzdem war der schwarze Präsident ein Meilenstein, ein Symbol, ein Schritt nach vorne in einer Welt, in der die Konflikte der Interkulturalität und des Rassismus sich eher verschärfen. Um diese Probleme anzugehen, bleibt Hillary Clinton, auch weil sie eine Frau ist, sicherlich die bessere Alternative zu einem Donald Trump, der sich bereits im Wahlkampf gegen Frauen und auch gegen ethnische Minderheiten gestellt hat.