COLETTE MART

Der Bericht des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen zum Thema Asylanträge offenbart in den Industrienationen einen Anstieg der Zahl der Flüchtlinge um 28%. Dass Europa vielen mittellosen Menschen ohne Perspektiven und ebenfalls politisch Verfolgten Hoffnung gibt, daran erinnern uns immer wieder Flüchtlingsdramen, wie die Katastrophen im Mittelmeer. Die Hürden, Strapazen und Gefahren, die diese Menschen auf sich nehmen, erschüttern und interpellieren den europäischen Humanismus, auf den wir alle so stolz sind und auf den es sich durchaus lohnt, einmal zurückzuschauen.

In diesem Jahr 2014 nämlich, in dem allgemein an das Jahr 1914 und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnert wird, gewinnt Stefan Zweigs Werk „Die Welt von gestern“ wieder an Aktualität. Zweig versucht nämlich hier, den Untergang der alten europäischen Gesellschaftsordnung durch den Ersten Weltkrieg zu beschreiben; er erinnert dabei an die vorige Jahrhundertwende, in der es in Europa noch keine Grenzen gab, für deren Überschreitung man einen Pass gebraucht hätte, und in der Dichter, und allgemein alle Menschen über die Grenzen hinaus in Kontakt miteinander treten konnten.

Die Grenzen also, so wie wir sie heute kennen und vor denen so viele Flüchtlinge sterben, sind demgemäß eine Erfindung der Neuzeit, eine Folge der Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts. Die menschliche Misere, die sich in diesem Zusammenhang im Mittelmeer abspielt, sollte uns daran erinnern, dass die Welt im Prinzip allen gehört, und dass die Weltordnung noch bis vor 100 Jahren dieses philosophische Prinzip auch mehr oder weniger umsetzte. So, wie sich jedoch Europa seit 1914 entwickelt hat, so wie nationale Grenzen gezogen und protektionistische Schranken erhoben wurden, so wie anschließend seitens der EWG und der EU versucht wurde, progressiv die Grenzen wieder abzubauen, ist es heute nicht mehr denkbar, einfach allen die Grenzen zu öffnen, weil nämlich sonst Arbeitsmärkte und Sozialsysteme in Europa zu kollabieren drohen, so die Annahme. Trotz all dem wissen wir, dass die europäische Wirtschaft zumindest Kontingente von eingewanderten Arbeitskräften braucht, sodass seriöse Rechnungen aufgestellt werden sollten, wie viele Flüchtlinge wir eventuell integrieren können. Eine solche Politik würde zumindest mit dem europäischen Humanismus und mit der Geschichte von vor 1914 anknüpfen, in der es noch möglich war, ein Weltbürger zu sein. Im Rahmen des Berichts des Flüchtlingskommissariats erweist sich die Position Luxemburgs als durchaus interessant.

Während wir zahlenmäßig viele Flüchtlinge aufnehmen im Vergleich zu unserer Einwohnerzahl, befinden wir uns in Bezug auf den nationalen Reichtum eher hinten auf der Ranking-Liste. Positiv zu bemerken ist, dass Luxemburg sich um die Integration seiner Flüchtlinge bemüht; ein Mehr an Akzeptanz seitens der Bevölkerung, ein Mehr an Empathie für das Schicksal von Menschen aus armen Ländern, ein Mehr an Bewusstsein dafür, dass die Welt trotz nationaler Grenzen allen gehört, würde uns allen jedoch gut tun.