COLETTE MART

„Die Gedanken sind frei“ ist ein schönes, emanzipatorisches Schweizer Volkslied aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Mit diesem wurde am Samstag die traditionelle Erinnerungsfeier im Dokumentationszentrum Hinzert eingeläutet, und es rührte an jene wesentlichen Werte unseres demokratischen Europa, die wir in den letzten zwei Jahrhunderten aufgebaut haben.

Ein solches Lied rüttelt auf in einer Zeit, in der die Werte unserer Kultur angesichts der Anforderungen der Aktualität ins Hintertreffen geraten. Hier und jetzt, wo die Misere der Krisenregionen des Nahen Ostens und der armen Länder Afrikas uns direkt einholt, und wo auch in Europa viele Menschen durch ein verheerendes Armutsgefälle völlig rechtlos geworden sind, kann man die Frage aufwerfen, wer sich überhaupt noch das freie Denken leisten kann, wo diese Werte noch gepflegt werden, oder ob sie heute wirklich noch in unsere Alltagskultur einfließen.

Setzt man das Lied in den Rahmen einer Erinnerungsfeier an das deutsche Konzentrationslager Hinzert, so muss leider gesagt werden, dass auch in unserer heutigen Welt Konzentrationslager keineswegs verschwunden sind, und dass also der Einsatz für die wesentlichen Werte der Freiheit immer noch ein Must ist. Die furchtbaren Zeugenaussagen über Konzentrationslager in Nordkorea, die verheerenden Offenbarungen über Menschenrechtsverletzungen in der Nachkriegszeit, so zum Beispiel in Rumänien, im Tschad, in Chile, um nur einige wenige zu nennen, zeigen, dass der Kampf um die Freiheit der Menschen und der Gedanken uns unbedingt noch beschäftigen sollte.

Sogar in unseren westeuropäischen Demokratien, wo Menschenrechte gesetzlich garantiert sind, kann man sich heute die Fragen stellen: Was bedeutet noch die Freiheit der Gedanken für Menschen, die ein Schattendasein in völlig unterbezahlten Jobs führen? Oder illegal in Europa leben, und demgemäß auf jegliche Arbeitsrechte, oder auch auf das Recht auf Gesundheit, oder Familienzusammenführung, verzichten müssen? Was bedeutet die Freiheit der Gedanken für Alleinerziehende, die auch bei uns in Luxemburg manchmal an der Armutsgrenze leben? Oder für jene, die unter permanentem Arbeitsdruck stehen, damit sie Aufstiegschancen haben oder überhaupt ihre Arbeit behalten können? Was bedeutet die Freiheit der Gedanken in jenen Arbeitsmilieus, wo es mehr Druck auf die Menschen als Rechte gibt?

Gibt es noch Orte der Gedankenfreiheit?

Es gibt, zumindest in demokratischen Ländern, noch vielfach eine freie Presse, oder zumindest eine Pressevielfalt, die die Freiheit der Gedanken fördert. Es gibt auch Freiräume für Gedanken in der Literatur, der Kunst und der Musik, und verschiedentlich auch in der Schule, wo versucht wird, jungen Menschen kritisches und emanzipatorisches Denken beizubringen. Ob sie dieses Denken auch später in ihrem Alltag durchsetzen können, ist eine andere Frage. Prinzipiell ist jedoch davon auszugehen, dass jede Thematisierung der Gedankenfreiheit, auch wenn er das Leben vieler Menschen nur kurz gestreift hat, den einzelnen Menschen weiterbringt und ihn zum Nachdenken anregt.