LUXEMBURGMARC GLESENER

Auf Spurensuche beim SREL - Widersprüchliche Aussagen als Ablenkungsmanöver?

Als die Ermittler der Polizei sich 2003 wieder intensiv mit dem Fall „Bommeleeër“ beschäftigten, staunten sie nicht schlecht. Im offiziellen Dossier der ersten Untersuchungen war nämlich quasi nichts über die Rolle des Geheimdienstes zu finden. „Ein paar Elemente, nicht viel Brauchbares“, so Guy Marx gestern im Zeugenstand.

Der Polizeikommissar bezog gestern zum Auftakt der fünften Prozesswoche Stellung zum Thema „SREL“. Wie der Ermittler berichtete, wurde am Morgen des 9. Dezember 2003 eine Hausdurchsuchung beim Geheimdienst durchgeführt. „Begrüßt wurden wir vom damaligen Direktor Marco Mille. Er sicherte uns von Anfang an volle Unterstützung zu“, so Marx verbunden mit dem Hinweis, Mille habe den Kriminalpolizisten sofort einen Umschlag mit Dokumenten aus dem Büro seines Vorgängers Charles Hoffmann übergeben.

Es handelte sich um Auszüge der FBI-Expertisen, über die allerdings bis dato keine offiziellen Spuren im Dossier aufgetaucht waren.

Karteikarten, Mikrofilme, aber wenig Brauchbares

Bei der Durchsuchung des SREL-Archivs, bestehend aus Karteikarten und Mikrofilmen, wurde eine Mappe über die Attentate in Luxemburg zwischen 1984-1986 sichergestellt. Inhaltlich war dies allerdings kein großer Erfolg: Das Dossier, eingeteilt in 13 Unterkapitel, bestand hauptsächlich aus Zeitungsartikeln sowie ein paar Telexmeldungen an ausländische Nachrichtendienste.

Außer diesem Dossier stießen die Ermittler auf Kisten und Mappen mit Fotos von Sprengstoffteilen. Aufbewahrt hatten die SREL-Leute ebenfalls das Phantombild eines potenziellen Kasematten-Attentäters und Teile der FBI-Gutachten bzw. der Schriftverkehr zwischen dem ehemaligen Ermittler Schockweiler und dem FBI. „Und die Geiben-Beschattung vom 19. Oktober 1985“, fragte Verteidiger Me Gaston Vogel. „Nichts gefunden“, so Marx. Die Observierungsberichte Geiben wurden erst zusammen mit anderen Berichten am 30. April 2004 vom SREL-Chef Mille an die Untersuchungsrichterin Doris Woltz übergeben. Als Erklärung für diese Verzögerung habe Mille auf die Art und Weise der Klassifizierung beim Geheimdienst verwiesen, so Marx vor Gericht.

Um sich weitere Klarheit zu verschaffen, wurden verschiedene SREL-Mitarbeiter von den Ermittlern gehört. Und hier fällt eins auf: Widersprüchliche Aussagen auf der ganzen Linie. Das gilt zum Beispiel für die gescheiterte Geldübergabe vom 12. Juni 1985 auf dem Theaterplatz. Fakt ist, die Geheimdienstler beteiligten sich an verschiedenen Beobachtungsmissionen, so zum Beispiel zwischen Dezember 1985 und Februar 1986 nahe Findel . Dort, im „gebrannte Bësch“, wurde ein Sprengstoffversteck vermutet.

Wer von der geheimen Truppe von wem mit Aufgaben im Dossier „Bommeleeër“ beauftragt wurde, ist nicht einfach nachzuvollziehen. Die Aussagen der Zeugen, die von den Ermittlern gehört wurden, ebenso die verschiedenen Indizien sind nicht unbedingt schlüssig. So ist zum Beispiel auch unklar, ob und wenn ja, wie spezielle Abhörsysteme vom SREL bei der Gendarmerie eingerichtet wurden. Auch ist nicht genau gewusst, wie in den Attentatsjahren der Informationsfluss zwischen Geheimdienst und Sicherheitskräften lief.

Kein Synthesebericht, Geiben nicht abgehört

Verteidiger Vogel wollte vom Ermittler wissen, ob sie bei den Ermittlungen beim SREL einen Synthesebericht fanden, den Premierminister Jacques Santer eigenen Aussagen nach beim Spitzeldienst angefragt hatte. Keine Spur, meinte Marx. Auch von einer Abhöraktion auf Ben Geiben sei nicht gefunden worden. Ein Skandal, so Vogel. „Jeder wird abgehört, nur der Hauptverdächtige in diesem Fall nicht“, empörte sich der Anwalt. Fazit: Die Rolle des SREL bleibt unklar. Es dürfte demnach spannend werden, wenn die ehemaligen Geheimdienstler in den kommenden Tagen (wohl eher Wochen) in den Zeugenstand treten werden. „Ich schrecke vor nichts zurück. Die Wahrheit muss ans Licht kommen“, so Me Vogel. Und noch eine vogel’sche Erkenntnis am Rande: „Mir ginn ni am Juni färdeg“.

Heute Nachmittag wird ein wichtiger (neuer) Zeuge gehört. Andreas Johannes Kramer (Jahrgang 1965), ein deutscher Historiker aus Duisburg, belastet vor allem den ehemaligen SREL-Chef Charles Hoffmann schwer. Kramers Vater, Johannes, war beim deutschen Bundesnachrichtendienst als Spion tätig. Kramer junior beruft sich auf Informationen, die er von seinem Vater erhalten haben will. Demnach gingen die Sprengstoffanschläge in Luxemburg auf das Konto von „Stay Behind“. Kramer ist übrigens zu einem DNA-Abgleich bereit. Der Grund: Sein Vater soll Autor der Bekennerschreiben im Fall „Bommeleeër“ sein.