LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Unsere millionenfache Schutzhülle

 

Wie konnte er das nur tun? Ich war fassungslos. Verstand er nicht, was er mir damit zumutete, was er da von mir verlangte? Und wenn ich nicht gehorchte, sollte ich auch noch einen Kuchen mitbringen, einen selbstgebackenen Kuchen! Nein, das war mir alles zu viel. Ich blickte mich um. Alle waren geschockt. „In anderen Ländern ist das ganz normal“, erklärte er achselzuckend. Kann ja sein. Aber hier ganz bestimmt nicht!Wir hatten es geahnt: Schon bald wurde die erste Person zum Backen verdonnert.

Alltägliches Versteckspiel

Der Kuchen kam nie an, im Seminar, in dem uns das weggenommen worden war, an dem wir als Studenten am meisten hingen: das Siezen.

So etwas Praktisches und Kreatives wie Backen hatte die dennoch siezende und dafür hart bestrafte Studentin sich zu tun geweigert. Und ich kann sie ja so gut verstehen! Wir wollen lesen, im Seminar, theoretische, unzugängliche, im Alltag nicht umsetzbare, zum Ersticken trockene Texte. Warum? Weil dicke Wälzer unsere Mützen verdecken, die unsere Haare verdecken, die unser Make-Up verdecken, das wiederum unser Gesicht verdeckt. Weil sie uns glauben lassen, dass das alles mit uns gar nichts zu tun hat. Wie eine Zwiebel lullen wir uns ein in unsere millionenfache Schutzhülle, die Anonymität, die menschliche Distanz. Und jetzt wurden wir gepellt. Die äußere Schicht, das Siezen, einfach abgezogen.

Wir fühlten uns nackt. Hilflos. Und dann sollten wir uns auch noch vorstellen! Es war ein Albtraum! Ich wollte nichts von mir preisgeben, überhaupt nichts. Könnte ich einen Roboter mit Computerstimme an meiner Stelle in die Uni schicken, ich würde es tun. Nicht, weil ich keine Lust habe, dort zu erscheinen, sondern weil ich nicht gesehen und gehört werden will. Es scheint vielleicht so, als würde ich mit jedem Mal, wenn mich jemand mit „Sie“ anredet, wachsen, als wäre die höfliche Anrede eine Luftpumpe für mein Ego. Doch in Wahrheit schrumpfe ich, immer weiter, in der Hoffnung, irgendwann ganz zu verschwinden. Ein Zwiebelkern, erdrückt durch die eigenen undurchlässigen Hautschichten. Ein Luftballon, der schrumpelig in sich zusammensackt. 

Zu „Ihnen“ aufblicken

Es ist aber nicht nur so, dass ich andere nicht so nah an mich heranlassen will. Manche Menschen möchte ich siezen, weil ich sie bewundere. Ich sehe sie als Vorbild, als perfekten, makellosen Maßstab und um dieses Bild von ihnen aufrecht erhalten zu können, muss ich eine gewisse Distanz wahren. Bieten sie mir das „Du“ an, zerplatzt die fiktive Hierarchie. Dann muss ich mir eingestehen, dass sie auch nur Menschen sind, wie ich, dass sie mir vielleicht an Wissen, an Lebenserfahrung, an Tugend voraus sind, dass uns aber am Ende nur Grade voneinander trennen. Das „Du“ nähert uns an und ich weiß nicht, ob das gesund ist, für meine bröckelnde Vorstellung des perfekten, über allem – besonders über mir – stehenden Menschen.

Natürlich habe ich irgendwann eingesehen, dass jemand nicht dadurch ein anderer wird, weil ich ihn duze, er bleibt im Inneren derselbe und deshalb kann ich aus den gleichen Gründen zu ihm aufschauen wie vorher. Nur für mich persönlich, aus meinem Blickwinkel betrachtet, ist er ein anderer.

Im Nachhinein aber war ich immer froh darüber, dass sich dieser Wandel vollzogen hat. Meistens lohnt es sich, das Risiko einzugehen, mit dem „Du“ eine Brücke zu bauen. Doch die Angst muss immer erst überwunden werden, die Angst, dass sie bei unserem Versuch, sie zu überqueren, zusammenstürzt.

Gefühl der Befreiung

Im Falle des Seminars hat sie gehalten. Wir haben den anfänglichen Schock überwunden und letztlich kann ich nur noch staunen, über all die Dinge, die das „Du“ zum Positiven verändert hat. Mit dem „Sie“ sind viele, quasi unerfüllbare Erwartungen aus dem Weg geschafft worden, Erwartungen nicht nur des Siezenden an den Gesiezten, sondern auch des Gesiezten an sich selbst. Weiterhin verschwunden sind all die eigentümlichen, um nicht zu sagen künstlichen Ausdrucks- und Verhaltensweisen, die mit dem Siezen einhergehen. Natürlich öffnet die Sprengung des strengen Verhaltenskodexes, der mit dem Siezen einhergeht, auch die Tür für persönliche Anfeindungen oder Schimpfwörter, die in Kombination mit „Sie“ gar nicht denkbar wären und so nicht geäußert werden würden. Wir liefern uns der Person, der wir erlauben, uns zu duzen, ein Stück weit aus. Wir laufen Gefahr, dass das Vertrauen, das wir ihr entgegenbringen, missbraucht wird. Das sollte stets im Hinterkopf behalten werden, bevor das „Du“ angeboten wird.

Auf der anderen Seite muss ich vor dem, den ich duze, nicht sein, der ich bin, wie anfangs befürchtet, ich kann und darf es. Und das hat, um zu dem Beispiel zurückzukommen, die ganze Arbeitsweise im Seminar verändert. Wir können uns vielmehr auf das Wesentliche konzentrieren, weil wir nicht die ganze Zeit die Maske der Professionalität zurechtrücken müssen, und es wird Raum für individuelle Ideen und Gedanken geschaffen, für kreative und praktische Ansätze. Denn kreative Praxis beginnt dort, wo die objektiven Fakten aufhören und das Subjektive, das Persönliche, das „Du“ und „Ich“ beginnen.

Mit diesem neuen Blick schaffe ich es sogar, Dich zu duzen, lieber Leser, mit der Gewissheit, dass Du dich von mir dadurch nicht minder respektiert und geschätzt fühlst. Denn schon lange pelle ich mich, alle zwei Wochen, freiwillig vor Dir.