LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wie der Präsident der „American Chamber of Commerce Luxembourg“ seinen Verein, den Staat und die Gesellschaft hinters Licht führt

Der Chairman & CEO der „American Chamber of Commerce“ (Amcham) Luxembourg, Paul-Michael Schonenberg ist 73 und ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Der geborene New Yorker steht seit 19 Jahren an der Spitze der Amcham, in der zahlreiche bedeutende Unternehmen und Kanzleien Mitglied sind. Darüber hinaus engagiert er sich gesellschaftlich, wurde 2012 eine Zeit lang Präsident des „Conseil national des étrangers“, einem Verein, der sich für die Integration von Ausländern einsetzt. Der ehemalige Militärpilot und Personalreferent von Clearstream gilt laut „Paperjam“ als „Paradebeispiel der Integration“. In dieser Rolle hatte er Zugang zu zahlreichen Entscheidungsträgern in Politik, Gesellschaft, Unternehmen und Kirche.

Doch nach Unterlagen, die dem „Journal“ vorliegen, hat Schonenberg seine Stellung ausgenutzt, um sich selbst zu bereichern, den Verein mit seinen Mitgliedern, den Steuerzahler und den Staat, aber auch wohlwollende Spender zu täuschen. Er ist dabei systematisch vorgegangen und hat unliebsame Kritiker aus dem Weg geräumt. Schonenberg nutzte den guten Ruf der Amcham aus, um sich über einen selbst gegründeten Verein unter dem Deckmäntelchen ehrbaren Handelns zu bereichern. Dabei ging er so geschickt vor, dass für Außenstehende der Schwindel nicht offensichtlich war.

Das Spiel mit den Vereinen        

Der Amcham-CEO hatte am 27.01.2012 gemeinsam mit Hakan Sekulu als Vizepräsidenten und dem IT-Berater Claude Hubert als zweitem Vizepräsidenten „Xpat Luxembourg“ gegründet. Sekulu war ebenso wie Schonenberg früher einmal bei Clearstream tätig. Der Verein mit Sitz an Schonenbergs Privatadresse in Hesperingen sollte die Eingliederung von Expatriates erleichtern. Eineinhalb Jahre später, am 05.06.2013, wurde der Verein umbenannt in „International Communities of Luxembourg asbl“(ICL) , die Gründer sind die gleichen wie zuvor.

Aber offenbar verändert sich ihre Ausrichtung gemäß den gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen das Land steht. Die drei stellen einen Antrag und am 28.06.2016 erlaubt das Bildungsministerium ICL, berufsbildende Kurse durchzuführen. Am 14.09.2016 wird der Sitz des Vereins verlegt zur 9, Route de Thionville nahe dem Bahnhof. Das Ziel des Vereins ist jetzt breiter formuliert, es geht um Einstiegshilfen für Ausländer, die nach Luxemburg kommen, Sprachkurse, Integration sowie Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Das passt gut in Zeiten der Flüchtlingsbewegung und angesichts eines wachsenden Ausländeranteils einerseits und eines drohenden Populismus andererseits.

Doch geht es dem Präsidenten darum? Zumindest hat Schonenberg ab jetzt ein Vehikel, mit dem er arbeiten kann. Und genau das tut er. Zunächst erhält die Amcham am 27.10.2016 eine Spende der Docler Holding in Form von IT-Ausrüstung und Möbeln. In einem „Donation Agreement“ wird festgehalten, dass diese Möbel für die Amcham sind. Aber dort landen sie nicht. Die 20 PC-Bildschirme, 22 Tische und Stühle stehen heute in den Räumen der ICL - deren CEO Schonenberg ist. Das ist auch die einzige Verbindung zur Amcham.

Seinen Mitgliedern machte Schonenberg hingegen eine ganz andere Geschichte schmackhaft. Im Amcham-Magazin „Connexion“ schrieb er in der Ausgabe des ersten Quartals 2017: „We created a socially focused charity called: The International Community of Luxembourg“ (Intcomlux)“. Da fängt schon das Spiel mit den Begriffen an. Wer ist „wir“? Schonenberg denkt offenbar an ein System, denn an anderer Stelle bezeichnet er sich als Chairman und CEO des „International Community Center“ (ICC), einer Filiale des „international Community of Luxembourg ASBL“. Die in Wahrheit im Handelsregister aber im Plural steht. Auf solche Feinheiten kommt es dem Mann offenbar nicht an.

Schonenberg erklärt seinen Mitgliedern im gleichen Artikel, man habe Unterstützung vom „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ erhalten, um ein Multisprachenprogramm als Webseite und App zu schaffen. Er gab sogar eine Webseite an: www.iclux.org. Doch die existiert bis heute nicht. Er schreibt über Kurse und über ein „House of ASBL“, das das „International Community Center“ dort schaffen wolle, wohl mit Blick auf das „House of Startups“ und das „House of Entrepreneurs“. Mit solchen Ideen hängt er sich an die Erfolge anderer und reitet bauernschlau auf der Zeitgeistwelle. Immer benutzt er „wir“, sagt aber nie, wer hinter dem Projekt steckt - und welche Interessen es dort gibt. Stattdessen lobt er Unternehmen wie MNKS, Cargolux oder Anglo American, die großzügig Möbel gespendet hätten. Von außen sieht alles aus wie eine Hilfsaktion und so, als habe die Amcham ein Interesse am ICC. Schonenberg schreibt sogar: „I personally have made a long term donation.“ Dabei hat er zu diesem Zeitpunkt schon gut abkassiert.

Umleitung staatlicher Subventionen

Im März 2018 schlägt Schonenberg dem Amcham-Schatzmeister James O’Neal vor, dass die Amcham 1.500 Euro monatlich an die „ICC“ - hier ist das „International Community Center“ gemeint - zahlen soll als „charitable contribution“. Mit anderen Worten: Der CEO der Amcham will, dass sein Schatzmeister einen hohen Betrag an einen Verein spendet, dessen Präsident er ist - wohl wissend, dass die Amcham Geldsorgen hat. Das will O’Neal nicht. Er fragt zurück, warum die Amcham 12x1.500 Euro zahlen solle, also 18.000 Euro im Jahr an einen Verein, der nicht mal als gemeinnützig anerkannt ist. Er bemerkt: Das käme zu den 50.000 Euro hinzu, die 2017 geflossen sind. Und da zeigt sich schon, wie Schonenberg vorgeht. Tatsächlich war am 20.09.2016 die stolze Summe von 50.000 Euro von der Amcham an die ICL asbl geflossen mit dem Vermerk „invoice Amcham 2016-1 charitable donation“. Das Geld war Teil einer staatlichen Subvention in Höhe von 81.210 Euro, die im Dezember im Budget der Amcham auftauchen: Als Einnahme und Ausgabe. Tatsächlich hat die Amcham laut dem „Office luxembourgeois de l’accueil et de l’intégration“ (OLAI) für das Jahr 2015/2016 insgesamt 85.701 Euro, für 2016/2017 nochmals diese Summe und für 2017/2018 sogar 109.431,48 Euro erhalten - zur Unterstützung von Menschen aus Drittländern und für die Integration. Konkret gedacht war der Betrag für sechsstündige Einführungskurse für Ankömmlinge sowie Interviews und Fotos über Neuankömmlinge im Amcham-Magazin „Connexion“ sowie bei zwei Events im Jahr versprochen. Hier ist dem Strippenzieher die Vermischung der Vereine gelungen. Gleichzeitig nutzt er den guten Ruf der Amcham, den die ICL nicht hat. Schonenbergs System geht auf und keiner kontrolliert.

Ein schönes Buch

Tatsächlich gibt es ein Buch mit Porträts. Erst diese Woche stellte Schonenberg in der Handelskammer das Buch „Expat Profile Snapshots“ vor, das 17 Porträts gut integrierter Expatriates enthält. Darunter auch Paul Schonenberg selbst, Vereinsmitgründer Hakan Sekulu sowie die Amcham-Mitarbeiterin Arlene Everingham-van Oekel, aber auch bekannte Gesichter wie Alfi-Präsidentin Denise Voss. Es ist kein Werk über Neuankömmlinge. Gesponsert wurde das Buch laut Angaben der Amcham von dem „Asylum, Migration and Integration Fund“ (AMIF) und dem „Office luxembourgeois de l’accueil et de l’intégration“ (OLAI). In dem Buch verweist die Amcham auch darauf, dass ihr Werk „Doing Business in Luxembourg“ in verschiedenen Sprachen erscheint - für dieses Jahr sind Chinesisch und Russisch geplant - sowie auf die Sprachkurs-App und sechsstündige Orientierungskurse auf Englisch, Portugiesisch und Russisch. Deren Teilnehmer erhielten ebenfalls ein Exemplar von „Doing Business in Luxembourg“. Auch hier läuft das alles unter dem Mantel der Amcham und man fragt sich, mit welchem Geld die Amcham-Bücher, die es seit Jahren gibt, übersetzt werden. Hinweise zu den Orientierungskursen sucht man auf der Amcham-Webseite vergeblich. Die gibt es auf der Facebook-Seite https://www.facebook.com/newinluxembourg. Bislang sollen 200 Menschen daran teilgenommen haben. Der letzte genannte Termin ist der 22.09.2018. Zuvor dort genannte Termine: 07.07.2018, 14.04.2018, 03.02.2018, 09.12.2017, 06.11.2017 gegen 100 Euro Gebühr, 05.09.2017, 12.08.2017. Das bedeutet, dass pro Jahr vier Kurse à sechs Stunden stattfanden. Braucht man dafür ein eigenes Zentrum? Was passiert dort sonst? Dazu gibt es keine Informationen. Für rund vier Kurse im Jahr, ein Buch über gut etablierte Expats sowie Veröffentlichungen in der Hauszeitschrift hat die Amcham eine Menge Geld kassiert.

Abzocke bei der Miete

Doch dabei blieb es nicht. Schonenberg setzte sich gegen den Schatzmeister durch, der die 1.500 nicht spenden wollte. Es gab keine Spende, sondern Miete. Unter Schonenberg entschied die Handelskammer, dass die Archive der Amcham in das Gebäude der ICL gebracht werden würden und die Amcham dafür Miete zahlen müsse. Und zwar 1.500 Euro monatlich. Zum Vergleich: Bei professionellen Anbietern in Luxemburg kann man für rund 250 bis 260 Euro monatlich etwa 30 m³ mieten. Das entspricht dem Platz für rund 4.000 DIN-A-4-Ordner. Die Amcham aber zahlt für einen Bruchteil des Platzes ein Vielfaches des Betrages. Der Verein dient Schonenberg auch als Drehscheibe für Steuern. Mit einer Holding, die Amcham-Mitglied ist, vereinbarte er, dass diese monatlich 1.000 Euro auf das Konto der ICL bei der „Banque et Caisse d’Epargne de l’Etat“ „spenden“ werde - inoffiziell im Gegenzug für Beratungsleistungen seinerseits. So sieht der Staat kein Geld, wenn beide keine Steuern zahlen. Als „Independent Director“ ist Schonenberg steuerpflichtig. Der Verein, der Spenden empfängt, jedoch nicht.

Keine Anerkennung als gemeinnützig

Der Mann blieb nicht bei solchen Geschäften. Er versuchte es auch bei der Stadt. Im November schrieb er der dort tätigen Madeleine Kayser einen Bettelbrief. Als „Sponsoren und Initiatoren“ des „International Community Center“ gab er die Amcham und ICL an, also die Mutterorganisation. Er tat so, als bestünde eine Partnerschaft mit der Amcham. Noch heftiger: Schonenberg gab vor, 80.000 Euro an Hilfsmitteln aufgetrieben und investiert zu haben. Dass das Geld von der öffentlichen Hand kam, sagte er nicht. Dafür sprach er erneut von einem „House of ASBL“, das er dort gründen wolle und meinte, das Fortbildungsangebot sei anders als das von ASTI und CLAE, weil englischsprachig. Am Ende verlangte Schonenberg „dringend“ 7.000 Euro monatlich als Mietsubventionen von der Stadt, dazu eine Einmalzahlung von 36.000 Euro für Gehälter, weil er vier Langzeitarbeitslose einstellen wolle. So soll der Steuerzahler ihm seinen Verein finanzieren - zur Freude des CEO.

Übrigens ist die ICL bis heute nicht gemeinnützig. Das hat Schonenberg nicht durchbekommen, weil er bislang keine Liste der Mitglieder vorgelegt hat und auch die Kopien der jährlichen Konten von 2012 bis 2016 schuldig geblieben ist. Vermutlich nahm er zu Recht an, dass der Antrag keine Chance gehabt hätte.

Die gepriesene App

Das hindert den musterhaft Integrierten nicht, sein Projekt der Abzocke weiter zu verfolgen. In der Ausgabe des Amcham-Magazins „Connexion“ des zweiten Quartals 2018 spricht er von INTCOMLUX, also eine neue Abkürzung für Bekanntes, und „Mylanguage“ sowie die Unterstützung durch das Oeuvre. Was war passiert? Schonenberg hat mit Bekannten gearbeitet. Die Sprachschule „mylanguages.lu“ gibt es wirklich. Sie hat auch eine Webseite und eine App programmiert namens „Languages of Luxembourg“, mit der Schonenberg überall hausieren geht.

Doch wer einen Blick auf die App wirft, von der es zwei Versionen gibt, ahnt schnell, warum sie so ein Rohrkrepierer ist. Die App ist bislang so wenig heruntergeladen worden, dass sie nur eine einzige Bewertung und keinen Stern hat. Die Bewertung von März 2018 hält fest, dass die App nicht mit einem I-Phone 8 kompatibel ist. Wir haben beide Versionen - lange - heruntergeladen und getestet. In der ersten gibt es feststehende Redewendungen in fünf Sprachen, bei der zweiten Version kommen zwei Sprachen hinzu. Diese sind in drei Niveaus unterteilt. Man kann sich die Aussprache der Redewendungen anhören. Die Aufnahmen sind teilweise von Bürogeräuschen überlagert. Vor allem aber verfehlt die App ihr Ziel. Wer Sprachen lernen will, dem nützt es nichts, wenn er nur Worte in einer Sprache ohne Übersetzung hört. Wer die haben will, müsste gleichzeitig auf einen Bildschirm blicken. Es gibt keine Übersetzungsfunktion, keine Grammatik, keine Erklärung. Und mit feststehenden Redewendungen lernt keiner eine Sprache.

Ob die App die 50.000 Euro wert war, die Schonenberg dafür angeblich an die Sprachschule bezahlt hat? Wohl kaum. Darüber hinaus fühlte sich das Amcham-Mitglied Berlitz übergangen und wunderte sich über die Zuteilung. Aber: Die Leiterin der Sprachschule gilt als gute Bekannte von Schonenberg.

Leere Versprechungen und Geschäftsräume

Der Amcham-Präsident ging noch einen Schritt weiter und schrieb eine Reihe von bekannten Personen, Politikern und Mitgliedern des Luxemburger Gemeinderats an, um mehr Mittel aufzutreiben. An Guy de Muyser, den luxemburgischen Ex-Botschafter, schrieb er im Februar 2017, um ihm vorzuschlagen, eine leitende Stellung im Senior Advisory Board zu übernehmen. Unterzeichnet ist der Brief mit „Paul Michael Schonenberg, Chairman und CEO INTCOMLUX Luxemburg“. Auch die CSV-Politiker Laurent Mosar, Isabel Wiseler-Lima sowie Serge Wilmes, den LSAP-Politiker Marc Angel, den DP-Politiker Patrick Goldschmidt, den ADR-Politiker Roy Reding sowie hohe Beamten und die Leiterin der Repräsentanz der EU-Kommission schrieb Schonenberg an. Keinem schenkte er klaren Wein über die Strukturen ein. Und: Bis heute fällt auf, dass er zwar von Sprachkursen spricht. Doch wo sind die Nachweise für die Teilnehmer? Besuche vor Ort unserer Zeitung ergaben, dass die ICC-Geschäftsstelle trotz anders lautender Angaben samstags geschlossen ist. Ob dort überhaupt noch etwas anderes als vier Mal Halbtagskurse pro Jahr stattfinden, ist nicht herauszufinden.

Am Ende bleibt die Frage, welche Finanzströme zwischen Amcham und ICL hin- und hergehen, zu welchem Zweck und in wie weit die Mitglieder darüber informiert sind. Auch wäre es interessant zu wissen, was eigentlich im ICC stattfindet und warum nirgends ein Programm zu finden ist. Für vier Halbtagskurse im Jahr braucht man sicher keine Büros. Als glaubwürdige Adresse zum Vortäuschen von Tätigkeit wäre sie hingegen nützlich.

Sicher ist, dass Schonenberg gut erkannt hat, vor welchen politischen Herausforderungen das Land steht. Er hat die Willkommenskultur, von der er selbst so profitiert hat, gut begriffen und weiß, dass viele Menschen großzügig und hilfsbereit sind. Das hat er ausgenutzt, um sich zu bereichern. Dabei hat ihm die Amcham mit ihrem Ruf Glaubwürdigkeit und einen Vertrauensvorschuss auch von angesehenen Personen ermöglicht, den er ausgenutzt hat, um eine Struktur zu schaffen, die scheinbar Lösungen anbietet. Luxemburg ist bekannt für seine Offenheit und großzügige Unterstützung von Integrationsprojekten. Durch Täuschung und Missbrauch erleidet diese Kultur empfindlichen Schaden. Das ist das wahre Problem.