COLETTE MART

Dieser Tage rührt die Aktualität an unsere Geschichte, zelebriert Europa doch 75 Jahre deutsche Kapitulation und Kriegsende, sowie ebenfalls 70 Jahre Schuman-Erklärung. Diese Ereignisse, die die Entwicklung Europas entscheidend beeinflussten, fallen in eine Zeit, in der die Grenzen sich wegen eines Virus wieder schlossen, und in der ähnliche Reflexe bereits vorher wegen des Flüchtlingsstroms in verschiedenen Ländern aktiviert wurden.

Dies zeigt uns, dass die Weiterentwicklung des Kontinents im Sinne des Humanismus, der Kommunikation und des Wohlstands für alle nicht auf sicheren Beinen steht, dass in Zeiten der Unsicherheit alte Ängste und Reflexe aufkommen, dass es keine gemeinsamen Entscheidungen mehr gibt, und dass wir uns dann im nachhinein die richtigen kritischen Fragen über uns selber stellen müssen.

Viele alte Menschen, die zurzeit in den Altenheimen vereinsamen, denken durch die Ausgangssperre an den Krieg zurück; manche glauben, der Krieg sei zurückgekommen, sie seien bedroht, und sie können dieses Gefühl lediglich über Telefon mitteilen.

Während viele deutsche Grenzgänger bei uns arbeiten, und viele Luxemburger sich durchaus gerne in der Trierer Innenstadt tummeln, staut es an unseren Grenzen, und wir müssen rechtfertigen, wieso wir nach Trier fahren wollen. Allerdings offenbart ein Blick in die Nachrichten auch noch im Bezug auf andere Themen, wie aktuell die Vergangenheit geblieben ist, und wie sie immer noch in unsere derzeitigen Probleme hineinspielt. So wird zum Beispiel dieser Tage an nationalistische Demonstrationen in Algerien 1945 erinnert, die brutal niedergeschlagen wurden, und in der Tat die Entkolonialisierung, und in diesem Falle auch den späteren Algerienkrieg einläuteten. Dass Europa die Spätfolgen der Entkolonialisierung noch immer abarbeitet, zeigen die aktuellen Flüchtlingsdramen; in der Tat haben wir den Aufbau Europas besser verwaltet als unsere Beziehungen zu jenen Ländern Asiens und Afrikas, in denen Westeuropäer einst die Herren spielten und blutige Spuren hinterliessen. Die Integration ausgewanderter Maghrebiner ist noch immer ein sensibles Thema in Frankreich, wo der soziale Ausschluss besonders Migrantenmilieus betrifft.

Ebenfalls in Bereich der internationalen Aktualität sollten wir bei der Überreichung des posthumen Pulitzerpreises an die afroamerikanische Journalistin Ida B. Wells anhalten. Bells wurde 1862 noch in die Sklaverei in Mississippi hineingeboren, wurde Lehrerin, rebellierte gegen die Rassentrennung und machte diese zu ihrem lebenslangen journalistischen Engagement.

Als drei ihrer Freunde 1892 gelyncht wurden, nur weil sie ihr Lebensmittelgeschäft verteidigt hatten, bemühte sich Bells ihr ganzes Leben lang, gegen die Lynchjustiz anzukämpfen. Hier und jetzt, wo zwei Amerikaner wegen der Lynchung eines schwarzen Joggers in der internationalen Öffentlichkeit stehen, und wo mittlerweile erwiesen ist, dass schwarze Amerikaner viel häufiger als Weisse durch den Corona-Virus sterben, sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir unsere aktuellen Probleme aufgrund der Lektionen aus der Geschichte besser lösen könnten.