COLETTE MART

Bereits seit mehreren Jahren muss man sich als Europäer damit auseinandersetzen, dass die Geschichte, und zwar vor allem jene zwischen Europa und seinen ehemaligen Kolonien im Mittleren Osten und Afrika, zurückschlägt. Das Nord-Süd-Gefälle, die immer noch anhaltende Ausbeutung der Bodenschätze Afrikas durch internationale Konzerne, die Schwierigkeiten der afrikanischen Länder, ihre Volkswirtschaften innerhalb der derzeitigen Weltwirtschaftsordnung in ihrem eigenen Interesse in den Griff zu bekommen, haben über Jahrzehnte Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten noch weiter gefestigt. Sie haben dazu geführt, dass die afrikanischen Bevölkerungen mehrheitlich arm bleiben und es für alle schwierig ist, aus der Unterentwicklung und einer fatalen Abhängigkeit der Industrienationen herauszukommen. Während den meisten Europäern mit der Zeit die Zusammenhänge zwischen den Kriegen im Nahen Osten, der Armut und Afrika, und der eigenen kolonialen Schuld in diesen dramatischen Entwicklungen bewusst wurde, kam es hier und jetzt, unerwartet, zu einem neuen Moment einer eventuellen Wiedergutmachung.

In der Tat begann jetzt vor einem New Yorker Gericht der Prozess um eine Sammelklage von Herero und Nama, zwei Volksgruppen aus dem ehemaligen deutschen Südwestafrika und dem heutigen Namibia, die massive Entschädigungen für den Völkermord an den Herero Anfang des vorigen Jahrhunderts fordern. Die deutschen Kolonialherren stahlen nämlich den Herero und Nama ab Ende des 19. Jahrhunderts ihr Land, beraubten sie ihrer Lebensgrundlage, vergewaltigten ihre Frauen, und nötigten sie zur Zwangsarbeit. Sie schlugen einen Aufstand der Herero und Nama so brutal nieder, dass schätzungsweise 100.000 Menschen umkamen, in die Wüste getrieben wurden und verhungerten. Zwar hat Deutschland 2015 das Massaker an den Herero und Nama offiziell als Völkermord anerkannt, aber zu Entschädigungszahlungen ist es nie gekommen, auch nicht seitens anderer Kolonialherren, die an anderen Völkern Afrikas ähnliche Verbrechen verübten.

Die Regierung Namibias will außerdem eine Klage am internationalen Gerichtshof in Den Haag einreichen und verlangt etwa 30 Milliarden US-Dollar Schadenersatz für den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus fordern die Herero derzeit Schädel zurück, die nach Deutschland zwecks medizinischer Forschungen gebracht wurden. Genau diese Praktiken, nämlich das Experimentieren an Körperteilen von Menschen, die als minderwertig betrachtet wurden, finden sich später bei den Nazis wieder und hinterlassen tragische Spuren in der Geschichte der Menschheit.

Die in New York eingereichte Klage verzeichnet einen ersten Erfolg, da im Juli gerichtliche Anhörungen stattfinden sollen. Der Prozess in New York, sowie die angekündigten Schadenersatzforderungen in Den Haag, könnten eine neue Ära in den Nord-Süd-Beziehungen einleiten. Die Nachkommen eines gemarterten Volkes sind aufgestanden. Sollten jetzt andere Völker Afrikas auf den gleichen Gedanken kommen, muss sich Europa überlegen, wie es sich heute im Nord-Süd-Dialog positionieren kann, und ob nicht hier und jetzt eine Veränderung ansteht, wie Europäer und Afrikaner in Zukunft miteinander umgehen sollen.