CLAUDE KARGER

Das war’s auch schon fast mit den „großen Ferien“: In einer Woche bereits werden über 100.000 Schüler und ihre Eltern, sowie rund 10.000 Lehrkräfte ihren Fokus auf den Start in das neue Schuljahr gerichtet haben, das ja einige Neuerungen bringt, über die wir kommende Woche in einem „Special“ einen Überblick geben werden.

Während Schüler die Rückkehr auf die Schulbank oftmals als nicht so prickelnd empfinden, geht mit ihr doch ein strammeres Tagesprogramm einher, sowie Anstrengung und Verantwortung, sollten sie sich vor Augen führen, dass längst nicht jedes Kind auf der Welt die Chance hat, eine Schule besuchen zu dürfen, geschweige denn, Freizeit und Ferien genießen zu können. In ihrem rezenten Weltbildungsbericht vom Juni spricht die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) sogar von einer „globalen Bildungskrise“ vor dem Hintergrund, dass weltweit über 260 Millionen Kinder zwischen sechs und 17 Jahre nicht zur Schule gehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber neben Kriegen in der Heimat dieser Kinder oder Traditionen, die Schulbesuche verbieten, steht die Armut ganz oben auf der Liste.

Wenn Familien dauernd an der Existenzgrenze leben müssen, muss jede Hand für das gemeinsame Überleben mit anpacken. Einer von sechs Minderjährigen weltweit wird also das Erwachsenenalter erreichen, ohne die Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen erworben zu haben. Die Quote liegt noch höher, wenn man die Kinder dazu zählt, die zwar eingeschult sind, deren Schulen aber nicht die Mittel haben, ihnen die Grundlagen beizubringen. 617 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Welt würden diese so nicht bekommen, heißt es im Weltbildungsbericht, der zudem von 750 Millionen Analphabeten ausgeht - zwei Drittel sind Frauen, etwa die Hälfte der Schreib- und Leseunkundigen weltweit ist im südasiatischen Raum zu finden. Morgen steht der Analphabetismus übrigens im Fokus des „World Literacy Day“, der bereits seit 1967 von der UNESCO zelebriert wird.

In einem halben Jahrhundert hat sich freilich viel getan, die oben genannten Zahlen sind geschrumpft. Aber dass sie noch am Anfang des 21. Jahrhunderts, in der digitalen Ära, in der nie mehr Wissen verfügbar war ist als heute, so hoch sind und ihr Rückgang sich derzeit verlangsamt, wie die UNESCO warnt, ist erschreckend. Ebenso, dass die Menschheit noch weit entfernt ist vom UN-Nachhaltigkeitsziel „Qualitativ hochwertige Bildung für alle“ bis 2030, das auf Platz vier dieser Ziele steht, hinter der Ausrottung von Armut und Hunger sowie der Gewährleistung einer guten Gesundheit und Wohlbefinden für alle Erdenbürger. Freilich hängen diese Ziele alle sehr eng zusammen und müssten gleichzeitig erreicht werden. Doch Papier ist geduldig. Und obwohl jeder weiß, an welchen Schrauben zu drehen ist, geht die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele in der Praxis nur langsam voran. Die UNESCO hat beispielsweise ausgerechnet, dass Bildungssysteme in Entwicklungsländern einen Finanzbedarf von 35 Milliarden Euro haben, um besser und effizienter zu werden. Global gesehen ist diese Investition in die Zukunftschancen von Millionen und gleichzeitig gegen Armut, Obskurantismus und Radikalisierung eigentlich ein Klacks. Aber wo bleibt der Weltgipfel der Mächtigen, der das beschließt?