LUXEMBURG/ SANKT GALLENCORDELIA CHATON

Städte per Twitter leiten? Prof. James Kondo, Vizepräsident von Twitter, kann sich das vorstellen

Alacalde de Jun bei Granada ist eine 3.000-Einwohner-Stadt im Norden Spaniens, in der jeder Polizist, Beamte und Bürger Tweets nutzt. Bürgermeister Jose Antonio Rodriguez ist ein Twitter-Freak mit 342.000 Followern, der es bislang auf 28.900 Tweets gebracht hat. Wenn eine Straßenlaterne kaputt ist, twittert das ein Bürger und der Bürgermeister twittert ihm den Namen des verantwortlichen Stadttechnikers samt Reparaturtermin zurück. Der Techniker schließlich tweetet das Foto der reparierten Lampe an den Bürger, von dem die Beschwerde kam, und an seinen Chef.

„Das ist responsive government“, sagt Prof. James Kondo, der die Geschichte gerade in ausgezeichnetem Englisch erzählt hat. Dann fragt er sich und seine Zuhörer, ob sich dadurch größere Dinge bewegen lassen. „Die Leute denken oft, sie hätten keine Stimme. Social Media gibt ihnen eine Stimme. In der Vergangenheit ging es nur um elektronisches Wählen. Aber wir denken, das ist zu eng. Der spanische Bürgermeister zeigt, wie Städte in Zukunft geleitet werden können.“ Das könnte auch für komplexere Themen wie Umweltschutz in China genutzt werden, glaubt Kondo. Schon jetzt gebe es in 190 chinesischen Städten Umweltdaten.

Der Mann, der da vor rund 20 Studenten, Unternehmerinnen und Managern sitzt, hat schmale Schultern und ist ein höflicher, sehr organisierter Mensch. Prof. James Kondo ist Gast auf dem Symposium Sankt Gallen. Seit 45 Jahren laden die Studenten die großen Köpfe ihrer Zeit an die Schweizer Hochschule ein. Es ist eine Art Mini-Davos und für die Besucher, die immerhin 5.000 Franken für zwei Tage zahlen, eine intellektuelle Dusche mit Tuchfühlungsgarantie.

Mit dem arabischen Frühling gewachsen

Kondo stellt sich vor. „Ich bin für das globale Wachstum von Twitter verantwortlich und Chairman von Twitter Japan“, erklärt der Japaner. „Mit dem arabischen Frühling begann das starke Wachstum von Twitter, als ich vor 4,5 Jahren zum Unternehmen kam.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kondo schon eine Hochglanz-Karriere hingelegt. In seiner Vita stehen nicht nur Namen wie Harvard, Yale und McKinsey, sondern es geht auch um soziale Faktoren. Die sind Kondo ganz wichtig. „Sozialer Impakt ist meine Leidenschaft“, sagt er sachlich.

Gleichzeitig muss er aber mit heftigem Wachstum fertig werden. In den vergangenen Jahren wuchs der Nachrichtendienst von 200 auf 5.000 Mitarbeiter. „Vor eineinhalb Jahren gingen wir an die Börse“, berichtet Kondo. Das verlange zwar marktwirtschaftliches Denken.

„Aber so ist auch unser sozialer Einfluss größer.“ Als Kondo 2013 bei Twitter einstieg, machte das Unternehmen noch keinen Gewinn. Im ersten Quartal 2015 setzte der Mikroblogging-Dienst rund 435 Millionen Dollar um. Kondo erzählt, dass kurz nach seinem Einstieg bei Twitter der Tsunami seine Heimat lahm legte. „Das Telefon war tot, Mails funktionierten nur noch eingeschränkt - und alle versuchten, ihre Freunde und ihre Familie zu erreichen. Aber das Internet lief.“ Kondo richtete Spezialadressen für Rettungsmannschaften ein, um Vermisste zu finden. „Unser Server brach fast zusammen“, erinnert er sich. Normalerweise verzeichnet Twitter 200 Tweets pro Minute in Japan. Mit dem Tsunami verfünffachte sich deren Zahl, „Wir hatten 15.000 Retweets pro Minute aus Japan. Viele Bilder wurden gesendet“, sagt er in seiner beherrschten, höflichen Art. „Wir haben darüber nachgedacht, was wir noch machen können. Es gibt viele Situationen auf der Welt, in der Menschen andere suchen: Überflutungen, Bomben in London oder die Unruhen von Ferguson.“

Unruhe-Detektor für Hilfskräfte

Deshalb hat Kondo mit seinen Kollegen über einen Unruhe-Detektor nachgedacht, denn wenn jemand eine Nachricht sendet, können wir dieser eine Wahrscheinlichkeit zuordnen. Ich denke, dass ändert die Art des Vertrauens, das Leute in Informationen haben.“ Viele Nachrichten - beispielsweise nach einem Anschlag - erscheinen als wachsende Ströme. Kondo zeigt Weltkarten mit roten und grünen sich bewegenden Pfeilen. Sie stellen die Bewegung der Tweets weltweit dar. „Ich denke, das MIT wird den Algorithmus öffentlich machen, damit Hilfskräfte, die Polizei und andere schneller agieren können“, erklärt der Mann, der beim Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Media Lab mitarbeitet. Die Zuhörer sind fast andächtig.

Kondo stellt sich selbst und dem Publikum Fragen. „Sind wir gut für die Demokratie? Ja, das hat der arabische Frühling gezeigt. Und die Bomben in Boston haben gezeigt, wie schnell Informationen weitergegeben werden können. Es gibt weltweit sehr viele Informationen, die wir alle mit uns tragen. Die Welt ist an einem Wendepunkt.“

Wenn einer wie Kondo das sagt, ein Vordenker, Ratgeber, Blitzdenker - dann schweigt der Saal. Also hakt der selber nach. „Jetzt stellen wir uns die Frage, wie wir das nutzen können, beispielsweise für Zuginformationen bei Verspätungen oder Wissenstransfer beim Elternurlaub. Soziale Medien können einen großen Einfluss haben. Aber vieles ist nicht klar oder wird erst von Reichen und dann von Armen genutzt“, stellt Kondo gesellschaftskritisch fest. „Wie bringen wir social media vom Individuum zur Gemeinschaft? Was machen wir in einer Multi Stakeholder-Welt?“ Apple, Facebook und Twitter hätten viele Daten, die zur Beantwortung sozialer Fragen wichtig wären. „Aber wenn es nicht richtig gemacht wird, gibt es ein Problem mit dem Datenschutz.“

Eine Journalistin ist eigens aus Japan mitgereist. Sie darf zuerst ein paar Fragen stellen. Wie es mit den TV-Bildern eines Tsunami wäre, will sie wissen. „Wir denken über das Funding von investigativem Journalismus nach, der viel Zeit braucht“, antwortet Prof. Kondo. Und teilt noch eine seiner Ideen. „Es ist zwar schwierig für ein börsennotiertes Unternehmen. Aber wir denken über Twitter in Indien nach. Unser Dienst ist in den USA für weiße Kids gemacht worden. Aber könnten wir in Indien Analphabeten helfen, Informationen zu teilen? Mit Videos wäre das möglich, wenn es billig genug wäre.“