NORA SCHLEICH

Wir Menschen sehen uns ja schon sehr gerne als zentrale Geschöpfe des Planeten oder gar des Universums. Wir wissen halt alles, können uns in alles einmischen, und sind wirklich immer gerne live und in Farbe bei allem dabei. Oftmals erscheint die Aussage, dass etwas vielleicht doch nicht so wäre, wie man bislang anzunehmen vermochte, als total abstrus und absurd, eine philosophische Hirngespinstelei, für die so manch einer - ja ich - öfters ein Augenrollen erntete. Aber ist es denn wirklich so abwegig zu behaupten, dass der Mensch nun einmal nicht Einsicht in das Weltabsolute und Wahrhafte haben kann? Oder wenigstens nicht von allumfassender Kenntnis profitieren und lediglich (wenn überhaupt) an der Wirklichkeit teilhaben kann?

Es ist zum Haareraufen, wenn öffentlich behauptet wird, dass, wie im Falle der rezentesten Schadstoff-Affäre, nach den Messungsergebnissen klar festzustellen sei, dass keinerlei freigesetzte Schadstoffe ausgetreten wären. Ähnliches hörte man nach dem Zwischenfall, bei dem ein Ölgemisch ein Gewässer verunreinigte, das unglücklicherweise direkt an den Sitz einer größeren Firma grenzte. Auch hier sei keinesfalls mit Schäden für die Umwelt zu rechnen. Die Analysen ergäben sichere Auskunft.

Das Albtraumthema der kränkelnden Atomreaktoren reiht sich nahtlos in besagte Problematik ein. Die Messungen ergeben, dass es bislang noch zu keinerlei Infektion der Außenwelt kam, und dass das Risiko eines Unfalls nach aktueller Bestandsaufnahme so klein einzuschätzen sei, dass die antiken Reaktoren ohne Zweifel noch etliche Jahre am Netz bleiben können... Es gibt mit Sicherheit zahlreiche Beispiele, die ich hier noch anführen könnte.

Doch nun stellt sich die Frage, ob besagte Behauptungen wirklich dementsprechend haltbar sind? Wie soll denn ausgeschlossen werden, dass es eine Menge an ausgetretenen Schadstoffen gibt, die so klein ist, dass sie von keinem Messgerät erfasst werden könnte? Ist es unmöglich sich vorzustellen, dass es Schadstoffe geben könnte, die vom Menschen noch nicht entdeckt und kategorisiert worden sind? Womit rechtfertigen wir die Behauptungen, dass all das, was wir bislang erfunden und entdeckt haben, die gesamte Einheit des absolut Möglichen bereits darstellt? Es ist doch utopisch anzumaßen, dass es tatsächlich nur das gibt, was wir wahrnehmen oder erfassen können. Ja, die Technik wird immer ausgefuchster, und ja, wir erlangen stets neue Erkenntnisse. Aber ist nicht eben genau das Grund genug anzunehmen, dass wir uns lediglich in einem der Erfahrung des Weltganzen annähernden Prozess befinden, in dem wir uns zwar täglich verbessern, dem einhergehend aber auch unsere früheren Untersuchungen als unzureichend und teilweise irrig einstufen müssen? So wie früher nur wenige Sterne zu erfassen waren, da die Technik und Geräte, die wir bis dato erfunden hatten, einfach nicht weiter reichen konnten, kann es sich ebenfalls mit der aktuellen Situation verhalten.

Unsere Messgeräte sind nicht unbedingt performant genug, um mit Sicherheit sagen zu können, dass tatsächlich keine giftige Substanz ausgetreten wäre. Vergessen wir zudem nicht, dass die Messgeräte schließlich von uns erfunden und konstruiert sind, ein Produkt des Menschen sind. Dies bedeutet zum einen, dass Fehlprogrammationen nicht ausgeschlossen sein können - Irren ist menschlich - und zum anderen, dass die Messungen auf einem Modell der Weltanschauung basieren, die der von uns Menschen entspricht. Wir drängen der Umwelt mit diesen Messungen also unsere Interpretation auf, sehen sie durch unsere menschliche Brille und verschließen uns der Annahme, dass es doch möglich sein könnte, dass unserer Auffassung so einiges entgehen könnte. Ruhen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren aus, und beruhigen wir uns nicht mit dem Gedanken an die menschliche Spezies als überlegener Rasse.

Es wäre wohl umsichtiger zu behaupten, dass keine Strahlungen oder Giftstoffe austreten, die von uns gemessen werden können - was nicht besagt, dass nichts vorhanden sein könnte!