NORA SCHLEICH

„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“ - FRIEDIRCH NIETZSCHE

Mit Mosaiksteinchen soll die Mauer besetzt werden, mit Kunstwerken versehen, möglichst ansehnlich gestaltet. Hier eine kleine Malerei, dort vielleicht eine Collage, aparte Steinformationen oder Muster, ja, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Mit einem ästhetischen Design soll der Anblick des Trump’schen Steinwalls erträglich gemacht werden, ja, vielleicht sogar schön, ansprechend und stilvoll? Ein Bauanbieter aus San Diego will die Mauer zu einem Kunstwerk machen.

Nun gibt es zweierlei Perspektiven, aus denen diesem Sachverhalt begegnet werden kann. Zum einen könnte man sagen, gut, es wird wenigstens versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Andererseits ist sich die Frage zu stellen, ob das Verschönern einer Ungeheuerlichkeit dieser nicht sogar in die Hände spielt, nämlich weil eben das Ungeheuerliche verschönert werden soll. In diesem Kontext ist Nietzsches Gedankengang recht illustrativ. Ja, mit den oftmals so aus dem Zusammenhang gerissenen Slogans des Philosophen - „Das Leben ist Wille zur Macht“, „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“ und „Ich lehre euch den Übermenschen“ - könnte man die Augen des Trump bestimmt hell aufleuchten lassen. Des Philosophen ästhetische

Theorie trifft vielleicht nicht ganz so den „Geschmack“ des vermeintlichen Bauherrn. So schrieb Nietzsche über Sinn und Zweck der Kunst: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“. Für Nietzsche ist die Kunst als Mittel dafür zu verstehen, das Grausige des Realen von uns weg zu halten. Das Dasein in seiner nackten Gewalt ist in mancherlei Hinsicht so dermaßen verstörend, dass es uns lähmt, schadet, uns leiden und zerbrechen lässt. Wir, als „Dichter unseres Lebens“, wie Nietzsche es ausdrückt, versuchen demnach, durch den ästhetischen Perspektivenwechsel die verstörende Realität von uns weg zu schieben.

In der Kunst ist schließlich so einiges erlaubt. Eine Darstellung aus einem anderen Winkel lässt oft schon einen ganz anderen Eindruck entstehen. Stellen Sie sich ein Bildnis eines furchterregenden, riesigen Kämpfers vor. Wird diese Figur aus der Vogelperspektive dargestellt, wirkt er bereits deutlich weniger bedrohlich. Zeichnen wir eine traurige Szene in bunt schillernden Farben, wird die eigentlich betrübende Atmosphäre dekliniert. Sogar mit jedem Zu- und Ausschnitt revidiert sich die Aussage des Originals, ganz so, wie wir Künstler es haben wollen. Wir entfremden damit die Dinge von dem, was sie wirklich sind, deren reales Gesicht wird gar entfernt. So wird es sehr schnell trügerisch, denn der Schaffende entscheidet, was gesehen werden soll und was nicht. Wir zeichnen uns die Welt zurecht und machen die Dinge schön, auch wenn deren Kern ganz anders aussieht, nur um das Wahnsinnige des Daseins aushalten zu können.

Für Nietzsche ist die Kunst also alles andere als sinn- und wertfrei. Das Schöne ist nicht dazu da, unser Gemüt in einer wohltuenden Kontemplation zu erhalten, sondern sie ist Mittel zum Zweck. Sie ist der Schein und das Unwahre, eigentlich das wirklich Verwerfliche für jeden, der um die Erkenntnis des Realen bemüht ist. Ist der Versuch die Mauer zu verschönern nun ein ästhetisches Zugeständnis dafür, dass man ihren Daseinszweck nicht vertretbar findet? Oder gehen wir noch weiter: Ist jeder artistische Pinselstrich nur eine andere Methode daran, den Kopf in den Sand zu stecken, da man sich vom Nonsens von Trumps Vorhaben eigentlich lieber beschämt abwenden möchte? Verlieren wir gar aus den Augen, dass die Mauer eine im humanistischen Sinne absurde Idee eines sprunghaften und scheinbar realitätsfremden Präsidenten darstellt? Vielleicht geht diese Deutung ein wenig zu weit, aber dennoch ist Nietzsches Fingerzeig durchaus angebracht. Indem wir dem Vorschlag des Bauanbieters aus San Diego zustimmen, bedeutet dies mehr oder weniger direkt, dass wir bereit sind, uns mit der Mauer auseinanderzusetzen. Sie in unseren Alltag einzubinden, sie hinnehmbar zu machen, uns in Toleranz zu üben. Wird dann noch über die Kunstwerke diskutiert, die das steinerne Gebilde zieren sollen, gerät die Stoßrichtung der eigentlichen Diskussion schnell ins Vergessen: nämlich die um Sinn und Unsinn der Mauer. Lassen wir uns von deren Ästhetisierung nicht täuschen, sie ist und bleibt ein Symbol für die haarsträubende politische Linie des Präsidenten, und wird durch Malereien kein Mehr an logischer Daseinsberechtigung behalten, als sie es verdient.