MONT ST. MICHELHELMUT WYRWICH

Saar-Lor-Lux beim Wasserstoff ohne Luxemburg unterwegs?

Das Kraftwerk im saarländischen Völklingen ist riesig. Es ist ein Kohlekraftwerk des Essener Energie-Konzerns Steag. Direkt neben der Energie von gestern entsteht ein Zentrum für die Energie von morgen. Wasserstoff über Elektrolyse soll erzeugt werden. Das Saarland, so Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger, soll seinen Ruf als Energieland behalten und zur Wasserstoff Region werden.

Was macht man aber, wenn man über diese Energie verfügt? Sie muss zum Kunden, muss transportiert werden. Zufälligerweise gibt es da ein Netzwerk von 70 Kilometer Länge mit dem bisher Erdgas transportiert wurde. Es führt nach Völklingen, nach Saarbrücken, nach Carling in Lothringen. Eine Gelegenheit, über die saubere Energie der Zukunft die Energieplattform Völklingen mit der lothringischen Chemieplattform Carling zu verbinden.

Creos hat das Leitungsnetz gekauft

Steag hat vor drei Jahren sein Leitungsnetz an Creos Deutschland verkauft. Das Unternehmen ist der deutsche Ableger des Luxemburger Energiekonzerns Encevo. Innerhalb des Konzerns ist Creos für den Transport zuständig, versorgt im Saarland und in Rheinland Pfalz in 340 Städten und Gemeinden über zwei Millionen Einwohner mit Strom und Gas. In einem „Letter of Intent“ (Absichtserklärung) hat Creos nun mit dem größten französischen Gas-Netzwerkbetreiber vereinbart, ein 70 Kilometer langes Röhrennetzwerk darauf zu untersuchen, ob mit ihm Wasserstoff transportiert werden kann. Das Netzwerk verbindet das Saarland mit der Industrieregion rund um St. Avold und Carling im Mosel-Département und führt bis nach Perl an die luxemburgische Grenze. Creos und GRTgaz haben dafür das Projekt „mosaHYc“ gegründet. „Es handelt sich hier um ein Pionierprojekt, für das man Zeit braucht“, sagt Dr. Carola Jung, Leiterin der Creos Deutschland Kommunikation. „Allein die Machbarkeitsstudie wird etwa ein Jahr benötigen“. Bedarf scheint in den beiden Industrieregionen im Saarland und im Mosel-Département zu bestehen. Norman Blaß, Chef des Creos Kapazitäts- und Assetmanagements: „Es gibt mehrere Unternehmen im Industrie- und Mobilitätssektor in der Großregion, die schon heute großes Interesse und Bedarf an Wasserstoff haben und diesen in der Zukunft stark ausbauen wollen.“

In zwei Jahren etwa, meint Carola Jung, werde das gesteckte Ziel erreicht sein. „Am Ende soll von mosaHYc ein technisch, ökonomisch und regulatorisch zu Ende gedachtes Konzept stehen, auf dem eine belastbare Investitionsentscheidung getroffen werden kann.“ In dieser Zeit wird allerdings bereits tiefgreifend gearbeitet. „Eines der Ziele ist selbstverständlich der Know-how-Aufbau der Mitarbeiter und der Wissenstransfer sowohl zwischen den Netzbetreibern als auch zu möglichen Produzenten und Verbrauchern“, sagt sie.

Das Saarland als Wasserstoffregion im Südwesten Deutschlands hängt wesentlich von dem ab, was der Essener Steag Konzern in Völklingen realisiert. Ein umfangreiches Projekt entsteht neben dem Kohlekraftwerk Fenne in Völklingen. Grüner Wasserstoff soll durch Elektrolyse produziert werden. Die Wärme, die bei der Erzeugung von Wasserstoff entsteht, soll in das Fernwärmenetz Saar der Steag eingespeist werden. Das Projekt steht an einem Knotenpunkt saarländischer Industrie.

Der Elektrolyseur, ein Wasserstoffspeicher und eine Hochtemperatur Wärmepumpe treffen zusammen mit einem Großbatteriesystem, mit einem Grubengas-Motorenheizkraftwerk und mit einem Elektrodenkessel. Der Standort Völklingen hat damit alle Anschlüsse für Strom-, Gas- und Wärmenetze. Überdies will Steag am Standort Fenne ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk bauen, in dem Wasserstoff in einer Gasturbine wieder verstromt werden kann. Das Verteilernetz der Creos passt in dieses Konzept. Das Konzept wiederum passt zu der Absicht der Stadt Saarbrücken, die Busse des öffentlichen Personen Nahverkehrs zukünftig mit Wasserstoff zu betreiben. Das Gesamtprojekt soll in Kooperation von Steag und der Siemens AG, dem Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme und mit den Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) entstehen.

Was aber wäre, wenn sich das alles so nicht realisieren würde? In Essen nämlich gibt es Bedenken. Das Wasserstoffkonzept der Bundesregierung befreit Wasserstoff zwar von der Energie-Transitionsumlage EEG, aber eine Reihe von Regularien seien nicht geklärt, heißt es in der Ruhrgebietsstadt. Man zögert also. Anke Rehlinger hat harte Arbeit vor sich, um das Saarland wirklich zur Zukunftsregion Wasserstoff zu machen.

Auf den falschen Zug gesetzt

Und dann gibt es da noch andere saarländische Ungereimtheiten. So sollen zukünftig neu zu kaufende Dieselzüge die Städte Metz und Saarbrücken sowie Straßburg verbinden. Da verpasst die deutsch-französische Kooperation etwas. Die Mobilitätssymbiose aus saarländischem Wasserstoff mit französischer Hochtechnologie durch Alstom-Wasserstoffzüge wird so wohl nicht stattfinden. Stattdessen dürfen dann Dieselzüge 25 Jahre lang die Luft verpesten.

Aber auch Luxemburg zögert. Umweltminister Claude Turmes hat es in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Paperjam“ als Erfolg verkauft, dass es in zwei Jahren möglicherweise eine Wasserstoff-Tankstelle in Luxemburg geben wird. Ansonsten hat der Minister überall nur Nachteile erkannt. Er will abwarten, wie andere europäische Länder entscheiden. Und er geht davon aus, dass Luxemburg Wasserstoff importieren wird. Die deutschen Nachbarn waren da mit einem neun Milliarden Euro umfassenden Wasserstoffkonzept entscheidungsfeudiger und voluntaristischer.

Luxemburg wird wohl von Wasserstoff-Einrichtungen umringt werden. Die Tankstelle in Trier, die Elektrolyse im Saarland, den Wasserstofftransport aus dem Saarland nach Lothringen. Ob man aus dem Saarland dann aber den benötigten Wasserstoff importierten können wird, mag angesichts des dort aufgebauten Bedarfs zweifelhaft erscheinen. Aus grüner politischer Sicht ist es möglicherweise aber ein Erfolg, dass zukünftige Wasserstoff-Lastwagen einen Bogen um Luxemburg machen werden, weil sie hierzulande nicht mehr tanken können.