ANNETTE DUSCHINGER

Unter dem reißerischen Titel „Massenkinderhaltung in Tagesstätten“ erfolgte ein weiterer Schlag ins Gesicht berufstätiger Mütter von seiten der Mütter, die die für sie einzig wahre Wahl getroffen haben und sich um ihre Kinder selber kümmern. Beziehungsweise irgendwann einmal gekümmert haben, als die Gesellschaft halt noch eine andere war. Die Kreuzritterinnen von Famill.lu und die Gruppierung „Méi Elteren, manner Staat“ stellten einfach mal so die (falsche) Behauptung in den Raum, Ende letzten Jahres sei der Betreuungsschlüssel erhöht worden, so dass sich in Tagesstätten eine Erzieherin nicht mehr um vier Kleinkinder von null bis 24 Monaten, sondern nun um sechs Kinder kümmern muss. Der Minister dementiert, es habe sich nichts geändert - die Botschaften stehen aber einmal mehr gut im Raum: Schreiende Kinder werden wie Zucht- und Schlachtvieh in Massen gehalten und von immer weniger Pflegern beaufsichtigt, verantwortungslose, geldgierige Mütter nehmen das klaglos hin oder werden gegen ihre Überzeugung und ihren Willen gezwungen, all das hinzunehmen, damit die Wirtschaft dreht. Wenn nicht so viele Leute es lesen - und auch glauben - würden, könnte man es ja kommentarlos hinnehmen. Aber ob es Famill.lu nun passt oder nicht, diese Eltern haben bewusst die Wahl getroffen, berufstätig zu sein und ihre Kinder stundenweise in die Obhut einer Einrichtung zu geben. Eine Einrichtung, für die der Staat lediglich die gesetzlichen Rahmenbedingungen setzt, die Kinder werden dort immer noch von Menschen erzogen, fast ausschließlich von Frauen und sogar zu einem großen Teil von Müttern. Der Irrtum liegt vielleicht darin, dass nicht jede Mutter, die als Erziehungserfahrung lediglich ihr eigenes häusliches Umfeld kennt, sich auch als Erzieherin anderer Kinder eignet.

In einer umfassenden Studie der Universität Luxemburg von 2009 bis 2012 zur Situation der „Maisons relais pour Enfants“ in Luxemburg zeigten sich die Wissenschaftler erstaunt darüber, dass 55 Prozent der befragten Erzieher angaben, keine spezielle Weiterbildung absolviert zu haben, die sie für die Arbeit mit ihren null- bis vierjährigen Schützlingen besser qualifizieren würde. Noch erstaunter waren sie über die paradoxe Aussage der Mehrheit der Betreuerinnen, dass sie selber ihre Kinder nicht in die Tagesstätte geben würden. Das ist als würde man Zeitung machen, den von keinerlei Sachkenntnis getrübten Schrott, den man da zusammenschustert, selber aber nie lesen wollen. Oder Lebensmittel produziert, die man selber vor Ekel nie essen würde. Wissenschaftlich vertieft wurde das Phänomen leider nicht, warum sich die Betreuer so wenig mit ihrer Arbeit identifizieren. Es wirft aber die Frage auf, wie fähig solche Betreuer sind, sich mit einem pädagogischen Konzept zu befassen, geschweige denn es umzusetzen, wenn sie womöglich der Mentalität anhaften, dass die Kinder zuhause besser aufgehoben wären. Die Eltern waren der Studie nach übrigens mehrheitlich sehr zufrieden mit der Qualität der Kinderbetreuung, die ja künftig ganz im Fokus der Politik steht. Welch Stein des Anstoßes für die einzig wahren Kindererzieher.