LUXEMBURG
SVEN WOHL

1,8 Millionen Bücher finden ihren Weg in ihre neue Heimat

Wer eine erste Kostprobe der neuen Nationalbibliothek haben möchte, sollte mit der Tram dorthin fahren und einmal gemütlich entlang des Gebäudes schlendern. Nur so verinnerlicht man sich die für luxemburgische Verhältnisse doch bemerkenswerte Fläche, die man hier Büchern und Kultur als Ganzes zugesteht. Insgesamt 24.000 Quadratmeter bieten sich hier, sie alle zu erkunden würde mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Wir haben jedoch nur eine.

An der Rückseite beginnt unsere Entdeckungsreise. Erste Station: Die Garage. Drei Transporter fahren im Dauertakt, um die Bücher der Nationalbibliothek zu ihrem neuen Gebäude zu befördern und hier zu entladen. 1,8 Millionen Dokumente müssen bis September ihren Weg in ihr neues Zuhause finden. Da muss auch bei der Vorbereitung alles durchdacht sein. So wurde die Dewey-Klassifizierung mit ihren zehn Unterkategorien auf den Bestand der Bücher angewendet. 416.000 Werke wurden mit einem RFID-Funkchip ausgestattet, um das Selbstauschecken zu ermöglichen. Zusätzlich ermöglicht dies es den Mitarbeitern, die Bücher beim Umzug schnell zu scannen und sie so auf die Reise zu schicken.

Bei der Aussortierung werden jene Bücher ausgesondert, welche für den Lesesaal bestimmt sind. Sie erhalten eine neue Etikette, ehe sie in einem Regal, mithilfe eines Informationsblattes, ihren endgültigen Platz einnehmen. Tatsächlich findet man direkt neben der Garage, in der aktuell die Transporter ihre Ladung weiterreichen und in der später die Bücherbusse Platz finden werden, den Sortierraum, wo die Arbeiter fleißig die Bücher scannen.

Das Geheimnis des „Kasten im Kasten“

Bei unserem Blick hinter die Kulissen durchqueren wir das Lager. Bereits bei der Seitenansicht bemerkt der Besucher, dass ein Areal des beeindruckenden Baus wie eine Art „Kasten im Kasten“ aussieht. Hier sollen all jene Werke, die nicht sofort zugänglich sein sollen, weil es sich um ältere oder wertvolle Werke handelt, lagern. In den Lagerräumen herrschen perfekte Bedingungen und die Sicherheitsvorkehrungen sollen helfen, die Dokumente auf Dauer zu erhalten. Der Zutritt zu diesem Teil der Nationalbibliothek bleibt den Besuchern im Normalfall verwehrt. Das und die fortlaufenden Bauarbeiten erklären, dass die Gänge wie auch die Räume selbst kahl gehalten sind.

Dieser Eindruck ändert sich, als wir den Lesesaal im zweiten Stock betreten. Wir kommen bei der Mediathek heraus, die uns mit ihren leeren Regalen angähnt. Ihr Bestand wird als letztes die Reise antreten. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns einen Überblick zu verschaffen, können von unserer Position aus die gesamte Bibliothek überblicken. Auffällig: Natürliches Licht ist omnipräsent. Hinzu kommt, dass von fast jeder Position aus der Blick nach draußen möglich ist.

Die halbleeren Regale helfen noch dabei, den Durchblick zu behalten. Seit Montag sind die Mitarbeiter emsig dabei, die Regale zu füllen. Irgendwo läuft ein Radio mit hoher Lautstärke. Doch der Ton wird von den Akustikziegeln, die die Wände mit ihrem Muster schmücken, geschluckt. Beim Gang durch die Regale fallen bereits erste installierte Sitzgelegenheiten auf. Die Bibliothek soll nicht nur dazu einladen, hier zu arbeiten, sondern auch ein wenig zu entspannen. Die kleine Terrasse, an der noch gearbeitet wird, soll das weiter unterstreichen.

Imposant, doch übersichtlich

Wer vor allem in der Gruppe intensiver arbeiten möchte, kann auf einen der elf Arbeitsräume zurückgreifen. Diese sind online reservierbar und kostenlos. Auffällig ist, wie gut strukturiert die Bibliothek ist und wie leicht erreichbar sämtliche Elemente sind. Wer Universitätsbibliotheken aus dem Ausland kennt, weiß, wie schnell man sich von einer Auswahl erschlagen fühlen kann.

Erst gegen Ende der Besichtigung sehen wir die Bibliothek, wie die meisten Besucher sie beim ersten Mal erleben werden: Aus dem Eingang bietet sich ein imposanter Gesamteindruck. Erst hier stellt man fest, wie viel Raum einem geboten wird, wie viele Möglichkeiten sich ergeben. Zwar ist bei weitem noch nicht alles installiert - vor allem die Vitrinen mit den wertvolleren Büchern sowie Sitzgelegenheiten fehlen noch - doch mächtig Eindruck schindet die neue Nationalbibliothek bereits jetzt. Auffällig ist gleich der rote Raum, wo wertvolle, seltene oder besonders alte Werke unter Aufsicht konsultiert werden können.

Auditorium, Konferenzräume sowie Räume, in denen Workshops organisiert werden können, runden das Angebot ab. Die Absicht ist klar: So viel wie möglich anbieten, auch abseits der bekannten Palette einer Nationalbibliothek. Auf dem Rückweg passieren wir noch eine letzte Attraktion: die Parkanlage, welche neben dem Gebäude entsteht. Er wird dieser kulturellen Oase einen weiteren, grünen Touch geben. Bereits jetzt möchte man am liebsten stundenlang den fleißig umherlaufenden Arbeitern nachschauen und bereits die ersten Bücher durchblättern. September dürfte den Kulturfreunden des Großherzogtums nicht schnell genug kommen.