LOS ANGELES
SANDY COHEN (AP)

Mehr als nur hübsch: Filmindustrie entdeckt junge Frauen als neue Action-Stars

Von der mörderischen Laura in „Logan“ über die mysteriöse Elf in „Stranger Things“ bis zur kühnen Entschlossenheit von Mija in „Okja“: Nie zuvor waren so viele starke Mädchen in den Hauptrollen von Mainstream-Actionfilmen zu sehen.

Zwar war Nancy Drew in den 1930er Jahren schon als Mädchendetektiv unterwegs, und Buffy erlegte Ende der 1990er schon jede Menge Vampire. Dennoch wurden Mädchen in Mainstream-Produktionen bisher selten als Helden dargestellt, wie die Film- und Gender-Expertin Mary Celeste Kearney sagt. „Wenn sich Mädchen Mainstream-Zeug ansehen und das, was ihre Brüder und Väter und Jungs schauen, dann tauchen weibliche Helden da nie auf. Und jetzt sind sie da, und das ist ein großes Ding.“

Paranormale Elf in „Stranger Things“

Statt nur erwachsene Heldinnen wie Katniss Everdeen in „Die Tribute von Panem“ oder Rey in „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ sehen Mädchen nun auch, wie Gleichaltrige auf dem Bildschirm fantastische Abenteuer bestehen. Die US-Regisseure Matt und Ross Duffer konzipierten die mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Elf in der Netflix-Serie „Stranger Things“ von Anfang an als weibliche Figur.

„Elf war immer ein Mädchen. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wann oder warum wir diese Entscheidung getroffen haben“, sagte Matt Duffer vor Kurzem in einem Interview. „Elf war immer das Herzstück des Films und sollte immer dieses Mädchen sein, das aus dem Labor entkommen ist, weil wir so was vorher noch nicht gesehen hatten.“ Die von der 13-jährigen Millie Bobby Brown verkörperte Elf, heimliche Freundin einer Gruppe kleiner Jungs in der fiktiven Stadt Hawkins, besitzt paranormale Fähigkeiten.

Ganz bewusst wählte Drehbuchautor und Regisseur Bong Joon Ho ein Mädchen als zentrale Figur in „Okja“ (im großen Foto). In dem Abenteuerfilm beschützt das Mädchen Mija ein genmanipuliertes Riesenschwein vor einem internationalen Konzern. „In Comics oder Filmen werden junge Mädchen oft als Figuren dargestellt, die beschützt oder gerettet werden müssen. Ich wollte das Gegenteil machen“, so der Filmemacher. „Mir gefiel, dass eine junge weibliche Figur alle Hindernisse überwinden muss, die ihr im Weg stehen.“

Mija, gespielt von der 13-jährigen An Seo Hyun, ist mit Okja aufgewachsen und kämpft unerschrocken um das sechs Tonnen schwere Superschwein, als es von dem Konzern, der das Genexperiment finanziert, abgeholt werden soll. Auch hier sucht man vergeblich das stereotype kleine Mädchen vieler anderer Produktionen, das selbst gerettet werden müsste.

Weibliche Killer-Figur unter Superhelden

Für „Logan“ mit der jungen Mutantin Laura ist der Drehbuchautor und Regisseur James Mangold verantwortlich. Zwar hat er die Figur aus der „X-Men“-Geschichte nicht selbst erschaffen. Doch mit einer außergewöhnlichen Schauspielerin, der elfjährigen Dafne Keen, brachte er erfolgreich eine weibliche Killer-Figur in die ultramännliche Welt der Leinwand-Superhelden. Statt eine Teenagerin wie in den Comics ist Laura nun ein Kind, was die Beziehung zur Figur von Hugh Jackman vereinfacht. Wie das „Hit-Girl“ in „Kick-Ass“ von 2010 ist Laura dem Bild ihres Vaters nachempfunden. Als Tochter von Wolverine verfügt sie über ebenso viel zerfleischende Zerstörungskraft wie dieser.

„Ich dachte, Lauras schockierende Fähigkeit zum brutalen Töten wäre auf wunderbare Weise schockierender, wenn die Figur ein Mädchen ist, nicht ein Junge, dass also diese todbringende Gewalt von einem Mädchen ausgeht“, erklärt Mangold. „Ich fragte mich, ob wir das hinkriegen, dass das Publikum uns diesen Grad an Gewalt und Intensität in einem elfjährigen Körper wirklich abnimmt. Für mich wurde es dadurch noch aufregender, das auf die Leinwand zu bringen.“ Laura spreche in der ersten Hälfte des Films gar nicht und in der zweiten Hälfte nur Spanisch, „um eine Art Niedlichkeitsfaktor zu unterstreichen und um sie als eigene, einzigartige Figur existieren zu lassen“. Bemerkenswert ist auch, dass die jungen Heldinnen nicht alle von weißen Schauspielerinnen verkörpert werden.

Starke kulturelle Wirkung

Kearney zufolge sind die starken Figuren nicht allein auf den „Wonder Woman“-Effekt zurückzuführen: „Es ist eine Frage der geschichtlichen Entwicklung und der Genderpolitik.“ Die mächtigen Frauen und Mädchen auf der Leinwand spiegelten eine progressivere Haltung in Geschlechterfragen wider. Manche Autoren und Produzenten habe vielleicht der Wunsch nach mehr weiblichen Führungsfiguren im realen Leben zur Schaffung solcher Helden inspiriert. Schade findet die Expertin, dass die Mädchen-Helden nur in Fantasy-Geschichten mit übernatürlichen Kräften auftreten: „Als wären Mädchen nur super als Action-Helden, aber nicht als Präsident der Vereinigten Staaten, also nicht im realen Leben.“

„Billy Elliott“ etwa, der realistische Independent-Film aus dem Jahr 2000 über einen elfjährigen Jungen, der durchs Tanzen viel über Geschlechterfragen und Identität erfährt, wurde zum Überraschungserfolg. 2016 war „The Fits“, einem ähnlich realistischen Independent-Film über ein elfjähriges Mädchen, nicht der gleiche Erfolg beschert. Dennoch sind weibliche Action-Helden ein Anfang, vor allem solche mit Massenmarkt-Appeal. „Sie haben eine ganz starke, kulturelle Wirkung“, betont Kearney. Elf ist nach Angaben der Duffer-Brüder die populärste Figur des Films und die Action-Figur, die sich am besten verkauft.

Auch Mangold erzählt, seine kleinen Söhne hätten bei einem Besuch der Dreharbeiten zu „Logan“ mehr Interesse an Laura gezeigt als an Wolverine selbst. „Sie waren komplett fasziniert von ihr“, sagt er. „Es ist echt erfrischend, ein Kind zu sehen, vor allem ein Mädchen, das nicht in erster Linie eine Puppe ist. Stattdessen kämpft hier jemand, sucht nach etwas, ist tüchtig - und gibt am Ende übrigens ziemlich starke Ratschläge, zeigt Weisheit und Stabilität.“