LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Das Großherzogtum übernimmt Anfang März erstmals den Vorsitz der „International Holocaust Remembrance Alliance“ - Ein Gespräch mit dem Luxemburger Delegationschef Georges Santer

Botschafter Georges Santer ist Chef der luxemburgischen Delegation bei der „International Holocaust Remembrance Alliance/IHRA“ und ab dem kommenden 5. März internationaler Präsident dieser Organisation mit im Moment 32 Mitgliedsstaaten. Bis März 2020 hat das Großherzogtum den Vorsitz der Allianz inne. Mit dem langjährigen Diplomaten sprachen wir über die Ziele der Präsidentschaft und die Zunahme des Antisemitismus in Europa.

Herr Santer, wie kam es zur Kandidatur für die Präsidentschaft und ist es eine Premiere?

Georges Santer Die Kandidatur kam mit Unterstützung von Premier Xavier Bettel zustande, der wünschte, dass Luxemburg auch auf internationaler Ebene seine Verantwortung übernimmt, was die Erinnerung an den Holocaust anbelangt. Und ja, es ist eine Premiere. Luxemburg ist zwar seit 2003 Mitglied der IHRA, hatte aber noch nie den Vorsitz inne. Wir übernehmen ihn nun von Italien und geben ihn in einem Jahr an Deutschland weiter.

Was will Luxemburg erreichen?

Santer Wir haben ehrgeizige Ziele. Nach Bulgarien im November wird nun bei der Juni-Tagung in Bad Mondorf Australien als Mitglied aufgenommen. Wir werden alles daran setzen, dass dann bei der Tagung in Luxemburg im Dezember Portugal unsere Ränge vervollständigt. Dann gibt es zwei markante Ereignisse, welche in unsere Vorsitzzeit fallen. Zum einen jährt sich am kommenden 27. Januar die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Zum anderen feiert die Erklärung des Stockholmer Internationalen Forums zum Holocaust kommendes Jahr ihr 20. Jubiläum.

Ziel ist es, angesichts steigendem Antisemitismus die in der Erklärung erhaltenen Verpflichtungen zur Erinnerung mit einer neuen Dynamik zu versehen. Es geht auch darum, einen neuen Text auszuhandeln, der die Stockholmer Erklärung ergänzen soll, um der nicht sehr positiven Entwicklung der letzten 20 Jahre Rechnung zu tragen. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang besonders die Rolle der sozialen Medien in der Meinungsbildung. Darüber hinaus möchten wir die IHRA international sichtbarer machen.

Weshalb, glauben Sie, nimmt Antisemitismus zu?

Santer Nicht nur Antisemitismus, sondern Diskriminierungen insgesamt nehmen zu. Das hat meiner Meinung nach mit einer Verunsicherung in der Gesellschaft zu tun, die nicht zuletzt durch wachsende soziale Ungleichheiten auseinanderdriftet. Es gibt echte und gefühlte Ängste und es wird nach Verantwortlichen dafür gesucht. Oft sind Minderheiten ein Ziel in einem negativen Klima, das von Nationalisten und Populisten noch weiter angeheizt wird. Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen, zu welch schrecklichen Konsequenzen das führen kann. Deshalb sind wir alle gefordert, die Erinnerung an den Holocaust aufrechtzuerhalten. Und jeder Staat muss gewährleisten, dass Mitbürger gleich welcher Konfession oder Lebensart in Frieden, Sicherheit und Zufriedenheit innerhalb seiner Grenzen leben können.

Laut Umfragen wissen selbst in der EU immer weniger Bürger über den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft Bescheid. Wie kann man gegensteuern?

Santer Das ist die zentrale Frage in einer Zeit, da es immer weniger Opfer gibt, die aus erster Hand über die Gräuel des Holocaust erzählen können. Die Antwort liegt sicher zum Teil in der Bildung. Es gibt in der digitalen Ära neue Wege, Wissen zu vermitteln, aber natürlich hinterlässt ein Besuch in einem Konzentrationslager viel tiefere Eindrücke. Mein Dank gilt den Professoren und den Organisatoren, die Jahr für Jahr Schüler nach Auschwitz oder etwa nach Sachsenhausen begleiten, wie ich dies auf meinem letzten Posten in Berlin eindrucksvoll sehen konnte. Wir müssen und werden aber auch auf die Erwachsenen zugehen.

Wie konkret?

Santer Ausstellungen, Filmprojektionen, Diskussionsrunden und Konferenzen werden unsere IHRA-Präsidentschaft begleiten. Es ist uns gelungen, einen Teil der Ausstellung „State of Deception“ aus Washington in die Abtei Neumünster zu holen. Sie läuft noch bis zum 17. März und zeigt, wie die Weimarer Republik in wenigen Jahren in die Diktatur stürzte. Wir arbeiten auch an einer Ausstellung über Aristides de Sousa Mendes. Er war portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux und erteilte - entgegen den Instruktionen der Salazar-Regierung - unzähligen Flüchtlingen, jüdischen wie nicht-jüdischen, Durchreisevisa nach Portugal, damit sie sich in Sicherheit bringen konnten. Auch viele Luxemburger konnten von diesem mutigen Ungehorsam profitieren. Wir werden in einer zweiten Ausstellung auch zeigen, was in Vilar Formoso geschah, an der Grenze zwischen Spanien und Portugal, wo die Flüchtlings-Züge auf portugiesischem Staatsgebiet eintrafen. Hier wurde im November 1941 ein Zug mit Flüchtlingen, darunter auch welche aus Luxemburg, zurückgewiesen. Die Umstände müssen noch genauer erforscht werden. Wir möchten zeigen, welche Auswirkungen Hitlers Terrorregime in ganz Europa hatte. Wir werden auch dafür sorgen, dass Ausstellungen aus Luxemburg in anderen Ländern gezeigt werden. Wir sind diesbezüglich im Moment in Gesprächen mit ausländischen Partnern, um die Ausstellung „Between Shade and Darkness“ über das Schicksal der Juden in Luxemburg während des Zweiten Weltkrieges in Berlin zeigen zu können. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird.