LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Was macht Architektur aus?

Vom Hochhaus bis zur Villa, vom Mehrfamilienhaus bis zur Obdachlosenunterkunft: Architektur kann viel sein. Warum entscheidet sich ein Architekt für die eine oder andere Richtung? Was ist Kunst, was ist Kommerz und was Philosophie? Um solche Themen geht es bei den Architekturgesprächen, die die Firma Jung seit 1992 quer durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Luxemburg veranstaltet. An einem nebligen Abend im November hat der 1912 gegründete Hersteller von Gebäudetechnik in Form von Schaltern, Steckdosen und Steuer-Systemen ins LUCA in Luxemburg-Hollerich eingeladen. Für den Familienbetrieb mit rund 700 Mitarbeitern aus dem Sauerland ist es ein Marketingtermin, bei dem man mit der Branche im Kontakt bleibt. Das Publikum besteht aus Fachleuten; lokalen Händlern, Architekten oder Bauunternehmern. Eingeladen sind drei Gäste, die sich erst vorstellen, bevor sie miteinander diskutieren. Vor dem Publikum steht der Villenarchitekt Alexander Brenner aus Stuttgart, der Verwirklicher von Obdachlosenprojekten in Österreich, Alexander Hagner aus Wien sowie die Luxemburger Architektin Türkan Dagli, die hier im Land mehrgeschossige Wohnprojekte realisiert. Schnell wird klar: Die Ansätze der drei sind ganz unterschiedlich.

Nicht jeder kann Kunde werden

Wer zu Alexander Brenner ins Büro kommt, der muss an seinen Mitarbeitern vorbei. „Das ist der erste Test“, sagt Brenner. Der Stuttgarter Villenarchitekt ist bekannt und vielfach ausgezeichnet für seine geometrischen, weißen Entwürfe, die gern Zeitschriften wie „Häuser“ oder „Architektur“ auf dem Titelbild zieren. Meist reichen seine Ideen bis ins Detail, bis hin zur Lampe, dem Kamin oder auch einer Wandverzierung. „Das muss alles passen“, sagt der etwas eigenbrötlerisch wirkende Schwabe. Und: Für jeden arbeitet er nicht. Nach einer Viertelstunde Erstgespräch hat sich Brenner Plus- und Minuszeichen aufgemalt. Wer mehr als fünf Minuszeichen hat, kann kein Kunde werden; unmöglich. „So vermeide ich später Ärger. Bis jetzt hat das immer geklappt“, grinst Brenner. Das Schlimmste sind für ihn Bauträger, also Auftraggeber, die auf Zeit und Geld achten und wollen, dass alles im Rahmen bleibt. Einer wie Brenner, der lange wenig verdient hat, weil er nichts machen wollte, das seinen Vorstellungen widerspricht, will sich dem nicht beugen. Jetzt ist Brenner 60 und setzt sich gern auch mal über Bauauflagen hinweg: „Dann hat das Geld eben nur für ein Flachdach gereicht….“ Er realisiert maximal drei Häuser im Jahr. „Mir ist die Zusammenarbeit mit guten Handwerkern wichtig, die Verwendung nachhaltiger Materialien wie Kalkputz“, sagt er und verschränkt die Arme.

Wohnraum für Obdachlose

Seine Abneigung gegen Bauträger teilt sein Namensvetter Alexander Hagner von gaupenraub+/- aus Wien. Der gelernte Tischler gilt als Spezialist für soziales Bauen, das er auch lehrt. Dazu haben vor allem die Pilotprojekte VinziRast und VinziDorf beigetragen. „Für mich war es ein Schock, als ich zum Studium nach Wien kam und damals die ersten Obdachlosen gesehen habe“, berichtet er, während er Bilder über Wohnstätten von Obdachlosen zeigt. Das Thema ließ ihn nicht mehr los. 2009 besetzten Studenten das Audimax in Wien und bald kamen auch Obdachlose dorthin. Die Studenten banden sie ein beim Kochen, Putzen oder Demonstrieren, verbaten sich aber Trinkgelage. „Dann gab es dieses leer stehende Haus am Ende der Besetzung. Wir haben daraus ein einzigartiges Projekt für Studierende und Obdachlose mitten in der Stadt gemacht“, erklärt Hagner. 2013 eröffnete VinziRast in einem generalsanierten Haus aus dem 18. Jahrhundert. Im Erdgeschoss das Lokal „mittendrin“, darüber liegen zehn Wohngemeinschaften für Studierende und Obdachlose, die 30 Menschen Platz bieten, Werk- und Veranstaltungsräume. „Das gibt mir etwas, geschafft zu haben, dass Menschen ein Dach über dem Kopf haben“, betont Hagner. Deshalb hat er in diesem Jahr nach zahlreichen Schwierigkeiten noch ein Projekt fertig gestellt: Das „VinziDorf“ in Wien, in dem es 24 Wohnplätze für chronisch alkoholkranke und bis dahin obdachlose Männer gibt. Sie erhalten Mahlzeiten und werden betreut. „Es gab anfangs viel Widerstand dagegen“, erinnert sich Hagner. Sicher, sagt Hagner, hat er Preise für die Projekte erhalten. Aber an Architekturwettbewerben nimmt er schon lange nicht mehr teil. „Das ist verschwendete Energie“, ärgert er sich.

Wettbewerbe inspirieren für die Architektur

Türkan Dagli sieht das ganz anders. Sie nimmt gern an Wettbewerben teil. „Wir haben viele internationale Preise gewonnen. Und wir bauen qualitativ hochwertig“, stellt sie fest. Die Entwürfe für die Wettbewerbe stellt sie gern auf Instagram - und erhält so viele interessante Bewerbungen. Die kommen ihr recht, denn die Leiterin des gleichnamigen Luxemburger Architekturbüros hat zahlreiche Aufträge und stellt ein. Anders als ihre Kollegen baut sie in Luxemburg vor allem mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser für Bauträger. „Ich arbeite sehr gern mit meinen Auftraggebern“, berichtet sie, während sie Bilder von Wohnungen zeigt, die durch eine hohe Decke einen anderen Zuschnitt unterschiedlich auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner eingehen. Die Umsetzung der Loft-Idee dieses Projekts entspricht ihrem Ansatz, anders zu sein. Oder Balkone, die nur der Begrünung dienen und somit das Mikroklima ändern können. Ihr geht es bei der Architektur um einen philosophischen Ansatz, die Preisgabe von Geheimnissen beispielsweise. Ihre Vorbilder sieht sie am ehesten in Carl Friedrich Schinkel oder Dominique Perrault, großen Architekten, die nicht nur einer Epoche zuzuordnen sind. Wie schmal der Grat zwischen Top oder Flop ist, weiß Dagli durch Projekte, bei denen sie zwar gewann, die aber später aus anderen Gründen nicht realisiert wurden. „Wir wachsen mit jedem Projekt“, versichert sie. Dagli mag an Luxemburg die Internationalität, schließlich ist sie selbst als Kind türkischer Einwanderer in Deutschland zwischen den Kulturen groß geworden. Ihre elf Mitarbeiter haben ganz unterschiedliche Nationalitäten und Erfahrungen. Alle teilen die Liebe der ehemaligen Architekturprofessorin zu klaren Linien. Und ihre Begeisterung für Architekturwettbewerbe.