LUXEMBURG/ BERLINNORA SCHLEICH

Max Thommes schafft mit seinem Alter-Ego „DasRADIAL“ eine dystopische Welt

Max Thommes (29) ist gebürtig aus Grevels und lebt momentan in Berlin. Der ausgebildete Schauspieler performt in zahlreichen Rollen auf Theaterbühnen und hinter der Fernsehkamera. Ein sehr extravagantes Programm zieht er mit seiner Performance als „DasRADIAL“ auf. Was es mit dieser Figur auf sich hat, erfahren wir im Gespräch mit dem wandlungsfähigen Künstler.

Erklären Sie uns bitte „DasRADIAL“.

MAX THOMMES Das Konzept besteht darin, Theater, Musik, Literatur und Performance auf ungewohnte Manier wieder zu vereinen. „DasRADIAL“ ist eine Figur, die aus dem Unbekannten hervorgeht, die für Lyrik und das Aggressive in der Poesie steht. Dies vermischt sich mit elektronischen Beats, sodass auch dazu getanzt werden kann. Es geht vor allem darum, Theater und Literatur wieder verständlicher zu machen und mehr an die Leute zu bringen, ohne diese ins Theater holen zu müssen. Ich will Intersektionen zwischen Kunstformen suchen und die Frage stellen: Wann wird Musik zu Schauspiel? Wann wird Schauspiel zur Musik?

Anfangs habe ich vorzugsweise meine Lieblingstexte und Monologe gelesen, viel aus der Beat-Generation, aber auch von Klaus Kinski und Heiner Müller. Es sind immer wortgewaltige Texte, wo dem einzelnen Wort selbst mehr Wichtigkeit zukommt als dem Textkorpus als Gesamten. Stichwörter oder sich ständig wiederholende Begriffe werden von Leuten, die Party machen und tanzen wollen, besser aufgenommen. Zwar gibt es auch längere Textpassagen, allerdings stehen Mantra-ähnliche Schlagwörter immer im Vordergrund. Meine eigenen Texte handeln viel von Datentransfer, den sozialen Netzwerken und von der heutigen Computergeneration. Die Shows werden meist von ständig wechselnden Musikern begleitet. So kann ich auch mal befreundete mit auf die Bühne holen. Ohne vorher zusammen geprobt zu haben, und ohne genau zu wissen was passieren wird. Die Meisten hatten davor noch nicht die Gelegenheit, etwas in der Art für sich auszuprobieren und sich auf der Bühne in dieser Form fallen zu lassen.

Für welche Bühne ist es geeignet?

Thommes Ich will auch räumliche Barrieren sprengen. Ich kann mit „DasRADIAL“ genauso gut im Kunstmuseum oder Theater auftreten, wie auch in einem dunklen Club morgens um fünf, oder auf einer großen Konzertbühne! Es gibt auch Anfragen, bei denen ich einen bestimmten Text lesen soll. Im Kasemattentheater habe ich beispielsweise Texte von Mozart vorgetragen und im Mudam habe ich eine Geschichte gelesen, die bei der Show „Impossible Readings“ des Kollektivs „Independent Little Lies“ von vielen verschiedenen Schriftstellern verfasst wurde. Mittlerweile stelle ich aber immer mehr meinen eigenen Plan zusammen, mit meinen eigenen Texten, sodass ein festgesetztes Konzertprogramm bestehen kann.

Sehen Sie sich als sozialkritisch und provozierend?

THOMMES Provozierender als die Themen ist vor allem die Art und Weise, wie ich die Inhalte zum Ausdruck bringe, es ist halt sehr laut und recht aggressiv. Der sozialkritische Aspekt ergibt sich daraus, dass ich die Menschen zum Nachdenken bringen will, und nicht nur Verurteilungen und Vorurteile im Raum stehen lasse. Ich bewege mich auf einer Ebene, auf der ich abstrakte Bilder schaffe. Wahrscheinlich ist dies sogar eine Art, mir selber und dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten, ohne dass ich eine „richtig oder falsch“-Lösung propagiere.

Wie kam es zur Genese von „DasRADIAL“?

THOMMES Ich habe ja schon immer Musik gemacht und Theater gespielt. Zwischen verschiedenen Produktionen kommt es immer wieder vor, dass ich Zeit habe, um etwas Eigenes zu machen. Meine Freizeit ist dafür da, weiter an mir zu arbeiten und selbst neue Wege zu meiner performativen Stimme und zu eigenen Kreationen zu suchen. Ich wollte so eine Figur erschaffen, um mich ein wenig hinter einer Maske verstecken, oder auch Masken von mir selber erzeugen zu können. Menschen wie Klaus Nomi, David Bowie oder Marilyn Manson stellen für dieses Projekt große Vorbilder dar. Zu Beginn gab es nur den Namen und ein wenig Schminke. Mittlerweile habe ich mir ein ganzes Kostüm designen lassen, welches den Idealvorstellungen der Figur doch schon sehr gerecht wird. Mich selbst kann man darin nicht mehr erkennen, was mir auch sehr wichtig ist. Ich will Abstand zur Figur halten können.

Steckt viel Max Thommes in dieser Figur?

THOMMES Natürlich ist immer ein wenig Max Thommes mit dabei, schließlich bin ich es ja der da performt, allerdings ist es einfacher, sich als „DasRADIAL“ dahinzustellen und loszuschreien, als wenn ich dies als Max tun würde. Die Leute können in diesem artistischen Kontext besser mit einer abstrakten Figur umgehen. Diese Person scheint dem Publikum obskur, sie identifizieren sie nicht mit einem normalen Menschen, sodass sie sich nicht direkt von den Aggressionen selbst betroffen fühlen. Es ist halt kein Konzert, bei dem Max auf der Bühne steht, und Texte auf Technobeats liest.

Wie soll es mit „DasRADIAL“ weitergehen?

THOMMES Am Ende soll das Projekt wirklich ein massives Ganzes beschreiben, in dem die einzelnen Kunstformen sich gemeinsam in der Show unterstützen. Im Moment überlegen mein Kollege und ich zum Beispiel auch, wie kinetische Kunst in das Projekt mit einfließen könnte. Es wird ein 360° Projekt werden - darauf weist auch der Name hin - es soll eine runde Kunstform entstehe. Mein Kollege nennt sich zum Beispiel „Radius“, und zusammen sind wir die „Radialisten“. Natürlich stellt dies auch ein Augenzwinkern für all die kleinen, innovativen Kunstrichtungen dar. Wir probieren, unsere eigene Kunstrichtung zu erschaffen, auf eine ironische, aber doch ernstgemeinte Weise. Als nächstes wird nun das Lied veröffentlicht werden, zu dem das Video eben fertig gestellt wurde. Es heißt „Data-Ich“ und dreht sich um die Dokumentation „Nothing to Hide“, bei der ich mitgewirkt habe. Einen Monat lang ließ ich meine Handy- und Internetdaten, also alles an Metadaten von meinem Computer sammeln. Zwei Datenanalytiker haben dies verarbeitet und das Profil meines „Internet-Ichs“ erstellt. Mit dem Lied habe ich meine Erfahrungen und Eindrücke, die ich während des Drehs sammeln konnte, künstlerisch aufgegriffen und verarbeitet. Es ist sehr abstrakt, aber ich denke, ich konnte damit eine schöne, wenn auch dystopische Welt erschaffen. Das Video wird Mitte September auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht werden.


www.facebook.com/dasradial