PATRICK WELTER

Die neue Rechte schimpft ständig über den links-grünen Zeitgeist und die liberalen Mainstream-Medien. Wenn man diesen Herrschaften und ihrem kruden Denken folgen würde, müsste man eigentlich zum Schluss kommen, dass die Linken, die Grünen und die Liberalen schuld sind am Aufstieg der Hetzer.

Dem ist keineswegs so. Von Le Pen bis hin zu Petry-Heil haben sie alle nur eine riesige Lücke auf der rechten Seite des Parteienspektrums genutzt, um sich dort breit zu machen. Platz war genug am rechten Rand, denn „konservativ sein“ war entweder „out“ oder die Konservativen haben sich völlig diskreditiert. Die erste Variante gilt für die deutschen Nachbarn, wo die Wahlkampfstrategen der Merkel-CDU solange sozialdemokratische Themen besetzten, bis niemand mehr SPD wählte, und der alte CDU-Wähler nicht mehr wusste wo oben und unten ist. Die zweite Variante steht für Frankreich, das seit jeher von einer politischen Kaste geprägt wurde, die vor Arroganz platzt. Was die Konservativen nicht daran hinderte, in alle Kassen zu greifen, die sich anboten. Nicht unbedingt strafrechtlich relevant, aber völlig amoralisch und verlogen. Sarkozy und Fillon stehen nur noch für Bereicherung. Die Zahl derjenigen, die FN aus Begeisterung wählen, dürfte um etliches kleiner sein, als die der Wutwähler.

Franz-Josef Strauß, vor fast dreißig Jahren verstorbener CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident, hatte schon in den 1970ern konstatiert „Rechts von der CDU/CSU darf es keine demokratische Partei geben.“ Auf uns Studenten wirkten Strauß und Co. wie halbe Faschisten oder übrig gebliebene Wehrmachtskämpfer. Vielleicht wird man in der Rückschau milde, aber im historischen Vergleich mit dem rechten Gesindel heutiger Tage sieht man die klare Trennlinie zwischen erzkonservativer Haltung und rechtspopulistisch-brauner Sauce. Kürzer: Den Unterschied zwischen Haltung und Hass. Die Ur-AfD, die Wirtschaftspartei des Professors Lucke, wollte die von der CDU eröffnete Lücke im konservativen Spektrum als demokratische Partei besetzen, analog zur „Linkspartei“ . Hat anfangs funktioniert - bis die braune Truppe um Gauland, Petry und Höcke die Partei übernahm und es auf einmal wieder nach Stiefelwichse roch. Der Wunsch der Konservativen wieder wahrgenommen zu werden, zeigt sich auch in Luxemburg, aber auf einem anderen Feld: Dem Kampf des SYFEL mit Bischof und Regierung.

Auch wenn es weh tut: Demokratie bedeutet auch, ein Recht auf Spießertum zu haben. Alles besser zu finden, was früher war, Regenbogenfamilien für den Untergang des Abendlandes zu halten, die Gender-Debatte als überflüssig zu betrachten und die moderne Welt als furchtbar unübersichtlich und bedrohlich zu empfinden. Der politische Gott dieser Spießer war Helmut Kohl in mausgrauer Strickweste und Hausschuhen. Dessen Gerede von der geistig-moralischen Wende war zwar unerträglich, aber er hielt die kleinbürgerlichen Angsthasen innerhalb des demokratischen Spektrums. Man musste weder Kohl noch seine spießige Wählerschaft mögen oder gar für gut halten, aber braun war damals nicht „in“. Was Frankreichs Bürgerliche mit Gier geschafft haben, gelang der deutschen CDU durch Modernisierung mit der Brechstange - den für schlichte Parolen anfälligen Kleinbürgern in die Arme der de facto Faschisten von FN und AfD zu treiben.