CORDELIA CHATON

Es ist keine Kleinigkeit, die Ende Mai 132 Regierungen vorgestellt werden wird, sondern der erste Bericht dieser Art seit 2005. Es geht um Biodiversität, aber auch um die Kosten des Fortschritts. Rund 400 Forscher aus 50 Ländern haben daran gearbeitet. Es ist eine enorme Gemeinschaftsstudie, die auf mehr als 8.000 Seiten die Folgen unserer Lebensweise auflistet. Erstellt wurde sie im Auftrag der UN-Organisation „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES). Dass diese Organisation eher Experten bekannt ist, sollte eine breite Masse nicht daran hindern, sich die wichtigsten Schlüsse zu Gemüte zu führen. Denn schließlich geht es um das, was alle gemeinsam verursacht haben durch Produktion von Müll, Verbrauch fossiler Brennstoffe, Konsum von Waren, die wir nicht brauchen und vielem mehr.

Die Resultate sind klar: globales Artensterben, fortschreitender Landschaftsverbrauch, mit der Abholzung von Wäldern, der Überfischung der Meere, der Bodenverkarstung und der Verschmutzung der Luft. Ach, werden viele sagen, das ist doch nichts wirklich Neues. In Zeiten von Facebook, in denen immer ein anderes Fensterchen mit Foto aufleuchten muss, damit es interessant bleibt, wendet man sich schnell dem nächsten Bild zu. Noch dazu kommt, dass an so vielen Ecken Alarm wegen viel nichtigerer Fragen als unserem Überleben ausgelöst wird, dass eine gewisse Abstumpfung vorliegt.

Neu sind die Fakten nicht, aber so klar, dass die Studie vor allem Regierungen als Handlungsanweisung dienen sollte. Denn die Forscher haben folgendes festgestellt: Die Menschheit verbraucht Ressourcen in einer Schnelligkeit, die weit über die Fähigkeit des Planeten zur Selbsterneuerung hinausgeht. Allein in den USA wird die Natur im Wert von rund 24 Billionen US-Dollar pro Jahr ausgebeutet. Die Kosten der ökologischen Abwertung werden im Preis der Lebensmittel bis heute nicht berücksichtigt. Der Verlust von Bäumen, Weideland und Feuchtgebieten kostet die Menschheit rund zehn Prozent des jährlichen globalen Bruttoinlandsprodukts. Sinkende Bodenproduktivität und Klimawandel machen die Gesellschaften sozial instabil. In rund 30 Jahren werden sich bis zu 700 Millionen Menschen auf der Flucht vor Überschwemmungen, Dürren und weiteren Naturkatastrophen befinden.

Fazit: Unseren Lebensstil gibt es nicht zum Nulltarif. Und wenn wir eine Bilanz aufstellen, dann steht unter dem Strich, dass die Kosten viel höher sind als wir das heute wahr haben wollen. Es ist eine Schreckensbilanz.

In manchen Museen werden heute Plakate zum „Sauren Regen“ ausgestellt, ein Thema, das in den 80er Jahren viele Umweltaktivisten auf die Straße trieb. Das Wort „Waldsterben“ wurde in die französische und englische Sprache übernommen. Doch größere Folgen blieben aus.

Heute finden wieder Demonstrationen statt, von Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr glauben, dass ihre Eltern und Großeltern den Planeten als Leihgabe betrachten, sondern die sich zu Recht bestohlen und betrogen fühlen. Die Demonstranten von einst sind abgestumpft und erholen sich vom Alltag am Meer. Die Bilanz aber läuft unbarmherzig weiter. Ende Mai liegt sie den Regierungen vor.