MERSCH
SIMONE MOLITOR

Larisa Faber, Guy Helminger und Rafael David Kohn diskutierten über Theater und Europa

Diesmal wurde im Merscher Literaturarchiv (CNL) nicht gelesen, sondern diskutiert. Über Literatur, über Theater und über Europa, immerhin stehen Wahlen vor der EU-Tür, durch die das Vereinigte Königreich derweil verschwinden will. Diskutiert haben am Dienstagabend aber nicht die üblichen Verdächtigen, vielmehr sollte es laut CNL-Direktor Claude D. Conter darum gehen, „eine andere Stimme zu hören als jene der Politik oder der Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft oder des Sozialen“. Das Wort ergriffen die drei Luxemburger Schriftsteller/Theaterautoren Larisa Faber, Guy Helminger und Rafael David Kohn.

Es sollte um die vier Themenkomplexe „Das Verhältnis vom Schriftsteller zur Politik“, „Die Kontinentaldiagnose“, „Das Verhältnis von Theater und Politik“ sowie „Wahlen und Medien“ gehen, die Gesprächsrunde entwickelte aber schnell eine Eigendynamik und bewegte sich mal näher am Thema, mal weiter davon entfernt. Die teils etwas kontroversen Überlegungen der Diskussionsteilnehmer und ihre ganz persönliche Sicht auf Europa ließen das Publikum indes gebannt zuhören.

Die Wirkung des Theaters

Rafael David Kohn macht Theater, „weil es eine politische Kraft ist“. „Theater in seiner Urform stellt die Gesellschaft in Frage. Die Tragödie gibt eine Antwort auf die Frage, warum wir zusammenleben“, beschrieb er. Bedeutet das gleichzeitig, dass politisches Theater Änderungen im Denken bewirken kann? Guy Helminger holte etwas weiter aus: „Theater ist die Gattung, wo man wirklich die Möglichkeit hat, unmittelbar mit seinem Gegenüber zu interagieren, egal wie abstrakt die Realität ist, die man auf einer Bühne hat“. Diese Interaktion sei das Kapital, aus dem man etwas machen könne. „Es ist aber nicht so, als würde das Theater den Zuschauer direkt verändern, es kann jedoch einen neuen Gedanken ins Spiel bringen“.

Bereits Brecht habe versucht, das Publikum zu einer politischen Haltung zu erziehen, merkte Kohn an. „Der Zuschauer wird nicht vom Schriftsteller verändert, sondern von der Figur und der Geschichte. Eine Geschichte hat eine immense Auswirkung darauf, wie wir die Welt sehen. Wenn sie gut erzählt wird, ändert sie unsere Perspektive auf die Welt“, war er sich sicher. Helminger sah jedoch einen klaren Unterschied zwischen der Parallelwelt, die in einem Roman geschaffen wird, und dem, was auf der Bühne passiert: „Wenn ich einen Roman lese, trete ich in eine andere Welt ein. Im Theater ist das anders, es ist eine Art Verlängerung zur eigenen Welt, eine Szene aus der Unmittelbarkeit, die für mich deshalb auch eine größere Wirkung haben kann. Auch wenn mich die Figur affiziert, bin im Endeffekt noch immer ich es, der seine Perspektive ändert. Das läuft über die Reflexion; ob ich mir tatsächlich Gedanken darüber mache und daraus ein Fazit ziehe“.

Neue Perspektiven bieten

„Ein Mechaniker kann uns etwas über Autos erzählen, ein Koch übers Essen, warum sollte uns ein Schriftsteller etwas über Politik erzählen können?“, fragte Conter in die Runde. „Wenn ich schreibe, bin ich ja nicht einfach nur ein Autor, losgekoppelt vom Bürger, vom Alltag“, meinte daraufhin Helminger, „und wenn ich das Gefühl habe, dass etwas schiefläuft, dann thematisiere ich es“. Europa sei aktuell ein interessantes Thema. „Dazu gehört natürlich auch einiges an Recherche, während der man letztlich eine eigene Position entwickelt. Diese darf man ruhig nach außen tragen, vor allem weil man eben nicht von Restriktionen flankiert ist und nicht von Leuten, die innerhalb einer Partei agieren und eine gewisse Linie vertreten müssen. Das müssen wir als Autoren ja nicht“, bemerkte er. „Wenn mir ein Mechaniker etwas über Europa erzählt, habe ich eine neue Perspektive. Genau das ist unsere Aufgabe: neue Perspektiven bieten, die außerhalb der medialen Diskussion stehen“, fügte Kohn hinzu

„Was kann Theater denn, was andere Medien nicht in der gleichen Form können?“, wollte Conter als Moderator wissen. „Theater, unabhängig von der Form, hat immer einen Mehrwert, den kein anderes Medium bringen kann“, war für die einzige Frau in der Runde klar. Daran knüpfte auch Helminger an: „Der Mehrwert der Kunst oder Literatur ist, dass man Themen eben nicht innerhalb von 30 Sekunden abhandeln muss, wie dies in den Nachrichten passiert. In einem Stück über Migration kann der Zuschauer Individuen anderthalb Stunden begleiten. In der Berichterstattung wird dagegen häufig abstrahiert. Flüchtlinge sind dann nichts weiter als eine abstrakte Masse, die einen dementsprechend auch nicht ergreift. Wenn ich aber eine einzelne Person habe, die im Mittelmeer treibt, und sie eine Stunde lang erlebe, bevor sie ertrinkt, ist die Situation anders. Wenn ich durch etwas affiziert werde, ist meine Bereitschaft, darüber nachzudenken, einfach größer“.

Sprachlich-ästhetische Macht

Nicht zu unterschätzen sei auch die sprachlich-ästhetische Komponente, die ihre Wirkung kaum verfehle. „Um zum Nachdenken anzuregen, braucht es nicht immer eine Geschichte. Elfriede Jelinek erzählt in ihren letzten Stücken zum Beispiel wenig Geschichten, teilweise sind sie aber wegen der Sprache und der Inszenierung trotzdem von einer immensen Wucht“, sinnierte er.

EU-Pessimismus und Begriffsproblematik

Im Laufe der Debatte schwang unterdessen auch eine gewisse Europaskepsis oder ein EU-Pessimismus mit. „Wir sind in der EU an einem Punkt angelangt, wo wir kleiner werden. Es fühlt sich an wie eine Bewegung, die man nicht mehr stoppen kann“, sagte Kohn. Dem widersprach Larisa Faber: „Dieses Gefühl, dass die EU dabei ist, zu zerbrechen, hängt aber auch vom Blickpunkt ab. Nimmt man etwa Länder wie Moldawien ändert der Blickwinkel. Dort gibt es noch immer diesen ganz starken Drang, dazuzugehören. Der Diskurs in Europa ist momentan zu sehr mit negativen Beispielen konnotiert, dabei sind all die rezenten Errungenschaften doch extrem“.

An etwas störte sich die Schauspielerin und Autorin aber, nämlich an dem Umstand, dass das Wort „Europa“ meist stellvertretend für die Europäische Union benutzt und außerdem zu sehr von Westeuropa an sich gerissen werde. „Europa ist viel mehr. Dazu gehören auch Länder wie Albanien. Was bedeutet es also, wenn wir von uns als ,wir Europäer‘ reden? Doch wohl eher ,wir Westeuropäer‘. Wenn Politiker Europa als Metapher für Westeuropa benutzen, fördert das nicht unbedingt den Zusammenhalt zwischen Ost und West. Noch dazu wird deutlich, wer dazugehört und wer nicht“, ereiferte sie sich. „Wir Autoren sind Leute, die mit Wörtern arbeiten, deshalb ist die Art und Weise, wie wir sie benutzen, auch umso wichtiger“, gab sie schließlich allen an diesem Abend mit auf den Weg.