STUTTGART
PATRICK WELTER

Die Zukunft des Van: Verteilerverkehr und gewerbliche Nutzung werden sich drastisch ändern

„Megatrends“, „Urbanisation“, Digitalisation“, „The Last Mile“, „Internet of things“, „from Manufacturer to Provider“, „Start-up“, „B2Bconnectivity Solutions“ - die Schlagworte jagen sich. Geht’s bei dieser Konferenz, zu der Verkehrsjournalisten aus aller Welt nach Stuttgart gekommen sind, eigentlich noch um Autos? Nach einem Tag intensiven Beschusses mit einem Einführungsreferat zum Thema Zukunft, Überlegungen zur strategischen Ausrichtung der Van-Division von Mercedes-Benz und acht oder neun Workshops, alles in höchst unterschiedlichem Englisch präsentiert, kommt man zur Erkenntnis: Am Rande schon. Zum Schluss der Veranstaltung wird sogar noch ein neues, aber völlig anderes Auto vorgestellt.

Was vor wenigen Jahren noch „Die Zukunft des Transporters“ geheißen hätte und sich mit Antrieben, Motorstärken und Aufbauten beschäftigt hätte, hieß jetzt „Van Innovation Campus 2016“. Um gute alte analoge Technik ging es nur noch am Rande. Digitalisierung und, direkt damit verbunden, die Änderung der Unternehmenskultur nahmen breiten Raum ein.

In fünf Jahren ein anderes Unternehmen

Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans, stellte die etwas unerwartete Behauptung auf: „In fünf Jahren sind wir (soll heißen: die Van-Division) ein völlig anderes Unternehmen! Wir werden vom Hersteller zum Provider.“ Anhand der vorgestellten Erfolgszahlen des letzten und des laufenden Jahres hat das Unternehmen das eigentlich nicht nötig. Mercedes liegt bei den Vans ganz vorne.

Was steckt also dahinter? Mornhinweg erläutert es: Der Transporter-Markt stellt sich insbesondere für den Verteilerverkehr auf die beiden Megatrends Urbanisierung und Digitalisierung ein, dazu zählt auch der eCommerce. Der Handel via Internet wächst rasant, 2020 wird mit einem Aufkommen von 38,5 Milliarden Paketsendungen gerechnet. Unternehmen wie Amazon und Alibaba wollen die Lieferung am selben Tag zum Standard machen. Dies verlangt nach kleineren Radien der Auslieferungsgebiete rund um die Verteilcenter und einen möglichst effizienten Einsatz der Verteilerfahrzeuge. Oder könnte man sogar beides miteinander kombinieren und den Van selbst zum Hub der Auslieferung machen?

Was ist mit Unternehmen deren Auslastung sehr schwankt? Schlappe Nachfrage im August, aber verzehnfachter Kundenansturm kurz vor Weihnachten. Die Antwort von Volker Mornhinweg: „Pay per use“. Das Unternehmen muss keine große Fahrzeugflotte vorhalten, es kann sich mit einem Minimalbestand von wenigen Fahrzeugen bescheiden und in Spitzenzeiten genau die Anzahl von Transportern die es braucht von Mercedes-Benz Vans dazu mieten, genauso kann er auch von ihm nur selten benötigte Spezialfahrzeuge, etwa einen Kühltransporter, anmieten. Das geht sogar in kleinerem Rahmen mit einem System, das analog zum Daimler-Carsharingsystem „Car2go“ funktioniert.

Startups als Partner

Für ein Unternehmen, das auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblickt und als Weltfirma flexibel wie ein Supertanker ist, bedeuten diese Überlegungen eine ziemliche Herausforderung. Also hat man das Beste zweier Welten zusammengefasst, um neue Wege zu beschreiten. In so genannten Kreativitäts-Hubs in Stuttgart, Berlin und im Silicon Valley arbeiten erfahrene Mercedes-Mitarbeiter mit jungen Startups zusammen oder man gründet wie in Kalifornien gleich eigene Startups.

Die verflixte letzte Meile

Dort hat ein sehr junges Team von Männer und Frauen sich mit der keineswegs simplen Frage beschäftigt, wie belade ich einen Pakettransporter (UPS,DHL, FedEx) so effizient, dass der Fahrer bei Ankunft an der Lieferadresse nicht lange nach dem richtigen Päckchen suchen muss. Die Antwort: Päckchen, Regalsystem und Fahrzeugnavigation kommunizieren miteinander. Wenn der Fahrer anhält und den Laderaum öffnet, blinkt das Fach mit dem für diese Adresse bestimmten Paket. Die Effizienzsteigerung soll bei rund 35 Prozent liegen. Das „Cargo Sensor System“ muss jetzt noch in die Praxiserprobung gehen.

Schraubennachschub über Nacht

In Deutschland wird ein anderes System schon in der Praxis erprobt - der „Mobile Material Service“. Gemeinsam mit den Herstellern von Einbausystemen für Werkstatt-Vans und einem der größten Lieferanten für Bautechnik und Praktikern der Bauwirtschaft läuft die Erprobung. Beispiel: Wenn ein Techniker mit seinem Wagen auf einer Baustelle unterwegs ist, signalisiert ihm ein „Near Field Communication Tag“ irgendwann, dass das Fach mit den 10er-Dübel bald leer ist. Der Techniker überprüft die Angabe des Systems kurz per Augenschein und leitet die Information gleich per App weiter an den Dübel-Hersteller. Dieser schickt in der Nacht seinen Fahrer los, der den Servicewagen mit den fehlenden Dübeln per GPS-Ortung lokalisieren kann. Vor Ort wird er dann dieses Fahrzeug per Smartphone öffnen und die benötigten Dübel direkt ins Auto liefern. Am nächsten Morgen kann der Servicetechniker ohne Zeitverzögerung sofort mit seinem Vito zur nächsten Baustelle starten. Die Zeiten des „Ich muss noch ein paar Dübel besorgen“ sind damit vorbei.

Hilfe aus der Luft

Aus der Vielzahl der Workshops sei noch einer herausgegriffen: „Vans and Drones“ . Auf einer abgelegenen Baustelle zerbricht eine spezielle Diamantscheibe, die Arbeit mit dem Trennschleifer muss aber unbedingt vorangehen. Der Weg zum Ersatzteillager würde eine Strecke von 20 Kilometern hin und 20 Kilometern zurück bedeuten. Zuviel Zeitverlust. Die von Mercedes und dem Startup Matternet entwickelte Lösung sieht so aus: Der Arbeiter vor Ort sendet eine Anfrage per App an den Ersatzteilhändler, dieser bestückt eine Matternet-Drohne mit dem gewünschten Material. Der voll vernetzte Mercedes-Vito kommuniziert via Cloud mit der Drohne und führt sie zu seinem Standort. Das Dach des Transporters ist werksseitig als Landefläche für Drohnen vorbereitet, so dass die Drohne exakt auf dem vorbestimmten Platz landet, das Paket ablegt und wieder abhebt. Die Arbeit kann weitergehen. Das System lässt sich auch bei Ambulanz- und Rettungsfahrzeugen für spezielle Medikamente oder Instrumente anwenden.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Van und Robotern befindet sich in Vorbereitung. Ebenso automatisierte Ladesysteme für Vans, die einen Mittelgang für das Beladen überflüssig machen.

Wie sich Mercedes-Benz den Van der Zukunft vorstellt, konnten alle Kongressteilnehmer beim Abschluss der Veranstaltung erleben. Mehr dazu auf Seite 31 im Wirtschaftsteil dieser Ausgabe.