MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Als ihr Mann in Japan ins Gefängnis kam, trat Carole Ghosn ins Rampenlicht - Wer ist sie?

Carole Ghosn, Libanesin, 53 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, ist die zweite Ehefrau von Carlos Ghosn. Als ihr Mann in Japan verhaftet wurde, wechselte sie die Rollen. Aus der „Frau an seiner Seite“ wurde die Kämpferin für ihren Mann, die die Öffentlichkeit mobilisierte, letztlich aber doch zuschauen musste, wie Carlos Ghosn über ein Jahr mit der japanischen Justiz kämpfte und dann aus Japan flüchtete. Ghosn nennt seine Frau „die Löwin“, die Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt habe, um ihn frei zu bekommen. Gleich zu Beginn seiner Pressekonferenz eine Woche nach seiner spektakulären Flucht aus Japan stellt er sie in den Vordergrund. Am Vorabend der Pressekonferenz hat die Staatsanwaltschaft in Tokio einen Suchbefehl nach ihr über Interpol gestartet. Der Grund: Sie soll acht Monate zuvor Falschaussagen bei einer Befragung gemacht haben. „Dazu haben sie acht Monate gebraucht“, sagt Ghosn. Es sind zwei Gesten der Eheleute, die zeigen, wie eng der Ex-Chef der Allianz Renault Nissan und seine Frau Carole miteinander verbunden sind. Eine Umarmung vor der Pressekonferenz und ein kleiner Kuss auf die Stirn seiner Frau danach.

Carole Ghosn ist die zweite Ehefrau des Ex-Renault Chefs. Sie selbst ist ebenfalls geschieden, hat aus ihrer ersten Ehe zwei Söhne und eine Tochter, Daniel, Anthony und Tara. Anthony arbeitet für die Boston Consulting Group in New York, Daniel für die Bank Morgan Stanley in New York, Tochter Tara hat 2017 ihr Studium begonnen. Carlos verehrt Carole. Sie hat das Leben ihres Mannes verändert. Carlos Ghosn, der sich zuvor nur wenig in der Öffentlichkeit zeigte, lässt sich nun mit seiner Frau bei offiziellen Anlässen sehen, steigt während der Filmfestspiele in Cannes auch die Stufen mit ihr an seiner Seite empor. Renault ist Sponsor der Filmfestspiele. Oder er zeigt sich in New York bei Art Festivals mit ihr.

Umzüge und Internate

Carole Nahas wird 1966 in Beirut geboren und erlebt bereits eine bewegte Jugend. Ihr Vater stirbt, als sie sechs Jahre alt ist. Ihre Mutter ist eine gefragte Innenarchitektin, reist durch die arabischen Länder, um Paläste einzurichten, berichtet eine libanesische Journalistin. Ihre Tochter und ihren Sohn nimmt sie mit. Carole Nahas verbringt viel Zeit in Internaten, soll unbestätigten Meldungen zeitweise auch in Deutschland in einem Internat gewesen sei. Ihre Mutter heiratet ein zweites Mal, als sie 14 Jahre alt ist. Es entstehen turbulente Jahre, weil die pubertäre Jugendliche sich nicht mit ihren Stiefvater versteht. Nach der Schulausbildung studiert Carole Zahnmedizin, einen Beruf, den sie nie ausübt.

In New York trifft sie den libanesischen Bankier Marwan Marshi, heiratet ihn und bekommt mit ihm drei Kinder. Sie erhält hier ihren US-Pass, der Jahre später ihre Rettung sein soll. Ihre Kinder gehen in die französische Schule in New York, eine Elite Schule.

Carlos Ghosn ist zu diesem Zeitpunkt verheiratet mit seiner Frau Rita Khordahi. Das Paar hat vier Kinder, Caroline, Anthony, Maya, Nadine. Er ist für den französischen Reifenproduzenten Michelin verantwortlich für Nordamerika. Bei einem Empfang in New York sieht Carole Marshi den Libanesen brasilianischer Abstammung, der zudem noch einen französischen Pass besitzt. Sie zaudert nicht, sondern geht direkt auf ihn zu und sagt ihm, dass sie ihn kennen lernen möchte. Es entwickelt sich eine Beziehung, die 2013, als Ghosn in Tokio arbeitet, öffentlich wird. Es kommt zur Scheidung. Carlos und Carole heiraten 2016 in Versailles mit einem großen Fest, das von der französischen Presse ausgeschlachtet wird. Ghosn zahlt später 50.000 Euro an die Schlossverwaltung.

Die Staatsanwaltschaft in Tokio wird Carole Ghosn später vorwerfen, Zahlungen an Rita Ghosn geleistet zu haben, um ihr Schweigen zu erkaufen. „Falsch“, antwortet diese. Sie habe die zwischen Carlos und Rita vereinbarten Zahlungen geleistet, weil ihr Mann wegen des Gefängnisaufenthaltes sie nicht habe leisten können. Als Carole Ghosn am 19. November 2018 von ihren Söhnen erfährt, dass ihr Mann in Tokio verhaftet worden ist, ändert sich von einem Moment auf den anderen ihr Leben. Als Jugendliche hat sie ihren Charakter in Auseinandersetzungen mit ihrem Stiefvater geformt. Jetzt kämpft sie.

Anders als in New York, als sie Carlos Ghosn direkt anging, bleibt sie zunächst sehr diskret, wartet die Entwicklung ab. Dann geht sie an die Öffentlichkeit. Nach Weihnachten 2018 schreibt sie einen neunseitigen Brief an die Nichtregierungsorganisation (ONG) „Human Rights Watch“ und erklärt die rüden Haftbedingungen für ihren Mann. Es gebe immer Licht, er schlafe auf einer Bodenmatte . Der Staatsanwalt verhöre ihn, wann immer er wolle und dränge zu Geständnissen.

Sie gibt Interviews an die Sonntagszeitung „JDD“ und die Illustrierte „Paris Match“, wendet sich um Hilfe an Frankreichs Staatspräsidenten. Sie stellt das japanische Justizsystem und auch die Haftbedingungen für ihren Mann in Frage. International trifft sie damit einen Nerv, denn Japan wird seit langem für sein Justizsystem kritisiert.

Die Staatsanwaltschaft in Tokio zeigt sich hilflos und schiebt als Antwort immer neue Vorwürfe nach. Diesen Kulturschock kennt sie nicht. In Japan geht man nicht an die Öffentlichkeit, wenn man verhaftet wurde. Man gibt keine Interviews, gibt keine Pressekonferenz, wendet sich nicht an ausländische Staatsmänner. Denn bei Emmanuel Macron belässt sie es nicht. Carole Ghosn wendet sich auch an US Präsident Donald Trump.

Als sie in Gesprächen mit der japanischen Polizei merkt, dass sie unter Verdacht gestellt werden soll, als Geldschleuserin gearbeitet zu haben, verlässt sie Tokio. Es ist das einzige Mal, dass Frankreich offiziell Unterstützung gewährt. Frau Ghosn, die ihren libanesischen Pass abgeben musste, die amerikanische Staatsbürgerin ist, wird vom französischen Botschafter „als diplomatisches Gepäck“ zu ihrem Flugzeug begleitet. Ansonsten aber lässt Frankreich den einstmals mächtigsten Automobilmanager der Welt, der Renault in eine Welt-Allianz geführt hatte, wie eine heiße Kartoffel fallen.

Carole Ghosn hatte Macron in einem Brief um Unterstützung gebeten. Es kommen eine freundliche Antwort und ein klare öffentliche Stellungnahme: „Es gilt die Unschuldsvermutung für Carlos Ghosn“, erklärt Staatspräsident Emmanuel Macron, der als Wirtschaftsminister den Charakter des Ex-Renault Chefs kennen lernte. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy stattet Carlos Ghosn bei einem Japan Aufenthalt einen Besuch ab. Als Carole Ghosn die Unterstützung von Renault einfordert, wird sie ihr verweigert. „Ehemalige Mitarbeiter meines Mannes haben mir gesagt, dass sie nicht mit mir reden dürfen“, erzählt sie in einem Gespräch mit dem Fernsehsender France 5. Renault führt im Gegenteil eigene Ermittlungen zur Geschäftsführung von Ghosn durch.

Ganz ohne Erfolg ist die Löwin aber auch nicht. Zwischenzeitlich sickert durch, dass Staatspräsident Macron bei Treffen mit seinen japanischen „Kollegen“, darauf verwiesen haben soll, dass die Haftbedingungen nicht das sind, was man sich in Frankreich unter Haft vorstellt. Und dem japanischen Ministerpräsidenten Abe wird die Bemerkung zugeschrieben, dass er es vorgezogen hätte, wenn Nissan das Problem intern gelöst hätte.

Die Situation bleibt verfahren. Bis eines Abends in Beirut das Telefon klingelt und eine Stimme sagt, dass es eine gute Nachricht gebe. Sie habe gut fünf Minuten in den Armen ihres Mannes gelegen bevor es ihr möglich gewesen sei, auch nur einen Ton herauszubringen, erzählt sie später auf der Pressekonferenz, die Ghosn mit einem Dank an seine Frau Carole beginnt.

In der vergangenen Woche hat die japanische Justiz Haftbefehl wegen Flucht gegen Ghosn und seine Komplizen erlassen, mit Luca de Meo steht sein Nachfolger bei Renault fest. In dieser Woche erscheint ein Buch zu Ghosn. Irgendwie hat die Löwin am Ende doch gewonnen.
Nach einigen Wochen der Nachrichtenpause tritt der Ex-Renault Chef Carlos Ghosn wieder in das Rampenlicht. Der Fernseh-Nachrichtensender BFMTV widmete ihm am vergangenen Samstag ein langes Porträt. Am 6. Februar erscheint ein Buch unter dem Titel „Le Fugitif“ (Der Flüchtige) über Ghosn. Das „Journal“ hat es vorab angelesen.

Die beiden Autoren Régis Arnaud und Yann Rousseau sind Korrespondenten für französische Medien in Tokio. Beide haben Ghosn bei seiner Sanierung von Nissan und dem Aufstieg und Fall Japan begleitet. Rousseau gehörte zu den ersten, die Carlos Ghosn im Gefängnis gesprochen haben. „Le Fugitif“ ist im Stil eines Kriminalromans geschrieben, in knappen Sätzen. Hier schreiben zwei, die Japan sehr gut kennen, und die ihre journalistische Distanz zu dem Land haben. Sie beschreiben, wie innerhalb kurzer Zeit aus dem Welt-Manager eine Nummer in einem Gefängnis wird, der in einem Zellenblock eingesperrt ist, in dem Schwerverbrecher der japanischen Mafia, Mörder, zum Tode Verurteilte in ihren sechs Quadratmeter großen Zellen nebeneinander leben, wo immer Neonlicht brennt, wo man auf dem Boden auf dem Rücken schlafen muss, damit die Überwachungskameras den Gefangenen jederzeit verfolgen können. Das lesenswerte Buch führt in eine Welt, die abseits seiner Vorstellung von Japan liegt.

Regis Arnaud/Yann Rousseau: Le Fugitif, Editions Stock, 263 Seiten, 19,50 Euro