LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Julie Kohlmann und Élodie Baudin gehen bei Wüstenrallye an ihre Grenzen

Mehr als 2.500 Kilometer im Auto und sechs Etappen in neun Tagen. Das Ganze über Dünen der westlichen Sahara und durch ausgetrocknete Flussbette: Für Julie Kohlmann wird es das vierte Mal, dass sie Wüstendünen rauf- und wieder runterfährt. Die 33-Jährige tritt bei der „Rallye Aïcha des Gazelles“, bei der nur Frauen teilnehmen, an.

Gestern Abend haben Kohlmann und ihre Copilotin Élodie Baudin ihren Rennwagen vorgestellt: Sie werden in einem Land Rover Defender unterwegs sein. „Die Rallye ist für Autos sehr anspruchsvoll und brutal, da braucht es gute Radaufhängungen und Stoßdämpfer.“ Gut, dass Kohlmann diesen Autotyp „in- und auswendig“ kennt. Ihren Wagen bekommen Kohlmann und Baudin über Sponsoren, für das farbige Design sorgte die Künstlerin Claire-Lise Backes.

Sechs Etappen ohne GPS

Bei der „Rallye Aïcha des Gazelles“ geht es nicht um Zeit, sondern um den niedrigsten Tachostand: Wer den Weg zwischen Start und Ziel, ohne große Umwege, auf möglichst gerader Linie zurücklegt, schneidet am Ende am besten ab. Das Besondere an der Fahrt durch die Wüste: Die Teams dürfen kein GPS benutzen, sondern müssen sich mittels Kompass und Karte orientieren, Mobiltelefone und Ferngläser zieht die Rennleitung ein.

„Diese Rallye ist immer schwierig, sie basiert auf Strategie und Orientierungsvermögen in der Natur“, berichtet die luxemburgische Bankerin von ihren vergangenen drei Erfahrungen bei dieser Rallye. Während der sechs Etappen gilt es vor allem zwei große Herausforderungen zu meistern. Da wäre zum einen die Navigation, welche der Beifahrer übernimmt. Während der Fahrer Sanddünen überquert oder Bäumen oder großen Steinen ausweicht, muss er sich auf die Navigationskünste seines Teammitgliedes verlassen können. „Der Fahrer schaut nur direkt vor sich auf den Weg, um Hindernissen auszuweichen.“ Also keine Zeit für Träumereien in der außergewöhnlichen Wüstenlandschaft.

Keine Zeit für Landschaft

Bei dem diesjährigen Rennen wird Kohlmann zum ersten Mal mit Élodie Baudin an den Start gehen. „Sie hat einen sehr guten Sinn für Strategie und Orientierung, außerdem kennt sie sich gut mit Mechanik aus“, sagt Kohlmann über die 34-jährige Managerin aus Lyon. Auch das ist bei der Rallye gefragt, denn wer technische Hilfe anfragen muss, riskiert eine schlechtere Platzierung. „Man muss autonom sein, technische oder mechanische Probleme müssen wir selbst lösen, wir sind ein bisschen die MacGyver der Wüste“, erzählt Kohlmann.

Angesichts der körperlichen Belastung und den sehr langen Renntage in der Wüste ist eine gute Vorbereitung nicht nur notwendig, sondern entscheidend für das Gelingen der Aktion. Also haben die beiden Frauen schon vor Monaten mit einem umfassenden körperlichen Training begonnen. Dazu gehört Cardiotraining für eine gute Kondition und Muskeltraining, vor allem für den Rücken, denn gerade der ist bei der Rallye ziemlich beansprucht. „Man sitzt zwölf oder 14 Stunden im Auto, da muss der Rücken muskulös sein“, sagt Kohlmann. Mentale Vorbereitung ist aber genauso wichtig. „Man muss ein Kämpfer sein, es ist ein körperlich und intellektuell sehr hartes Rennen.“

Startschuss am Mittwoch

Durchhalten ist alles: Aufgestanden wird um 4.00, um 5.30 - mit dem Sonnenaufgang - fällt schon der Startschuss. Dann gilt es, keine Zeit zu verlieren, denn ab 17.30 dämmert es und ab 19.30 ist es stockdunkel. Unmöglich, sich dann zu orientieren und den Weg zum Ziel zu finden. „Mit dem vierten Tag wird es sehr hart, wenn man mental nicht vorbereitet ist“, weiß Kohlmann. Ihre bisher beste Platzierung war ein fünfter Rang. Diesmal will sie es natürlich besser machen, aber angesichts der vielen Unwägbarkeiten ist sie auch mit einem Rang unter den besten zehn oder besten 20 Teams sehr zufrieden.

Heute geht es Richtung Montélimar, am Freitag nach Nizza. Dort fällt am Samstag der Startschuss, danach steht der Transfer nach Marokko an, wo das Rennen am Mittwoch mit dem Prolog eingeläutet wird. Angesichts zwei Marathon-etappen über zwei Tage werden die Frauen neun Tage in der Wüste unterwegs sein - am 31. März fahren sie in Essaouira ins Ziel ein. Ein Preisgeld winkt am Ende nicht: Mit den Einnahmen der Rallye werden Ärzte finanziert, die Nomaden und Bewohner abgelegener Dörfer im Süden Marokkos versorgen.