COLETTE MART

Als „Geliebte auf Zeit“ beschreibt der ehemalige Chefredakteur des „Stern“ Michael Jürgs in seinem Buch „Der Tag danach“ die politische Macht.

Durch Interviews mit bekannten deutschen Politikern, die die Macht verloren, wie zum Beispiel Rudolf Scharping, Björn Engholm oder Norbert Blüm fand er heraus, dass jene, die den Verlust der Macht am besten verkraften konnten, diesen von Anfang an mit einberechnet hatten. Es handelt sich hier also um jene, die zu keinem Moment vergessen haben, dass „die Macht eine Geliebte auf Zeit ist.“ Jürgs tiefgründige Überlegungen drängen sich unweigerlich auf, wenn man derzeit die Luxemburger Zeitungen durchblättert, in denen sich allmählich die anstehenden Parlamentswahlen in den Mittelpunkt der Aktualität hissen. Die Sehnsucht nach der Macht, sowie jene, an der Macht zu bleiben, machen sich in den meisten Parteien bemerkbar, und mehrere Politiker haben den Posten des Staatsministers fest im Visier.

Das Rennen um den Rang des Premiers etwa verspricht also durchaus spannend zu werden, dies umso mehr, da sich die voraussichtlichen Spitzenkandidaten der großen Parteien mit zusätzlicher Konkurrenz aus den eigenen Reihen befassen müssen. Claude Wiseler, Xavier Bettel und Etienne Schneider müssen sich demgemäß damit abfinden, dass noch mehrere andere beliebte Politiker in der ersten Reihe mitspielen wollen und werden, dass wir demgemäß Überraschungen zu erwarten haben, und dass ein jeder Politiker, der ins Rennen geht, auch eventuell eine Position, ein Mandat, einen Beliebtheitsgrad, oder die Macht einbüßen könnte. Wenn die Karten für ein neues Parlament neu gemischt werden und danach eine neue Regierung zustande kommt, wird es Gewinner und Verlierer geben, und alle Kandidaten sollten sich ab jetzt mit einer Wahlstrategie, aber genauso mit einem eventuellen Verlust der Macht oder eines Mandats auseinandersetzen. Der Verlust eines Minister- oder Abgeordnetenpostens wird die Betroffenen dazu zwingen, ihr Leben, ihre Zukunft neu zu überdenken. Intelligente und kreative Politiker können sich immer noch konstruktiv in der Gesellschaft einbringen, auch außerhalb des politischen Geschehens. Interessante Beispiele hierfür sind die ehemalige Ministerin, Abgeordnete und anschließende Präsidentin des hauptstädtischen „Office Social“ Colette Flesch, sowie die ehemalige Ministerin und Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs.

Ein Politiker kann während seines Mandates zahlreiche Menschen kennenlernen, Kontakte knüpfen, Erfahrung und Wissen ansammeln, seine Ideen einbringen. Ist es ihm um seine Anliegen ehrlich gemeint, geht es ihm schlussendlich um den gesellschaftlichen Fortschritt und nicht nur um Image und Machtposition, wird er den Verlust der Macht verkraften, und sein Engagement auf anderen Ebenen und in anderen gesellschaftlichen Bereichen umsetzen. Jene politischen Mandatsträger, die sich jetzt für die Parlamentswahlen im Oktober aufstellen lassen, werden darauf aufgepasst haben, im Laufe der Ausübung der Macht nicht sich selbst verloren zu haben. Ansonsten ein Verlust der Macht unendlich schwer zu verkraften sein wird.