CLAUDE KARGER

„Was heute wohl los gewesen wäre, wenn 400 Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes im Mittelmeer ertrunken wären?“, fragte diese Woche auf Twitter eine deutsche Journalistin nach dem erneuten Flüchtlingsdrama im „Mare Nostrum“, dem europäischen Meer. Die Antwort lieferte sie gleich mit: „die Reporter würden aus allen Häfen des Mittelmeers live berichten, wir würden eine Sondersendung nach der anderen sehen, Europa würde Aufklärung fordern und Rechenschaft für die Verantwortlichen“. Nichts dergleichen in diesem Fall, „es war für die meisten von uns ein ganz normaler Tag“... Seit der Nahe Osten - und vor allem Syrien - brennt, sowie ein Teil Nordafrikas, seit die Krisen in anderen afrikanischen Ländern zunehmen - Kriege, Ebola, Terrorismus verschärfen die Armut dort noch um ein vielfaches - hat der Flüchtlingsstrom gen Europa sehr stark zugenommen.

Allein in der vergangenen Woche versuchten über 10.000 Menschen die EU auf dem Land- und auf dem Seeweg zu erreichen. Allein im vergangenen Jahr hat die Flüchtlingsbehörde der Vereinten Nationen fast 220.000 Migranten gezählt, die das Mittelmeer überqueren wollten - mindestens 3.500 von ihnen kamen dabei ums Leben. In diesem Jahr dürften bereits weit über 1.000 den nassen Tod gefunden haben, als das Boot kenterte, in dem sie zu einem hohen Preis - viele Flüchtlinge haben ihr ganzes Hab und Gut dafür ausgegeben - einen Platz ergattern konnten. Es ist eine unvergleichliche humanitäre Katastrophe, die sich hier seit Jahren abspielt und in ihrer Intensität noch zunehmen wird, falls es nicht in nächster Zukunft gelingt, Krisenherde zu löschen und Ländern zur politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung zu verhelfen. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn meinte dieser Tage in einem Referat, dass in den kommenden Monaten mindestens eine halbe Million Flüchtlinge zusätzlich versuchen wird, in die EU zu gelangen. In eine Union mit über 500 Millionen Einwohnern, die der Katastrophe scheinbar ratlos gegenüber steht. Statt einen gemeinsamen Noteinsatzplan zu entwerfen, wird vor allem gestritten. Darüber, wie die finanzielle Last der Migration verteilt wird. Darüber, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt. Ein Tauziehen darüber gab es noch immer. Doch mit den budgetären Problemen zahlreicher Staaten hat es sich noch verschärft. Verschärft hat sich im Zuge der Finanzkrise auch die politische Lage in manchen Ländern. Angesichts der zunehmenden Erfolge von rechtspopulistischen Parteien oder Gruppierungen in einem Klima der Unsicherheit zögern Regierungen, weitere Flüchtlinge aufzunehmen - umso mehr wenn es, wie in Deutschland, zu ungeheuerlichen Angriffen auf Asylbewerberheime kommt - und mehr Mittel für die Migrationspolitik aufzuwenden. Aber was steht in dieser Angelegenheit eigentlich oben? Es muss die Rettung von Menschenleben sein! Und nicht kurzfristige elektorale Interessen oder - zum Teil vorgeschobene - finanzielle Notlagen. Die EU will nun im Mai eine ausgedehnte Migrationsagenda diskutieren. Da die Mühlen der Union langsam mahlen, kann man nicht abwarten, bis die komplett steht. Schnellstmöglich muss ein Notfallplan her, ein Mare Nostrum II-Programm. Wo kann man dafür spenden? Vor allem aber braucht es eine unumstößliche Solidarität in der EU, um den Flüchtlingen zu helfen.