WALFERDINGEN
SAMUEL HAMEN

22. „Walfer Bicherdeeg“ zwischen Flohmarkt und Verlagstreffpunkt - Kommt eine Neuausrichtung?

Das Thema der „Walfer Bicherdeeg“ lautete in diesem Jahr „Nei Welten“. Mit einer Eröffnungsfeier am Samstagmorgen wurde die 22. Ausgabe der „Bicherdeeg“ begangen. Als Gastredner war Paul Lesch geladen, der seit zehn Monaten dem „Centre national de l’audiovisuel“, kurz CNA, als Direktor vorsteht. In seiner kurzweiligen Rede legte er das Archiv als Ort aus, an dem nicht bloß das Alte konserviert wird, sondern an dem auch das Überlieferte mithilfe neuer Technologien innovativ beleuchtet werden kann. Mit teils sehr frühen Einspielungen aus der Filmszene in Luxemburg rundete er seinen Beitrag ab.

2016 kommt die Messe zum ersten Mal seit 2003 ohne eine literarische Anthologie aus. Bezogen in der Vergangenheit noch Autoren wie Lex Jacoby, Claude Frisoni oder Josiane Kartheiser literarisch und essayistisch Stellung zum Thema des jeweiligen Jahres, so wurde diese Art der schriftstellerischen Begleitung und Rahmung dieses Jahr ad acta gelegt.

Einerseits ist diese Entscheidung verständlich: Die Resonanz in der Presse sowie unter der Leserschaft scheint sehr gering gewesen zu sein. Zusätzlich mögen die teilweise erschreckend schlechten Beiträge des letztjährigen Bandes („Quo vadis Europa?“) das Format weiter untergraben haben. Schade ist es trotzdem, war die Walfer Anthologie doch auch eine Publikationsform für weniger gestandene Autoren und Autorinnen.

Joëlle Elvinger, die Bürgermeisterin der Gemeinde Walferdingen, erinnerte in ihrer Begrüßungsrede daran, dass die „Bicherdeeg“ nicht ausschließlich als Literatur-, sondern auch und vor allem als Buchmesse zu verstehen seien. Dementsprechend würden auch die Bananenkisten des Bücherflohmarkts zur Veranstaltung dazugehören. Damit reagierte sie auf die Kritik, die seit Jahren seitens verschiedener Kulturakteure an die Buchmesse herangetragen wird. „Walfer“ bleibt dementsprechend auch 2016 eine Zwittermesse zwischen Flohmarkt und Verlagstreffpunkt.

Abkupfern beim großen Bruder?

Inwiefern diese Zweispurigkeit in Zukunft in der Form erhalten bleiben kann, scheint fraglich beziehungsweise fragwürdig. Vor wenigen Tagen hat Vesna Andonovic im „Luxemburger Wort“ nicht zu Unrecht Überlegungen zur Tragfähigkeit einer solchen Doppelausrichtung angestellt. Dass für die kommenden Ausgaben Anpassungen vorgenommen werden, die beiden Standpfeilern zugutekämen, wäre jedenfalls sinnvoll. Die Rede war unter anderem von einer Autorencouch für Interviews, nach dem Vorbild des „Blauen Sofas“ der Frankfurter Buchmesse. Und wenn wir schon von Frankfurt abkupfern: Denkbar wäre auch, dass die Kulturressorts der hiesigen Zeitungen mit kleinen Diskussionsrunden und Autorengesprächen Präsenz zeigen. Das wäre, um es im Jargon von Premier Xavier Bettel auszudrücken, eine „Win-win-Situation“.

Letzterer nahm am vergangenen Samstag in seiner Funktion als Kulturminister an der Eröffnung in Walferdingen teil. In seiner Rede ging er unter anderem auf die Wichtigkeit des Lesens ein, darauf, dass gerade heutzutage eine so faire wie respektvolle Kommunikation unerlässlich sei. Und Bücher würden uns dabei helfen, in einem solchen Miteinander zusammenzufinden. Ein hehrer Anspruch an das Buch als Kulturprodukt, der vor allem zeigt, wie durchsetzt von Krisen und Zweifeln unser Denken im Jahr 2016 ist. Nach dem Vortrag von Paul Lesch erklärte Joëlle Elvinger die „Bicherdeeg“ für eröffnet. Am Stand der neuaufgelegten „Cahiers luxembourgeois“ hatten die Herausgeber ein altes Werbebanner der „Cahiers“ von 1948 aufgehängt. Dort wurde die Revue als Organ der „élite luxembourgeoise“ angepriesen. 60 Jahre später liest sich derlei mit anderen Augen.

Buchbonzen und Buchgrabbler

Und das mulmige Gefühl, das einigen bei der Vokabel „Elite“ kommt, ist durchaus unseren Zeitumständen geschuldet. Im allerkleinsten Maßstab lässt sich das auch auf den „Bicherdeeg“ verfolgen. Es gibt nämlich durchaus Vorbehalte gegenüber der Halle 02, in der bis auf „capybarabooks“ alle wichtigen Verleger ihre Stände haben.

Dort die Buchbonzen und ihr Intellektualismus, hier die Buchgrabbler und ihre Lese- und Schnäppchenlust. Auch wenn zwischen beidem eher ein Klüftchen als ein Graben verläuft, so verweist diese Mentalität doch auf ein Strukturproblem der „Bicherdeeg“, das sich in den nächsten Jahren kaum von alleine lösen wird.

Wer hätte zuletzt gedacht, dass sich beim Rundgang nach der Eröffnungsfeier der Kulturminister Xavier Bettel und der Noch-Direktor des MUDAM, Enrico Lunghi, so nahe kämen? Was in der Realität zurzeit schlichtweg unmöglich scheint, ist am Stand von „Editions Phi“ in der Verlegerhalle wahr geworden. Lunghi hat gemeinsam mit dem Direktor der Kulturfabrik, Serge Basso de March, einen Krimi im Stil des „roman noir“ vorgelegt. Von einer überdimensionierten Leinwand herab beäugte ein Autorenporträt von Lunghi den vorbeiziehenden Tross rund um Bettel skeptisch. Was wohl passiert wäre, hätte Lunghi an diesem Morgen einen Signiertermin für sein neuestes Buch gehabt?