LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wie die Versicherung gegen eine Selbstständige vorgeht

Am 14. Januar 2017 kam eine Dame in einen Laden am Kapuzinerplatz in Luxemburg. Sie war nicht allein, sondern in Begleitung einer anderen Frau. Beide gaben gegenüber den Schneiderinnen an, sie wollten einen Maßanzug für eine Erstkommunion fertigen lassen.

Doch das war nur vorgeschoben. Tatsächlich wollten sie das Geschäft inspizieren. Denn sie waren für die „Association d’Assurance Accident“ (AAA) unterwegs. Die Damen waren vor Ort, weil die AAA die Besitzerin des Geschäfts, Eva Ferranti, des Betrugs verdächtigte. Konkret lautete der Verdacht, Ferranti wolle sich eine Invalidenrente erschleichen. Zu diesem Zeitpunkt läuft der Streit mit Luxemburgs bekanntester Schneiderin und der AAA schon eine ganze Weile. Seither ging es weiter. Ein Ende ist vorerst nicht abzusehen. Ferrantis Antrag wurde zwar in erster Instanz stattgegeben, aber erst in diesem Monat hat die AAA Berufung eingelegt. Wir blicken auf den Fall vor dem Hintergrund der Diskussion um Selbstständige und in Anbetracht bemerkenswerter Methoden.

Selbstständig und unabhängig

Ferranti hatte nach einer Schneiderausbildung 1999 ihre erste Boutique eröffnet, sich später mit ihrem eigenen Angebot an maßgeschneiderten Anzügen selbständig gemacht und 2011 eine Boutique in Genf eröffnet. In Bascharage hatte sie ein Atelier, in dem unter anderem Uniformen für die Luxemburger Polizei genäht wurden. Alles sieht zum damaligen Zeitpunkt gut aus, ihr Geschäft läuft, sie ist bekannt.

Doch im Dezember 2014 stürzt sie die Treppe in ihren Geschäftsräumen hinunter. Zunächst findet kein Arzt etwas, aber ihre rechte Hand wird steifer. „Ein Experte in Genf stellte eine verschobene Sehne und ein zerissenes Band fest“, erinnert sie sich. Ferranti wird 2015 operiert, entwickelt jedoch ein komplexes regionales Schmerzsyndrom sowie eine Nervenentzündung. In der Schweiz wird ihr ein Schleudertrauma attestiert, das in Luxemburg bestätigt wird. Ferranti kann ihre rechte Hand samt Unterarm mittlerweile kaum noch bewegen, hat Schwierigkeiten, sich zu erinnern, hält Kälte schlecht aus. 2016 schließt sie die Boutique in Genf. Der Streit mit der AAA dauert an.

Probleme mit dem Datenschutz

Aus einem Bericht geht hervor, dass ein AAA-Mitarbeiter im Januar 2017 bei der Luxair nachgefragt hat, wann und wie oft Ferranti nach Genf geflogen ist. Die Fluggesellschaft lehnte unter Hinweis auf geltendes Datenschutzrecht ab. „Ich hatte eine Ablehnung erwartet, aber wer nichts versucht, hat nichts…“, stellt die AAA in einem Bericht fest. Unter einem Vorwand lässt sie in der Boutique anrufen, um den Namen des Vermieters zu erfahren.

Schon damals steht für Ferranti fest: „Hier geht es gar nicht nur um mich. Ich bin selbstständig und sie wollen keinen Präzedenzfall schaffen. Deshalb möchten sie nicht, dass ich eine Invalidenrente erhalte. Aber warum habe ich dann all die Jahre Beiträge bezahlt?“ Derweil ist der Streit mit der AAA vorm „Conseil Arbitral de la Sécurité Sociale“ gelandet. Das Dossier von Ferranti umfasse über 2.000 Seiten, beschwert sich der Kontrollarzt der Caisse Nationale de Santé (CNS). „Die AAA hat mir nur 1.334 Seiten zur Verfügung gestellt. Wo sind die anderen?“, fragt sich Ferranti. Sie hat bald Gelegenheit, sich noch weiter zu wundern. Der gleiche Arzt, weder Neurologe noch Psychologe, stellt psychische Probleme bei Ferranti fest. Auf Bitte der AAA erstellt er eine schriftliche Kritik am Bericht des Experten und Arztes, den der Conseil Arbitral benannt hat. „Das ist nicht zulässig, denn hier kooperieren zwei Mitarbeiter von zwei verschiedenen Institutionen und die Unabhängigkeit ist nicht gegeben“, ärgert sich Jean-Jacques Schonckert, der Anwalt von Ferranti.

Doch der Kontrollarzt tut, was die AAA von ihm verlangt. Und die AAA, die vom „Conseil Arbitral“ eine Frist erhalten hat, um ihre Schlussfolgerungen einzureichen, überschreitet diese und kontaktiert einen Orthopäden der Universitätsklinik Straßburg. Das ist erstaunlich, denn dies wäre Sache der CNS. Noch verwunderlicher ist, dass dieser sich mit der Juristin der AAA austauscht. In einem verspätet eingereichten Bericht kommt der Straßburger Arzt gemeinsam mit einem Kollegen zum Schluss, dass die Schmerzen von Ferranti, die er einmal 2017 gesehen hat, auf psychologischen Problemen und einer schizoiden Persönlichkeit beruhten, die bereits seit 2014 vorhanden gewesen seien sollen. Sogar von Schizophrenie ist die Rede.

Rufschädigung und Auftragsverlust

„Ich hatte Schmerzen, aber diese wurden jetzt abgetan als Spinnerei, ich wurde öffentlich gedemütigt“, ärgert sich Ferranti. Die Leute tuschelten. Gleichzeitig wird ihr Drogenkonsum unterstellt. „Warum? Weil ich Tee mit Hanf trinke, den ich übrigens beim Cactus kaufe“, sagt Ferranti. Ihr Ruf wird demontiert. Sie verliert den Vertrag für die Polizeiuniformen und muss ihre Näherinnen in Bascharage entlassen. Auch ihr Geschäft kann sie nicht mehr wie vorher halten. Ferranti verbringt viel Zeit in Spanien, weil es dort auch im Winter warm ist.

Da viele ihrer treuen Kunden nicht wollen, dass ihr Atelier am Kapuzinertheater schließt, haben sie sich unter dem Namen „L’Atelier d’Eva“ als Kooperative zusammengeschlossen. „So wird mein Lebenswerk gerettet, die Marke Eva Ferranti bleibt und ein Teil meiner Mitarbeiterinnen behalten ihren Arbeitsplatz“, meint sie. Für Ferranti ist der Laden mehr als nur ein Business. „Es ist mein Baby, ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet.“

Berufung erstaunt Anwalt

Ihr Anwalt wundert sich, dass die AAA überhaupt Berufung eingelegt hat. „Minister Romain Schneider hat mir vor einem Zeugen versichert, dass es keine Berufung geben werde, wenn meine Mandantin in erster Instanz Recht erhält. Und doch haben sie das getan: Zwei Tage vor Ablauf der Frist!“, ärgert er sich. Für Schonckert ist es nicht nachvollziehbar, warum sich die AAA so auf Ferranti einschießt. „Deren einzige Strategie besteht jetzt noch darin, jeden niederzumachen. Die vom Gericht bestellten Gutachter, aber auch meine Mandantin“, kommentiert er kopfschüttelnd. „Argumente haben sie nicht.“

Eva Ferranti wurde mittlerweile an anderer Stelle gebraucht. Mitten in der Coronavirus-Krise kontaktiert ein Arzt der Hôpitaux Robert Schuman sie, weil er weiß, dass sie Leute in der Textil-Branche kennt. Er braucht dringend Schutzkleidung für das Klinikpersonal. Ferrantis Atelier in Bascharage stand zu diesem Zeitpunkt fast leer. Sie hilft mit Kontakten und Wissen, so dass industrielle Nähmaschinen, Näherinnen und Material besorgt werden können. Vor allem dank ihres Einsatzes entstehen heute täglich je 250 Schutzkittel für die Hôpitaux Robert Schuman und das CHL. Warum setzt sie sich noch so für Luxemburg ein, wenn sie gleichzeitig öffentlich gedemütigt wird? „Das ist mittlerweile ein sehr politisches Dossier. Viele andere Selbstständige haben mich darauf angesprochen, gerade auch vor dem Hintergrund der letzten Diskussionen“, erzählt sie. „Aber ich will den Leuten in Luxemburg helfen. Und ich gebe nicht auf. Nicht nach all den Jahren. Dennoch frage ich mich, wie das für Menschen ist, die nicht so viel Zuspruch erhalten wie ich. Für mich ist es hart und ich leide ganz schön unter der Situation.“ Jetzt hofft sie, dass eine endgültige Entscheidung nach all den Jahren zu ihren Gunsten ausfällt.