LUXEMBURG/SANKT GALLEN
CORDELIA CHATON

Zhu Qin, stellvertretender Generaldirektor der Europa-Abteilung des chinesischen Außenministeriums, über die wirtschaftliche Situation kleiner und mittlerer Unternehmen

China will sich öffnen und sucht mehr und mehr das Gespräch. Es ist ein wichtiger Handelspartner der EU und auch für Luxemburg wird das China-Geschäft wichtiger; durch den Renminbi aber auch durch die hier anwesenden Banken, die Touristen und chinesische Unternehmer, die Kontakte suchen. Zhu Qin, stellvertretender Generaldirektor der Europa-Abteilung des chinesischen Außenministeriums, erklärte auf dem Symposium Sankt Gallen seine Sicht der Dinge. Dieser Artikel beendet unsere fünfteilige Serie zum Symposium.

Wo steht China heute in seinem Verhältnis zu Europa?

Zhu Qin Die Europäische Union ist Chinas größter Handelspartner. Vergangenes Jahr stiegen die chinesischen Investitionen in Europa auf zehn Milliarden Dollar. Jeden Tag reisen 11.000 Menschen in beide Richtungen. Es gibt immer neue Flugstrecken, wie beispielsweise jetzt Peking-Budapest. Später wird noch Peking-Prag dazu kommen. Die Möglichkeiten für die Wirtschaft sind da. China will sich öffnen. Wir treten jetzt, nach über 30 Jahren, in einen neue Phase. Es wird mehr Möglichkeiten geben. Zwei Drittel der US-Unternehmen wollen ihr Geschäft in China ausbauen.

Wie zeigt sich die neue Öffnung?

Qin Wir hatten gerade die „Ein Gürtel, eine Straße“-Initiative der chinesischen Regierung. Die betrifft immerhin 4,4 Milliarden Menschen und wurde von mehr als 60 Ländern begrüßt. Der Außenminister Chinas ist sehr aktiv. Wir hoffen, dass wir durch diese wichtige Initiative Kooperationen weiter ausbauen.

Welche Rolle spielen die kleinen und mittleren Unternehmen?

Qin Den kleinen und mittleren Unternehmen kommt eine wachsende Bedeutung zu. Die rund 70 Millionen Unternehmen dieses Segments stehen für 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 80 Prozent der Arbeitsplätze in den Städten und 60 Prozent des Steueraufkommens. Die chinesische Regierung unterstützt diese Unternehmen sehr, sie sieht sie als Motoren. Es gibt auch viele neue Cafés, um Geschäftsverbindungen zu schaffen. Sie sind eine Art Inkubator. Anfang Mai hat unser Premierminister eines davon besucht, das jetzt ein für Touristen beliebter Ort geworden ist. Er will junge Leute ermutigen, Unternehmer zu werden.

Was sagen die Unternehmer selbst zu China als Gründungsland?

Qin Es gibt im Internet viele Diskussionen wegen Streamlining und der Verwaltung. Bei Formularen beispielsweise sollte man eine Kontaktperson vorfinden. Der Premier geht gegen die Bürokratie an. Ende 2014 gab es rund 537 zu verbessernde Punkte. Wir bieten Steuervorteile für Gründer. Das zeitigt Ergebnisse. Im ersten Quartal hatten wir ein Plus von 40 Prozent bei den Gründungen.

Wie will China angesichts seiner Größe kleine Einheiten fördern?

Qin Ich weiß, viele haben Wang (Xiaoning, chinesischer Dissident, der zehn Jahre in Haft war, weil Yahoo seine Äußerungen kolportiert hatte, Anm. d. Red.) zugehört. Bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen ist jeder Vorsprung zu klein, weil er durch 1,3 Milliarden geteilt wird, aber jeder Fehler riesig, weil er mit 1,3 Milliarden multipliziert wird. Wir sind eben ein großes Land. In diesem Jahr müssen wir 100 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Aber wir haben laut Weltbank auch 700.000 Menschen aus der Armut geholt. 2015 ist ein wichtiges Jahr, weil der zweite Weltkrieg 70 Jahre her ist und weil es auch das 70. Jubiläum der Gründung der UNO ist. China will mit allen zusammen arbeiten.

Welche Rolle spielt die Währung Renminbi?

Qin Wir haben viele bilaterale Abkommen. Sie sind ein Teil der finanziellen Kooperation. Wir hoffen, dass das internationale Finanzsystem ausgeglichener wird und dass es nicht mehr nur von einer Währung dominiert wird. Bislang akzeptieren über 40 Länder den Renminbi als internationale Währungsreserve, darunter auch Großbritannien. Es ist ein Signal, dass immer mehr Länder den Renminbi akzeptieren wollen.

Werden mehr chinesische Unternehmen in Europa investieren?

Qin Die Mittelschicht wächst und die kleinen und mittleren Unternehmen wachsen ebenfalls. Daher sind sie in der Lage, im Ausland zu investieren, auch in Europa. Die Fakten zeigen, dass chinesische Investitionen der Wirtschaft helfen. Wir begrüßen auch chinesische Investmentfonds, die in Europa investieren. In China stecken wir noch etwas in den Kinderschuhen, was das angeht.

Was ist mit der Asia Bank?

Qin Das soll eine internationale Bank mit hohen Standards sein. Da geht es nicht um einen maximalen chinesischen Einfluss. Bis Ende des Jahres sind wir hoffentlich fertig.


Wie steht die Europäische Union zu ihrer Strategie?

Qin Es wäre gut, wenn die Europäische Union sich besser koordinieren würde. Wir erhalten unterschiedliche Antworten auf ein und dieselbe Frage und sind dann irritiert. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Wie wollen Sie sich dem Markt öffnen, wenn weniger als zehn Prozent der Chinesen Englisch sprechen?

Qin Im Vergleich zu der Situation vor zwanzig Jahren ist das Niveau der englischen Sprache enorm. Ich weiß, dass in Indien der Level des Englischen sehr hoch ist. Aber wir holen auf.

Sie haben immer eine Niedrig-Lohn-Strategie verfolgt. Aber die ist nicht mehr haltbar.

Qin Die Arbeitskosten in China steigen rasch. Deshalb ziehen viele Produktionsstätten um. Das ist ein weiterer Grund für uns, die Wirtschaft auf ein hohes Fertigungsniveau zu bringen.