PATRICK WELTER

In weniger als 14 Tagen jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“, schon der erste Satz des Krieges enthielt zwei Lügen. Das erste Opfer eines Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Allerdings hat die Wahrheit auch keinen guten Stand, wenn alles vorbei ist.

Nach fünfeinhalb Jahren und Millionen von Todesopfern war das grausame Spiel vorüber und die Mörder waren tot, saßen in Gefangenschaft oder waren auf der Flucht. So zumindest die offizielle Fassung.

Da gab es einen Raketenforscher, genauer gesagt einen Experten für Fernwaffen, namens Wernher von Braun, der sich mit seinem ganzen Mitarbeiterstab und kistenweise Akten den Amerikanern stellte und mit Kusshand genommen wurde. Das Team machte da weiter, wo es aufgehört hatte: Mit dem Bau von V2-Raketen. Dass seine Raketen im Krieg von geschundenen Zwangsarbeitern gebaut wurden, wurde dem Ingenieur nicht angekreidet. So konnte er zum gefeierten Vater der Mond-Rakete Saturn V werden.

Die Bedeutung von Akten erkannte auch ein Generalmajor der deutschen Abwehr, der seine gesamten Akten fotografieren ließ und versteckte. Anschließend stellte er sich den Amerikanern. Allerdings kapierte erst der dritte oder vierte Vernehmungsoffizier, wen er da vor sich hatte: Reinhard Gehlen, Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost.“ In Zeiten des heraufziehenden Kalten Krieges ein Gottesgeschenk. Wieder ein Persilschein. Die „Organisation Gehlen“ war geboren, ab 1956 „Bundesnachrichtendienst“. Und was hat das mit uns zu tun? Diese völlig unstrittigen Fälle zeigen einfach, dass 1945 und später spezielles Fachwissen unabhängig von der Uniform gefragt war. Aber in Grenzen. Bis jetzt sah es so aus, dass die Männer, die real bis zu den Knien im Blut gestanden haben, beim Geschäft „Nachsicht gegen Wissen“ keine Chance hatten. Sie landeten auf den Nürnberger Anklagebänken und starben am Galgen (Ernst Kaltenbrunner, Otto Ohlendorf) oder konnten nach Südamerika (Adolf Eichmann, Josef Mengele) oder Syrien (Alois Brunner) entkommen.

Was jetzt ein Team des ZDF in frei gegebenen US-Akten entdeckt hat, lässt den Beobachter sprachlos zurück - falls die Akten die Realität 1945 wiedergeben. Dann hat der Erfinder der industriellen Tötung von Menschen und Organisator der unterirdischen Rüstungsfabriken mit zehntausenden Zwangsarbeitern den Krieg überlebt. Bis vor kurzem galt , dass Hans Kammler, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, vor allem Chef der SS-Bauabteilung, am 9. Mai 1945 bei Prag Selbstmord begangen hat. Genau wie Eichmann steht Kammler für die mittlere NS-Führungsebene die das Geschwätz des Führers in eine furchtbar effiziente Tötungsmaschine umsetzte.

Laut Recherchen des ZDF gibt es sechs (!) verschiedene Versionen von Kammlers Selbstmord. Was aber wichtiger ist, dass in nun freigegebenen US-Dokumenten Kammlers Name Monate nach seinem angeblichen Tod auftaucht, als zu vernehmende Person! Sollten die Recherchen der Historiker zutreffen, muss man sich fragen, warum einer der übelsten Schreibtischtäter - derjenige, der Eichmanns Ideen ins Praktische umsetzte - offenbar niemals vor einem öffentlichen Gericht gestanden hat!