LUXEMBURGPIERRE WELTER

Lucien Dislaire über das Skandal-Manöver „Oesling84“ und Verbindungen zu den „Bommeleeërn“

Einige Anhaltspunkte für die Aufklärung von „Stay Behind“-Aktionen erwarteten sich manche Beobachter gestern in der 162. Sitzung des „Bommeleeër“-Verfahrens, während der der Belgier Lucien Dislaire aussagte. Der ehemalige Fallschirmjäger, der sich in den 1960ern als Söldner in der kongolesischen Provinz Katanga verdingte, war in den 1980ern auch bei den Sicherheitskräften in Luxemburg aktenkundig geworden.

Im Kern ein „Stay Behind“-Manöver

1985 war er wegen eines Raubüberfalls und Dokumentenfälschung im Großherzogtum verhaftet worden und sass sogar zeitweilig in Untersuchungshaft. Doch der heute 74jährige Dislaire war gestern vor allem im Zeugenstand, um über die Vorkommnisse beim Manöver „Oesling84“ zu berichten, das der belgische Senat in einem Bericht übrigens als „im Kern“ ein „Stay Behind“-Manöver bezeichnet.

Es handelt sich dabei um ein Nato-Kriegspiel, im Norden Luxemburgs und im Süden Belgiens, bei dem Angriffe auf strategisch wichtige Infrastrukturen geübt wurden. So wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1984 die Kaserne der „Chasseurs ardennais“ in Vielsalm angegriffen.

Wer die Angreifer waren, ist bis heute unbekannt. Auf jeden Fall hatten sie nicht-reguläre Waffen dabei, die entgegen den Manöverbefehlen auch noch mit scharfer Munition bestückt waren. Das sollte einen jungen Adjutanten fast das Leben kosten als ein Mitglied des Überfallkommandos auf ihn schoss. Die Männer entwendeten anschließend Waffen. Von offizieller Seite wurde der Anschlag den „Cellules Communistes Combattantes“ in die Schuhe geschoben. Tatsächlich wurden später Waffen aus Vielsalm in einer Wohnung der extrem linken Bewegung gefunden. Gegen deren Anführer wurden allerdings nie wegen der Angelegenheit Klage erhoben.

Wohl aber gegen Lucien Dislaire. Er war von einem Geheimdienstagenten angeheuert worden, um am 12. Mai 1984 „Kommandos“, deren Angehörigkeit er nicht klar identifizieren konnte, in der Nähe der Kaserne abzusetzen. Nach Erfüllung dieser Mission zog er sich zurück. Als er später einem belgischen Journalisten davon erzählte und der einen Artikel brachte, der die offizielle CCC-These ins Wanken brachte, wurde er wegen bewaffneten Überfalls und versuchten Mordes verfolgt. 1991 wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Immer wieder wurde der Zeuge gestern nach einem Zusammenhang zwischen dem Vorfall in Vielsalm und den „Bommeleeër“-Attentaten gefragt. Er habe den Zusammenhang nicht hergestellt, so Dislaire, der Offizier Jean-Claude Marlair habe das getan. Marlair kommandierte in den 1980ern das Peloton, in dem der angeschossene Adjutant diente.

Weshalb wurden die Militärs nicht kontrolliert?

Der Offizier war am Tag des Überfalls auf die Kaserne in Vielsalm außer Dienst. Er hat allerdings jahrelang akribisch über den Überfall recherchiert und ein Dossier zusammen gestellt, das er 2007 dem belgischen Innenministerium zustellte.

Für Dislaire waren die Angreifer von Vielsalm „Banditen“ mit eventuell militärischem Hintergrund. Eine Spur nach Luxemburg sieht der Zeuge nicht, dem es allerdings komisch vorkommt, dass zwei Wochen nach dem offiziellen Ende des Manövers „Oesling84“, ein Strommast bei Beidweiler gesprengt wurde - es war der erste Anschlag in der „Bommeleeër“-Serie. Nach Auffassung von Dislaire, der die Frage aufwarf, weshalb die am Manöver beteiligten Militärs nicht kontrolliert wurden, müsse eine „Organisation“ hinter den Attentaten in Luxemburg stecken. Es sei wohl eher eine Sache von „Banditen“ und „Leuten aus dem Milieu“.

Kurios war ihm vorgekommen, dass die „Bommeleeër“ auch Lösegeldforderungen erhoben, wie er im Bericht der parlamentarischen Geheimdienstkontrollkommission von Juli 2008 gelesen habe.

Das habe ihn nämlich an zwei Leute erinnert, die er im Herbst 1985 kennen lernte, als er in Untersuchungshaft in Schrassig saß. Die beiden Deutschen hätten ihm anvertraut, dass sie in einem Parkhaus im Zentrum der Hauptstadt mit 750.000 Dollar im Koffer ihres Wagens ertappt wurden, die sie bei einer Erpressung erbeutet hatten.

Die „Operation Lynx“

Ob es einen solchen Fall gab, werden die Ermittler wahrscheinlich klären müssen. A propos Ermittler: Sie waren nach den Aussagen des ehemaligen SREL-Agenten Jean Kuffer auch mit der Untersuchung einer Observierung des Geheimdiensts vom Staatsratsgebäude aus befasst worden. Die Überwachung habe im Rahmen der Jagd auf die „Bommeleeër“ stattgefunden.

Ermittler Joël Scheuer bestätigte, dass die „Operation Lynx“ im November 1985 von der Gendarmerie organisiert worden war, um die Gebäude in der Umgebung des Staatsrats zu kontrollieren. Das war nach dem Anschlag auf den Justizpalast am 19. Oktober 1985. Heute geht es mit dem Dossier „Stay Behind“ weiter. Im den Zeugenstand gerufen wird nämlich Marco Mille, der den SREL zwischen 2003 und 2010 führte. Jahre, während denen einige Agenten die Hypothese aufstellten, dass der Geheimdienst womöglich in die Attentate impliziert war.