WINDHOF
CORDELIA CHATON

Romain Poulles hat als neuer Präsident des Nachhaltigkeitsrates viele Ideen

Romain Poulles setzt sich seit langem für mehr Nachhaltigkeit im Land ein. Seit rund sechs Wochen ist er Präsident des „Conseil Supérieur pour un Développement Durable“, dem Nachhaltigkeitsrat. Darüber hinaus trägt der Geschäftsführer des Ecoparcs Windhof noch den Titel des „Happy CEO Circular Eco Officer“, ist Mitglied der Gruppe, die das Cluster Cleantech bei Luxinnovation berät und Präsident des „Luxembourg Center for Circular Economy“. Wir haben ihn gefragt, was er als Präsident des Nachhaltigkeitsrats auf die Agenda setzt und wie es mit der Umsetzung aussieht.

Herr Poulles, Sie sind jetzt seit Mai Präsident des Nachhaltigkeitsrates. Was haben Sie seither verändert?

Ja, es sind jetzt sechs Wochen, dass ich dieses Amt inne habe. Wir stellen uns etwas anders auf als vorher. Der Rat wurde ja eingeführt, um der Regierung auf Anfrage eine Expertise zur Verfügung zu stellen, er kann sich aber auch selbst zu Wort melden. Bislang wurde er allerdings zu wenig genutzt und ist auch medial nicht sehr stark in Erscheinung getreten. Wir – denn ich bin ja nicht allein – wollen jetzt auf der einen Seite mehr Öffentlichkeit herstellen. Dazu kommt, dass wir jetzt mehr Mittel, mehr Personal und auch einen besseren Zugang zur Regierung haben. Der Premier hört uns an und wir können regelmäßig in Kontakt mit der Regierung treten.

Vor der Corona-Krise stand der Klimawandel ganz oben auf der Agenda. Da ist er aber jetzt nicht mehr.

Das Thema wird täglich aktueller, denn es betrifft jeden. Das haben schon die Demonstrationen von Fridays for future gezeigt. Natürlich hat das Virus auch Auswirkungen. Die junge Generation fühlt sich betroffen. Derzeit sind die Älteren von Covid-19 gesundheitlich betroffen, aber die jüngere Generation trifft das Thema Coronavirus durch Verschuldung, Arbeitslosigkeit und andere Faktoren.

Was hat der Nachhaltigkeitsrat bislang gemacht?

Wir haben eine Stellungnahme dazu veröffentlicht, was wir aus der Krise lernen können. Demnächst wird außerdem eine Studie zum CO2-Footprint fertig, die wir am 22. August präsentieren wollen, dem World Overshoot Day. Das „Institut fir biologesch Landwirtschaft an Agrarkultur Luxemburg“, IBLA, arbeitet dabei mit dem Global Footprint Network zusammen. Dann sieht man auch den Einfluss von Luxemburg. Die Arbeit des Nachhaltigkeitsrates wird von ganz unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Wenn wir die Ergebnisse haben, stellt sich die Frage, was wir damit machen. Ein Beispiel: Welche Auswirkungen sollte das für Grenzgänger haben? Ein dritter Aspekt ist eine Arbeitsgruppe, die über die Arbeit des Nachhaltigkeitsrates hinausgeht. Sie beschäftigt sich mit den Prinzipien der Circular Economy. Denn bislang hat jeder mit seiner eigenen Definition gearbeitet – und oft eine benutzt, die arrangiert hat. Es gab bislang keine verbindlichen Prinzipien. Daran arbeiten wir jetzt. Spätestens im September sollen sie vorgestellt werden. Dabei geht es um übergeordnete Prinzipien, die in so unterschiedlichen Bereichen wie dem Wohnungsbau oder der Landwirtschaft zu respektieren sind. Wir haben noch viel mehr Themen, die wir in den nächsten Sitzungen festlegen werden, denn wir wollen uns in die Debatte langfristig einbringen. Und dann liegt mir noch ein weiteres Thema am Herzen.

Welches ist das?

Das ist das Thema Wachstum und Bruttoinlandsprodukt. Bislang wird immer das BIP herangezogen. Aber wir sollten mir einer anderen Messgröße arbeiten, dem „PIB du bien-être“. Das wurde schon vor acht Jahren eingeführt und setzt sich aus 63 verschiedenen Aspekten zusammen, die letztlich alle der Idee Rechnung tragen, dass die Wirtschaft für das Wohlbefinden des Menschen da ist. Wir wollen diesen Aspekt stärker in das Licht der Öffentlichkeit rücken, denn das Ziel der Wirtschaft ist eben nicht das Wachstum, sondern das Wohlbefinden. Die Gesellschaft muss sich fragen, was sie am Ende will. Wie kompliziert die Diskussion darum ist, zeigt schon folgender Sachverhalt. Einer der Faktoren, die beim PIB du bien-être berücksichtigt werden, ist die Sicherheit. In Luxemburg ist das ein Wert, bei dem das Land objektiv an erster Stelle weltweit steht. Doch subjektiv ist das anders, da sehen sich viele Luxemburger als Schlusslicht. Das zeigt, wie kompliziert die Diskussion ist. Deshalb müssen auch Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert werden oder der Zusammenhang von Geld und Klimaschutz. Wohinein investieren wir? Und wofür geben wir Geld aus? Nachhaltigkeit macht sich langfristig immer bezahlt.

Was sollten wir beim Umgang mit Seuchen lernen?

Wir hatten schon viele Seuchen, die haben uns hier nur nicht alle so betroffen: Ebola, SARS, die Vogelgrippe und vielleicht demnächst die Schweinegrippe. Einige Länder haben fast alle Pandemien durchgemacht und waren viel weniger dafür gewappnet, mit den Folgen umzugehen. Klar ist: Das Risiko ist da und der Rhythmus von Pandemien läuft immer schneller ab. Das sind Grüne Schwäne. Im Finanzbereich spricht man ja von Schwarzen Schwänen, wenn es um ein seltenes Ereignis geht, das dann doch eintritt und eine große Wirkung entfaltet. Grüne Schwäne sind höchst wahrscheinlich und haben ebenfalls eine große Wirkung. Pandemien, Ressourcenknappheit und Klimawandel gehören dazu. Beim Coronavirus hat diesmal jeder mitbekommen, was Exponentialität bedeutet. In der Pandemie mussten wir drei Wochen warten, um zu wissen, was die Maßnahmen gebracht haben. In der Klimakrise wissen wir erst in zehn Jahren, was unsere Entscheidungen gebracht haben. Das kann jetzt jeder am eigenen Leib erleben. Wir haben auch gesehen, wie zerbrechlich, anfällig und mit anderen verbunden unser System ist.

Sie sprachen den Klimawandel an. Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist der Permafrost. Irgendwann ist der nicht mehr perma, weil alles abgeschmolzen ist. Welche Bakterien treten dann zum Vorschein? Welche Wirkung können sie haben? Können sie andere Krisen verursachen? Das weiß heute kein Mensch.

Was wollen Sie kurzfristig konkret ändern?

Dazu gibt es viel zu sagen! Kurzfristig können wir nicht alles ändern, nur langfristig. Klar ist: Zu dem alten Lebenswandel können wir nicht zurück. Kurzfristig haben wir jetzt gesehen, dass durch den Lockdown die weltweiten CO2-Emmissionen um fünf Prozent gesunken sind. Das ist nicht viel. Wir müssten jedes Jahr einen solchen Rückgang haben – doch so drastische Maßnahmen jedes Jahr sind unwahrscheinlich. Daher müssen wir das Modell ändern. Der Nachhaltigkeitsrat will energetische Sanierung von Gebäuden, vor allem von Residenzen. Eine mögliche Lösung wäre der „tiers invests“. In diesem Bereich geschieht zu wenig. Eine solche Strategie würde auch dem Bau zugutekommen. Ein zweiter Aspekt wäre die Konzentration auf regionale und saisonale Produkte. Vor der Krise haben täglich 77.000 Menschen hier im Land in Kantinen gegessen. Das ist ein sehr großes Potenzial. Da ließe sich mit wenig Aufwand viel erreichen; vielleicht auch unter Einbindung des noch zu gründenden Ernährungsrates oder der Foodcluster. Bislang bleibt jedenfalls vom Verkaufspreis zu wenig bei den Produzenten. Bei einer regionalen Verteilung wäre das anders.

Und mittelfristig?

Der Finanzplatz muss wirklich nachhaltige Produkte anbieten. Da tut sich ja auch etwas. Den ESG-Sektor gab es noch vor ein paar Jahren nicht. Das läuft jetzt viel stärker, doch die Kriterien sind noch nicht strikt genug. Aber wenn der Finanzplatz mehr in diese Richtung geht, dann wäre das gut. Dazu passt Impact Finance. Darüber hinaus wünsche ich mir eine stärkere Aus- und Weiterbildung, die das ganze Leben lang anhält. Deshalb sollten sich schon Topmanager viel besser mit dem Thema auskennen. Dazu kommt der Trend hin zur CO2-Bilanz gemeinsam mit einer Kostenrechnung, die sich als Ökobilanz präsentiert und aufzeigt, wie biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder als „technische Nährstoffe“ kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden können. In zehn Jahren muss so etwas Chefsache sein. Die Entscheider von morgen müssen die gesamte Wertschöpfungskette untersuchen und Bilanzen auch jenseits der heute üblichen Zahlen präsentieren. Da ist Aufklärung nötig.

Wie meinen Sie das?

Wir reden immer von Wertschöpfung. Aber wie ist das mit dem Werterhalt? Der ist immateriell – und trotzdem sehr wichtig. In den volkswirtschaftlichen Theorien wird bis heute mit den stark vereinfachten Theoremen aus dem vergangenen Jahrhundert gearbeitet, in den Kapital, Produktion und Arbeit die Faktoren sind. Da wird so getan, als ob Ressourcen wie beispielsweise Wasser oder Mineralien gratis und unendlich sind. Doch dem ist nicht so. Die müssen in Modellen anders berücksichtigt werden. Dann kommen wir auch zu anderen Rückschlüssen. Wir kehren damit wieder zur Frage zurück, auf welchem Modell wir unser Wachstum aufbauen.

Was planen Sie langfristig?

Wir brauchen auch bei der Aus- und Fortbildung ein systemisches Denken. Ein Beispiel: In der Schule werden die Fächer Biologie, Französisch oder Deutsch nicht übergreifend gelehrt. Statt zu sagen: Wir betrachten den Wasserkreislauf aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, aus einer geografischen, wirtschaftlichen und politischen beispielsweise wird alles getrennt unterrichtet. Das muss anders werden. Ein weiterer Aspekt: Wir müssen die Resilienz zur nationalen und europäischen Strategie machen. Wie stabil ist unser System, wenn es unter Schock steht? Das betrifft auch die Entscheidungswege. Wie gut sind sie trotz geringer Informationen? Die letzte Krise hat gezeigt, dass Politiker ein offeneres Ohr für Virologen als für Klimaforscher haben.